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Mitleid: Mitleiden und Mitleben (Imabe-Info 2/99)

Aus Mitleid töten?

In der westlichen Zivilisation wird immer mehr über den "Wert des Lebens" gesprochen. Es handelt sich hierbei oft aber nur um eine positive Formulierung des Begriffes vom "unwerten Leben". Gemeint wird meist dasselbe. Es wird als höchstes Ziel des Menschen angenommen, sich zu vergnügen, oder wenigstens sich wohl zu fühlen – Leiden muß um jeden Preis beseitigt werden. Diese Diesseits-Weltanschauung führt zum Unvermögen, Leid zu ertragen. Deshalb "kann" man nicht anders, als das Leid zu bekämpfen, auch wenn dies bedeuten sollte, einen Menschen zu beseitigen.

Geschichtlich gesehen ist diese Haltung nicht neu. Im Dritten Reich wurde die Tötung als "Tat der Liebe und des Mitleids" propagiert. Schon Napoleon tarnte sein Vorhaben, pestkranke Soldaten durch Opium töten zu lassen, als Mitleidsakt.

Eine Tötung aus Mitleid ist objektiv jedoch widersprüchlich: "Jemanden zu töten, eine Person auszulöschen, ist von der objektiven Bedeutung der Tötungshandlung her nie Mitleid, sondern dessen Perversion. Jemanden zu töten ist die Negation der Liebe zu dieser Person. Gefühlsmäßig mag in manchen Extremfällen ein gewisser Impuls bestehen, die leidende Person angesichts der eigenen Unfähigkeit, Schmerzen zu lindern, zu töten, aber bereits auf der Gefühlsebene drängen sich unüberhörbar Fragen auf: Eine Liebe, die tötet? Eine Zuneigung, die den anderen von der Last des eigenen Lebens befreit? Ein Mitleid, das denjenigen beseitigt, dessen Leid er nicht mehr ertragen kann? Eine Fürsorge, die angesichts der eigenen Ohnmacht zu heilen, Leben auslöscht? Was ist das für eine Liebe, für eine Zuneigung, für ein Mitleid, für eine Fürsorge? (...) Wer um Tötung bittet, meint, so nicht weiterleben zu können. Beseitigt man die Ursache der Beklemmung, der Angst, der Einsamkeit etc., erwacht der Lebenswille selbst eines Terminalpatienten von neuem."1

Mitleid ist dazu da, um zu helfen, um Zeugnis für das Leben zu geben

Die Notsituation des anderen ruft zur Hilfe auf. Der fremde Schmerz ruft im Innersten die Bestürzung wach und gleichzeitig das Verlangen, etwas zu tun, zu erleichtern, zu helfen. Der fremde Schmerz bewegt dazu, das Ich aus dem Mittelpunkt des Interesses zu verdrängen. So führt das Leiden zu einer neuen Form der zwischenmenschlichen Beziehungen. Es schließt eine soziale Dimension in sich ein.

Das Erwerben der Fähigkeit, etwas von sich aufzugeben, erfordert Überwindung des eigenen Egoismus, ein Beiseiteschieben von Kalkül und Berechnung. Diese Handlungsweise gehört zum menschlichen Wesen und ist bis zu einem gewissen Grad naturgemäß. Aus persönlichem oder kollektivem Egoismus kann es dazu kommen, daß eine Person sich in sich selbst zurückzieht und von den anderen nichts mehr wissen will. Mitleid wird dann als ein Akt der Schwäche oder als Mangel angesehen.

Wahre Hilfe muß jedoch gewissen Forderungen Rechnung tragen. Sie muß zum einen wirksam und zum anderen echt sein. Manchmal tarnt sich als "Hilfsbereitschaft" eine gewisse Eitelkeit oder Herrschsucht, manchmal auch ein Fluchtversuch vor der eigenen Not.

Das Wesen der Hilfe besteht nicht darin, irgend etwas zu tun oder zu gewähren, sondern in der echten interpersonalen Beziehung, in der eine der beiden Personen im voraus weiß, worin das Gute für den anderen liegt und bewußt wünscht, ihn zu diesem Gut zu führen.

Die Hilfe, die man anbietet, darf den Reifungsprozeß des Kranken nicht verhindern, sondern muß ihn fördern.

