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Viagra – Medikament oder Lustpille? (Imabe-Info 4/98)

Was ist das neue Medikament Viagra, und was ist seine Wirkung?

Am 27. März 1998 erteilte die U.S. Food and Drug Administration die Zulassung für die Substanz Sildenafil unter dem Handelsnamen Viagra® für die USA. Als Indikation gibt die Herstellerfirma Pfizer die Behandlung der erektilen Dysfunktion (ED) an. Die Substanz kommt aus der NO- (Stickstoffmonoxid)-Forschung. Stickstoff-monoxid bewirkt unter anderem, eine Erweiterung der Blutgefäße. Während der sexuellen Stimulation wird zunächst NO freigesetzt, wodurch das Enzym Guanylzyklase aktiviert wird, was wiederum erhöhte Spiegel von zyklischem Guanosinmonophosphat (cGMP) bewirkt. Dieser erhöhte cGMP-Spiegel bewirkt schließlich eine Relaxation der Gefäßmuskulatur und vor allem eine Entspannung der glatten Schwellkörpermuskulatur. Dadurch kommt es zu einem vermehrten Bluteinstrom in den Penis. Viagra verstärkt den Effekt von NO durch Hemmung jenes Enzyms, das cGMP abbaut: Phosphodiesterase Typ 5 (PDE5). Der dadurch erhöhte cGMP Spiegel bewirkt eine (verlängerte) Erektion. Viagra hat daher ohne sexuelle Stimulation keine Wirkung, da die Freisetzung der erwähnten Faktoren vorausgesetzt wird. Viagra ist also nicht libidofördernd und ist schon von daher als "Lustdroge" ungeeignet.

Untersuchungsergebnisse bei Testpersonen liegen vor

Viagra wurde an über 3000 Personen im Alter zwischen 19 und 87 Jahren getestet. Es wurden randomisierte Doppelblindstudien mit Dosierungen von 25mg, 50mg und 100mg bei Patienten mit organischer und psychogener erektiler Dysfunktion (bzw. Mischformen) gemacht. Je nach Dosierung gaben zwischen 63% und 82% der Patienten eine Verbesserung an gegenüber 24% bei Placebogabe. Bei radikaler Prostatektomie lag die Verbesserung der Erektion bei 43% gegenüber 15% bei Placebo.

Kontraindikationen und Nebenwirkungen

Zur Vorsicht wird geraten bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen, Blutgerinnungsstörungen, peptischen Ulcera und Retinitis pigmentosa. Weiters werden schwere Leberinsuffizienz, Hypotonie (Blutdruck < 90/50 mmHg), kürzlich erlittener Schlaganfall oder Herzinfarkt, sowie Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der Inhaltsstoffe als Kontraindikation angegeben. Ein direktes kardiales Risiko durch die Einnahme des Präparates scheint nicht gegeben zu sein, lediglich indirekt, da bei sexueller Aktivität generell ein erhöhtes kardiales Risiko besteht. Allgemeine Vorsicht ist auch bei Patienten mit anatomischer Deformierung des Penis angebracht, sowie bei Zuständen, die zum Priapismus prädisponieren (Sichelzellanämie, Multiples Myelom, Leukämie).

Aufgrund der Verstärkung der blutdrucksenkenden Wirkung der Nitrate über den NO/cGMP-Weg ist die gleichzeitige Verabreichung von Viagra mit organischen Nitraten oder mit NO-Donatoren absolut kontraindiziert.

Die generell als mild und kurzdauernd angegebenen Nebenwirkungen sind in erster Linie Kopfschmerzen, Flush, Übelkeit, Schwellung der Nasenschleimhaut, Sehstörungen.

Dosierung

Als Standarddosierung wird 50mg Viagra etwa 1 Stunde vor der sexuellen Aktivität gegeben. Steigerung bis 100mg oder Senkung auf 25 je nach individueller Notwendigkeit ist möglich. Erhöhte Spiegel können bei Leberzirrhose, schwerer Niereninsuffizienz und der Gabe der oben erwähnten Zytochrom-Inhibitoren auftreten, und erfordern eine Dosisreduktion auf 25mg.

