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Organtransplantation (Imabe-Info 4/96)

Der medizinische Fortschritt der letzten Jahre hat ungeahnte Perspektiven eröffnet. So besteht im Falle der irreversiblen Schädigung mancher Organe die Möglichkeit seines Ersatzes durch Transplantation. In Österreich werden Transplantationen bereits seit Jahren routinemäßig durchgeführt und gehören praktisch zum Klinikalltag. Allein in unserem Land wurden im Jahr 1995 293 Nieren, 108 Herzen und bei 110 Patienten die Leber transplantiert.1 Dennoch sind die Wartelisten lang, wie eine Statistik, die den Zeitraum von 1990 bis 1995 umfaßt, zeigt. 18% der Patienten, die auf eine Leber warten und 22%, die potentielle Herzempfänger sind, versterben noch während der Wartezeit.2

Es ist unbestreitbar, daß viele Menschen durch diesen Zweig der Medizin eine echte Verlängerung des Lebens oder zumindest eine Besserung der Lebensqualität erfahren.

Transplantationstätigkeit im internationalen Vergleich (1995)
Österreich BRD Holland USA
Einwohner (Mio.): 7,5 81,6 15 255
Nieren 293 2128 395 8596
Herz 108 498 48 2360
Lungen 29 84 20 872
Leber 110 595 94 3912

Tabelle 1: Vgl. Newsletter Transplant, March 1996

Zur Koordination des Transplantationswesens wurden Organisationen auf nationaler und auf internationaler Ebene ins Leben gerufen. Mittels Informations-und Datenaustausches soll eine rasche und effektive Organgewinnung und -verteilung gewährleistet werden. Spenderorgane sind ein knappes und zudem nur kurzfristig verwendbares Gut. Die österreichischen Transplantationszentren sind über Eurotransplant am internationalen Organaustausch beteiligt. Der Austausch (Export/Import) hält sich dabei in etwa die Waage. Das bedeutet, daß in den Jahren 1994-1995 in Österreich rund ein Drittel der transplantierten Organe aus dem Ausland stammten, wiewohl auch ca. dieselbe Menge an explantierten Nieren, Herzen und Lebern jenseits unserer Grenzen eingepflanzt wurden.

Die Geschichte der Transplantationschirurgie läßt sich weit in den Bereich der Mythen und Legenden zurückverfolgen. Die wesentliche Entdeckung der Blutgruppen gelang Land-steiner im Jahr 1900. Somit konnte der Startschuß für die nicht aufzuhaltende weltweite Entwicklung erfolgreicher Organverplanzungen gegeben werden. Die erste Nierentransplantation wurde bereits 1936 durchgeführt, für Ausreifung und Entwicklung der Technik waren die Jahre 1950-1960 entscheidend. Der südafrikanische Chirurg Barnard führte unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit 1967 die erste Herztransplantation durch.

Neben den technisch-wissenschaftlichen Problemen der konkreten Machbarkeit und Durchführung treten auch Fragen nach der ethischen Zulässigkeit auf. Um diese beantworten zu können, muß man auf einige grundlegende Werte zurückgreifen.

I. Das menschliche Leben besitzt in seiner Gesamtheit Wert und Würde.

Das menschliche Leben ist mit einer hervorragenden Würde versehen, da es Abglanz des Absoluten ist. Das Dasein des Menschen äußert sich stets in einer geistig-körperlichen Einheit, die in ihrer Ganzheit Achtung und Ehrfurcht verlangt. Daher steht allen Menschen ein unantastbares Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zu. Der Körper einer Person darf also keinesfalls als bloßes Objekt verwendet oder nach seinem Nutzwert beurteilt werden. Es wäre nicht zulässig, mit einzelnen Organen oder Gewebeteilen von Lebenden Handel zu treiben.3

Selbst der menschliche Leichnam nimmt noch in gewisser Weise an der Würde der Person teil und kann daher nicht einfach als Sache behandelt werden.

Stellt man sich nun die Frage, ob eine Organentnahme zur Transplantation dennoch zulässig ist, muß man weitere Kriterien zur Beurteilung beiziehen. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Lebend- und Totspendern.

II. Die Organentnahme von lebenden Spendern ist nur dann sittlich einwandfrei, wenn sie mit keiner wesentlichen Beeinträchtigung der Gesundheit einhergeht und keine kommerziellen Zwecke verfolgt.

Ein lebender Mensch darf nur jene Organe spenden, deren Entfernung die körperliche Unversehrtheit nicht beeinträchtigt d.h. seinen Vitalfunktionen keinen ernsthaften Schaden zufügt. So können paarig angelegte Organe (Niere, Hornhaut), nicht unverzichtbare Körperteile des Spenders (z.B. Haut) oder rasch regenerierfähige Systeme (Blut oder Knochenmark) des Körpers ohne Vitalschädigung entfernt werden. Andere Organe wie Leber, Gehirn oder Herz beispielsweise, können nicht entfernt werden, ohne gleichzeitig damit dem Leben des Spenders ein Ende zu bereiten. Die Organspende eines Lebenden, gewöhnlich an einen Verwandten (aufgrund der besseren Gewebsverträglichkeit häufig vorteilhaft), stellt im Prinzip eine ethisch wertvolle Handlung dar.4

Im allgemeinen kann gesagt werden, daß diese Art der Organspende zu rechtfertigen ist, wenn sie freiwillig geschieht. Es darf ihr keine Selbstinstrumentalisierung zugrunde liegen. Eine Organspende zu kommerziellen Zwecken, wie beispielsweise der Handel mit Nieren in den Ländern der Dritten Welt muß abgelehnt werden. Eine derartige Handlung würde bedeuten, daß ein Teil des Körpers gleich einer Ware zum Verkauf angeboten und vermarktet wird. So etwas kann ethisch niemals gerechtfertigt werden.