Die Hilfe des Arztes besteht manchmal nur darin, den Patienten vom "Schmerz als Last" zu befreien

Ein erfahrener Chirurg erwähnte in seiner Antrittsrede in der Königlichen Akademie der Medizin in Madrid: "Aufgabe des Arztes ist es zu fördern, daß Leid und Krankheit, die sich nicht beseitigen lassen, zum Wohl des Kranken gereichen. Wenn sie bewußt bejaht und in das eigene Leben aufgenommen werden, verwandeln sie sich in eine Quelle des Reichtums und der Reife. Die Hilfe des Arztes besteht darin, daß der Patient fähig wird, sich vom ‘Schmerz als Last’ zu befreien und ‘zum Schmerz als Sieg’ zu gelangen."2

Dafür ist unbedingt notwendig, daß der Arzt sich Zeit für den Patienten nimmt, ohne daß er seinen Einsatz auf Sozialarbeiter oder Seelsorger abschieben will. Eine Zusammenarbeit mit diesen und auch mit den Angehörigen ist unerläßlich, aber der Arzt hat eine Verantwortung und Aufgabe, die er nicht übertragen darf.

Der enorme Einfluß, den der Arzt auf die intimsten Vorgänge in der Person haben kann, ist außerordentlich wirksam: Über die körperlichen Vorgänge hinaus reicht er bis zum Geist des Menschen. Wenn dem Arzt das zu Bewußtsein kommt, wächst die Verantwortung in ihm. Mehr noch: Seine Arbeit kann durch einen übernatürlichen Akt sehr leicht in Liebe verwandelt werden.

Aber der Arzt kann in diesem Sinn dem Kranken nur helfen, wenn er selbst für die grundsätzlichen Fragen seines Lebens eine Antwort weiß, wenn er in der Lage ist, die Kämpfe und die Ängste der Kranken mitzuempfinden, aber genügend Abstand bewahren kann, um eine wirksame Hilfe aufbringen zu können. Dabei ist es notwendig, daß der Arzt nicht von vornherein seine Einstellung zum Leid auf den Patienten projeziert. Oft setzen Ärzte "nicht heilbar" mit "hoffnungslos" gleich, was sich automatisch auf den Patienten überträgt. Die Aufgabe der Medizin ist es jedoch, die Schmerzen des Leibes und das Leid der Seele zu lindern. Beide sind von unserem menschlichen Dasein nicht zu trennen. Es geht nicht nur um die Besserung der Krankheit sondern auch um die zwischenmenschliche Beziehung. Beides gehört zusammen.

Bereicherung für den Helfenden und Trost für den Tröstenden

Der Umgang mit Sterbenden ist nicht nur eine Frage der Nächstenliebe oder der Berufspraxis, er verändert die zwischenmenschlichen Beziehungen. Hier kann man die Erfahrung anwenden, die Jean Vanier gemacht hat, nachdem er 25 Jahre in L'Arche (einem von ihm gegründeten Zentrum für Behinderte) tätig war: "Durch das Leben mit diesen Männern und Frauen, die mehr oder weniger entstellt waren, wollte ich ihnen ein menschliches Dasein ermöglichen. Aber nach und nach entdeckte ich, daß sie es waren, die mir zu einem menschlichen Gesicht verhalfen. Sie ließen mich entdecken, wie sehr ich Mensch bin."3

Der "Wunsch" nach dem Tod ist immer ein Hilferuf nach mehr Zuwendung und Liebe

Der Kranke will sterben, wenn er sich verlassen, sozial tot oder sich als Last fühlt, wenn seine Umgebung ihn abgeschrieben hat oder wenn er "Angst" vor dem Weiterleben mit Schmerzen spürt. "Man darf jedoch die flehentlichen Bitten von Schwerkranken, die für sich zuweilen den Tod verlangen, nicht als wirklichen Willen zur Euthanasie verstehen: Denn fast immer handelt es sich um angstvolles Rufen nach Hilfe und Liebe. Über die Bemühungen der Ärzte hinaus hat der Kranke Liebe nötig, warme, menschliche und übernatürliche Zuneigung, die alle Nahestehenden, Eltern und Kinder, Ärzte und Pflegepersonen ihm schenken können und sollen."4