Viagra erregt großes Aufsehen in der Öffentlichkeit

Wie ist es nun zu erklären, daß ein solches Medikament einen derartigen Boom auslösen konnte? Bisher gab es bereits Möglichkeiten der Behandlung der erektilen Dysfunktion (ED). Ist es nur die einfachere Möglichkeit eine Tablette zu schlucken, statt wie bisher eine lokale Injektion durchführen zu müssen?

Glaubt man den Zahlen der Illustrierten News vom 18. 6. 98, so rechnet der Erzeuger mit einem Umsatz von 4 Mrd. US $/Jahr. Bisher hätten 1,7 Millionen Männer ein Rezept in den USA eingelöst, und weiterhin werden 250.000 Rezepte/Woche in den USA ausgestellt. Es wird bereits von einem Kursanstieg der Pfizer Aktie gesprochen, aber es werden auch bisher etwa 70 Todesfälle mit Viagra in Zusammenhang gebracht. Im August las man in Österreich, Viagra werde bereits auf dem Schwarzmarkt um 300 Schilling pro Tablette verkauft.

Im September 1998 wurde Viagra in Europa und damit auch in Österreich zugelassen.

Halten wir also fest: Viagra ist ein Medikament und kein Aphrodisiakum (ein den Geschlechtstrieb steigerndes Mittel). Es ist keine "Lustpille" und darf auch nicht zur "life-style Droge" werden. In diese Richtung dürfte jedoch trotz Rezeptpflicht die Erwartung der meisten Leute gehen, die durch die Art der Medienberichterstattung vielfach noch verstärkt wurde.

Falsche Erwartungen von Viagra

Die Ursache für diese Erwartung muß man in einem Gesamtklima suchen, das, begünstigt durch Übermüdung, Frustration am Arbeitsplatz, Streß sowie übermäßiges und freudloses Essen aus Massenprodukten und -abspeisungen, weithin eine Abstumpfung und Manipulierbarkeit der Menschen bewirkt hat. Klares Denken, Willenskraft und Selbstdisziplin sind dabei zusehends verkommen. Die Wohlstands-verursachte Dekadenz verlangt nach (Ersatz)befriedigung. Eingebettet in einen infantilen Konsumismus und Hedonismus sehen wir eine Übererotisierung der Gesellschaft. Obwohl sich die enthusiastischen Erwartungen und Vorhersagen der 68er, daß der von sexuellen Tabus befreite Mensch glücklich, frei und friedfertig sein würde ("make love, not war"), als völlig irrig herausgestellt haben, bestimmt dieses Denken weiterhin die öffentliche Meinung. Anstatt zu erkennen, daß die ungezügelte Sexualität Suchtcharakter hat und daher der zeitlich parallele Anstieg des Drogenkonsums kein Zufall ist, propagiert man weiterhin diese in Wirklichkeit längst überholten Ideologien.

Sexualität darf nicht auf Genitalität reduziert werden

Diese Liberalisierung der Sexualität hat vielfach zu einer Loslösung von personaler Bindung und Liebe geführt und verhängnisvolle Folgen gehabt. So kann man teilweise gar nicht mehr von Sexualität sprechen, höchstens von unreifer Genitalität. Von der Zerstörung der Familie bis hin zum verabscheungswürdigen Kindesmißbrauch spannt sich ein Bogen verheerender Entwicklungen. Beziehungsstörungen, Egoismus, mangelnde personale Begegnungs- und Liebesfähigkeit gehen häufig mit einer Überreizung einher, aber auch Depressionen, Hypersexualisierung und überfrachtete sexuelle Höchstansprüche sind Folgen derselben Ursache.