Ein Wiener Arzt wußte einmal zu sagen: "Wenn ein Patient zu mir gesagt hat: ‘Herr Doktor, geben Sie mir eine Spritze - ich möchte sterben’, dann war es immer in Wirklichkeit ein verzweifelter Hilferuf: ‘Herr Doktor, ich habe niemanden, ich brauche noch mehr Zuwendung.’ Es ist meine langjährige Erfahrung, daß jeder Patient später froh und dankbar ist, wenn er die verlangte Spritze nicht bekommen hat. Ich kann auch die Beobachtung machen, daß schwer leidende Patienten, die am Krankenbett von ihren Verwandten und Freunden liebevoll umsorgt wurden, niemals auf den Gedanken kommen, mit einer Todesspritze ihr Leben zu beenden."5

Auch die Entscheidungen, die Menschen im gesunden Zustand abgeben können, müssen "richtig"

interpretiert werden. "Der Gesunde macht sich aber fast immer falsche Vorstellungen über die tatsächlichen Verhältnisse des Schwerkranken. Die Sorgen des Gesunden über seine letzte Krankheit sind andere als die tatsächlichen Gedanken des Schwerkranken, und Motivationen des Gesunden, die zum Wunsch nach aktiver Euthanasie für einen bestimmten vorgestellten Fall führen, pflegen nicht in die Überlegungen des Schwerkranken angesichts des nahenden Todes einzugehen."6

Echtes Mitleid führt zum Mitleiden

Die Angehörigen können entscheidend wirken, wenn es darum geht, die Richtlinien festzulegen, wie es weitergeht. Dies muß aber mit Vorsicht akzeptiert werden. "Der Wunsch nach Erlösung von schweren unheilbaren Leiden wird von den Angehörigen oft vorgetragen.[...] Aber dieses ‘Mitleid’ und diese ‘Liebe’ sind meistens nicht auf den Kranken, sondern auf die eigene Person gerichtet. Es ist die Erlösung von dem schrecklichen Anblick eines sterbenden Menschen, es ist die Erlösung von der durch den Kranken in vieler Hinsicht bedingten Belastung"7, oft auch der finanziellen.

Deshalb muß man sich fragen: Mitleid mit wem? Mit sich selbst oder mit dem Kranken? "Echtes Mitleid setzt Mitleben mit der kranken Person voraus: Man kann nur mit-leiden, wenn man mit-lebt. Gerade in dieser Hinsicht gibt es viele Versäumnisse nicht nur von seiten der umgebenden Personen, die zur Pflege und Fürsorge aufgerufen sind, sondern vor allem auch von seiten der Kranken selbst, die sich oft isolieren, zurückziehen und sich für eine unnütze Last erachten. Durch diese freiwillige und selbstverschuldete Vereinsamung und dem daraus resultierenden Sinnlosigkeitsgefühl kann das Phänomen des sogenannten ‘sozialen Tods’ entstehen: das Abgleiten in ein ‘Beziehungsvakuum’, in dem es weder Mitleben noch Mitleid gibt."8

"Nicht für einen Augenblick habe ich gewünscht, dieses Leben aufzugeben."

Zahlreich sind die Zeugnisse derjenigen, die in einer solchen Notsituation sind. Man steht vor Menschen, die, wie der Phönix aus der Asche aufersteht, sich über ihre eigene "Möglichkeiten" erheben.9 Aus einer Fülle von Beispielen sei eines hier erwähnt:

Der Fall der Dänin Fog-Pedersen ist ein schlagendes Beispiel. Le Monde berichtete: Seit 1964 an akuter Myasthenie erkrankt, war sie unfähig, sich zu bewegen und zu sprechen. Seit 1966 wurde sie durch eine künstliche Lunge am Leben erhalten. Mit eiserner Energie bot sie dieser Prüfung die Stirn. Sie veröffentlichte in dieser Zeit acht Bücher, die in Dänemark Bestseller waren. Zudem hielt sie dank des Rundfunks und des Fernsehens engen Kontakt mit der Außenwelt. Sie diktierte ihre Werke Wort für Wort ihren Krankenschwestern mit Hilfe eines selbsterfundenen Morse-systems: Da sie nur leicht die Finger bewegen konnte, klopfte sie mit der Fingerspitze auf einen Karton... Viele Male, immer wenn die Auseinandersetzung über die Euthanasie im nördlichen Europa wieder auflebte, versicherte sie in verschiedenen Zeitschriften, daß sie nie, auch nicht für einen Augenblick, gewünscht habe, dieses Leben aufzugeben. "Für mich ist das Leben heilig", erklärte sie 1972 in einer Zeitung, "und solange es uns geschenkt ist, müssen wir es in all seinen Aspekten leben"; und sie fügte spöttisch hinzu: "Wenn die Euthanasie legalisiert worden wäre, glaube ich, daß sie mich schon lange ‘ad Patres’ geschickt hätten..." Frau Fog-Pedersen hat unzählige Briefe von Lesern erhalten, die ihr für die moralische Unterstützung danken, die ihnen ihre Schriften und ihr persönliches Zeugnis gegeben haben.10

Das Bild des Arztes darf nicht verändert werden

Nichts und niemand kann je das Recht verleihen, einen unschuldigen Menschen zu töten, mag es sich um einen Embryo oder um einen unheilbar Kranken oder Sterbenden handeln. Aktive vorzeitige Beendigung (eines Lebens) hat mit ärztlicher Tätigkeit nichts zu tun, widerspricht ihr. Ein Arzt soll Krankheiten heilen, Schmerzen lindern, dem kranken, gelegentlich auch dem gesunden Menschen helfen, ihr Leben zu meistern; aber ein Arzt ist kein Heger im weidmännischen Sinn, der krankes Wild abschießt und vernichtet. Er ist auch kein Züchter, jedenfalls nicht mit dem Recht, verkrüppelte oder nicht entwickelte oder mit schlechten Anlagen versehene Wesen zu töten. Er hat auch nicht das Recht eines Tierhalters, der seinen alt und blind gewordenen Hund erschießen darf. Sollte dies alles einmal, auf menschliche Verhältnisse zurechtgestutzt, zur ärztlichen Tätigkeit gerechnet werden, dann müßte das alte, zur Zeit noch gültige Arztbild grundlegend verändert werden.

Es darf auch niemandem erlaubt werden, eine Tötungshandlung für sich oder für einen anderen zu erbitten, ja man darf nicht einmal einer solchen Handlung zustimmen. Dieses Verbot liegt schon auf einer natürlichen Ebene. Bereits im 4./5. Jahrhundert vor Christus hat der hippokratische Eid bestimmt: "Keinem werde ich ein tötendes Gift verschreiben, auch wenn ich darum gebeten werde..."

Schließlich muß gesagt sein, daß keine Autorität eine Tötungshandlung rechtmäßig anordnen oder zulassen kann. Denn es geht dabei um die Verletzung eines göttlichen Gesetzes, um eine Verletzung der Würde der menschlichen Person, um ein Verbrechen gegen das Leben, um einen Anschlag gegen das Menschengeschlecht.

Referenzen

  1. Schlag Martin, Das moralische Gesetz in Evangelium Vitae, Dissertation in Rom, an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz, 1998, S. 415.
  2. Piulachs Pedro: El sentido del dolor (Instituto de España, Hrsg,), Madrid 1974, S. 114.
  3. Heilende Gemeinschaft, Salzburg 19902, 10. Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Euthanasie, 20.5.1980, S.9.
  4. Bonelli Johannes, Statement in ZIB 3, am 18. 3. 1999.
  5. Lutterotti Markus, Der Kranke denkt anders über den Tod als der Gesunde. Ärztliche Gesichtspunkte zum Thema Euthanasie, Herder Korrespondenz 8 (1974) 393f. Vgl. Ders. FAZ 27.9.85.
  6. Röttgen Peter, Medizinische Aspekte zur Diskussion über die Euthanasie, Rheinischer Merkur, Koblenz 22.11.1974.
  7. Schlag Martin, Das moralische Gesetz ... S. 420.
  8. Viele Zeugnisse sind in zahlreichen Werken zu finden. Vgl. zum Beispiel: Frankl Viktor E., Homo patiens, Deutike, Wien 1950. Ders.: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, Verl. für Jugend und Volk, Wien 1946. Cermak Ida, Ich klage nicht, Diogenes, Zürich 1983.
  9. Olsen Camille, La vie, le bien le plus précieux, Le Monde, Paris 16/17.1.1977.
  10. Vgl. Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre zur Euthanasie, 20.5.1980, II, S. 8.

Quelle

gekürzte und überarbeitete Fassung des Aufsatzes "Darf Mitleid ein Grund zur Tötung sein?" von Johannes Vilar, in: Imago Hominis VI/2, 1999, S.131-142.

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