Gleichzeitig wird die Lehre der Kirche in Humanae Vitae nach wie vor als nicht lebbar abqualifiziert, ja verspottet. Man will hier manche Zusammenhänge einfach nicht sehen, denn der Sex ist ein zu gutes Geschäft geworden. Die Ordnung und Zügelung der Geschlechtlichkeit bedeutet sicherlich einen lebenslangen Kampf, bei dem jeder auch seine Schwäche und das Angewiesensein auf die Gnade Gottes erkennen wird. Gerade dadurch wird man aber auch die richtigen Relationen behalten, die sonst verloren gehen. Die Integration der Sexualität in die gesamte Persönlichkeit, ist eben nicht nur eine Voraussetzung für Weisheit, Reifung, Wertempfinden und echte Erfüllung, sondern auch für eine Gottesbegegnung. Um all dies geht es auch der Kirche, und man kann nicht oft genug betonen, daß das nichts mit Leibfeindlichkeit zu tun hat - ganz im Gegenteil.

Kontraproduktive Anwendungen von Viagra

Bei organisch bedingter ED wird Viagra nach entsprechender ärztlicher Diagnosestellung und Verordnung seinen Platz haben.

Eine Behandlung der psychogenen Dysfunktion mit der neuen Substanz scheint jedoch problematisch, weil die Tablettenwirkung die wahren Wurzeln der Krankheit verdecken und daher einer Aufarbeitung und damit einer dauerhaften Heilung im Wege stehen könnte. Daß psychogene erektile Dysfunktionen in weiteren Zusammenhängen gesehen werden müssen, ist wenigstens teilweise - gerade in den letzten Jahren - zunehmend ins Bewußtsein gerückt. Insofern darf Viagra nicht kontraproduktiv wirken. Denn eben dieser Prozeß zunehmender Einsicht würde sonst wieder zurückgedrängt. Denn viele greifen lieber zur Tablette, als sich einem längeren, vielleicht mühsamen Lernprozeß zu unterwerfen.

In vielen Fällen wird man daher zur Psychotherapie raten müssen. Aber auch das seelsorgliche Gespräch und das Bußsakrament wird bei entsprechend ungeordneten Verhältnissen wieder mehr in seiner Bedeutung und in einem tieferen Sinn heilenden Kraft erkannt werden müssen. Schließlich müßte überhaupt ein tiefer gehendes Umdenken erfolgen, das die längst überholten 68er-Dogmen endlich über Bord wirft.

Da nach katholischer Lehre die Sexualität auf die Ausübung im Rahmen einer intakten Ehe beschränkt ist, ergibt sich eine entsprechende ethisch-moralische Restriktion bei der Anwendung und Verschreibung. Dies bleibt jedoch rein rechtlich gesehen ohne Konsequenz.

Viagra hat Berechtigung als Medikament, darf aber nicht zur "Lustpille" werden

Verfolgt man die gegenwärtige Diskussion, so dürfte der Boom um Viagra auch einen Boom lustfördernder "Medikamente" nach sich ziehen. Angeblich wird nicht nur die Wirkung von Viagra bei der Frau auch unter diesem Blickwinkel getestet, sondern auch auf dem Gebiet der Apomorphine und anderer Substanzen in dieser Hinsicht geforscht. Damit wäre der Weg in Richtung Droge und entsprechender, zumindest psychischer Abhängigkeit eingeschlagen, was sicherlich abzulehnen ist.

Abschließend muß auch festgestellt werden, daß die sexuelle Aktivität mit zunehmendem Alter physiologischerweise abnimmt. Das Ausmaß der Möglichkeiten im jugendlichen Alter kann also nicht zur allgemeinen Norm erhoben werden. Das käme einer Vergötzung der Jugend gleich und würde eine streßreiche Prolongierung einer künstlichen Jugendlichkeit bedeuten und ein Altern in Würde verhindern.

Viagra wird also hauptsächlich seinen Platz bei der Behandlung der somatisch bedingten erektilen Dysfunktion haben müssen.

Man darf jedoch gespannt sein, was die Zulassung von Viagra in Europa bewirkt, und man wird für einen Einsatz innerhalb der entsprechenden Grenzen Sorge tragen müssen.

Quelle

Nach einem Beitrag von Dr. Rupert Klötzl, in: Imago Hominis, Band V/Nr. 3, 1998; gekürzt und überarbeitet.

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