III. Die Organentnahme vom Leichnam muß pietätvoll geschehen. Der österreichischen Gesetzgeber sieht vor, daß Organe von Verstorbenen entnommen werden dürfen, falls keine ausdrückliche Ablehnung des Spenders dokumentiert ist.

Wie verhält es sich nun aber im Falle der Organentnahme bei Toten? Wie bereits eingangs erwähnt, ist dem Leichnam Ehrfurcht entgegenzubringen. Auch ein Toter darf nicht zum Objekt herabgewürdigt und einer willkürlichen Behandlung ausgesetzt werden. Zunächst einmal muß bei der Bestimmung des Todeszeitpunktes mit besonderer Sorgfalt vorgegangen werden. Philosophisch gesehen spricht man vom Tod, wenn das geistige Prinzip, das die Einheit des Individuums sichert, seine Funktionen für den Organismus und in ihm nicht mehr erfüllen kann. Es folgt eine Auflösung der sich selbst überlassenen Elemente des Körpers. Es ist Aufgabe der Medizin und Naturwissenschaft, jenen genauen Zeitpunkt zu bestimmen.

Hat ein Patient vor dem Tod seinen Willen bezüglich einer Transplantation geäußert, beispielsweise in Form einer deutlichen Ablehnung, so ist diesem natürlich Rechnung zu tragen. So sieht es auch die österreichische Gesetzeslage vor. Seit 1.1.1995 gibt es ein zentral geführtes Widerspruchsregister, das rund um die Uhr von allen Transplantationsstellen abrufbar ist.5 Bevor man einen Patienten als potentiellen Organspender in Betracht zieht, wird dieses Register konsultiert. Hat sich aber der Patient in keiner Form zu einer möglichen Transplantation geäußert, wird sein prinzipielles Einverständnis angenommen (Widerspruchslösung). In anderen Ländern sieht die rechtliche Bestimmung vor, daß eine ausdrückliche Zustimmung zur Organentnahme vorliegen muß (Zustimmungslösung). Ohne dem Vorliegen einer entsprechenden Erklärung wäre eine Organexplantation keinesfalls erlaubt. Die sogenannte Informationslösung sieht vor, daß die aus organisatorischen Gründen vom Patienten nicht mehr einholbare Zustimmung auch von den nächsten Angehörigen gegeben werden kann. Erwartungsgemäß liegt im internationalen Vergleich die Transplantationsfrequenz in jenen Ländern, in denen die Widerspruchslösung in kraft ist, deutlich höher als dort, wo eine Zustimmung erst eingeholt werden muß. (Siehe Tabelle 1)

IV. Die Hirntoddefinition stellt einen Fortschritt in der Todesfeststellung dar, weil sie erlaubt, den Tod des Menschen zu einem früheren Zeitpunkt sicher festzustellen.

Das irreversible Verlöschen der Hirnfunktionen (Hirntod) wird allgemein dahingehend interpretiert, daß der Tod des Menschen bereits eingetreten ist. Die Hauptaufgabe des ZNS (zentrales Nervensystem) besteht nämlich in der Steuerung und Koordination aller Organe des Körpers. Sein Gesamtausfall läßt sich durch technische Behelfe nicht überbrücken. Ist die Integration einmal zusammengebrochen, kann biologisch gesehen nicht mehr von einem lebenden Organismus gesprochen werden. Bei einem Hirntoten handelt es sich nicht mehr um einen integrierten Organismus, sondern um einen Organverbund, bei dem einzelne Organfunktionen (z.B. durch Beatmung, Herzschrittmacher u.a.) noch über einen bestimmten Zeitraum künstlich aufrecht erhalten werden können. Dies ist die Voraussetzung, daß transplantationsfähige Organe entnommen werden können.6

V. Hirntoddiagnose.

Der genaue Zeitpunkt des Eintritts des Todes läßt sich nicht mit Sicherheit bestimmen, der bereits eingetretene Hirntod jedoch kann unwiderlegbar und mit Sicherheit diagnostiziert werden. Dazu reicht in der Regel bereits eine sorgfältige neurologische Untersuchung. Zusätzlich werden apparative Untersuchungen durchgeführt, wie das Null-Linien-EEG oder der Nachweis des zerebralen Kreislaufstillstandes.

In Österreich existiert eine Empfehlung des Obersten Sanitätsrates, die besagt, daß neben der sorgfältigen Untersuchung durch einen zur freien Berufsausübung berechtigten Arzt zusätzlich mindestens über 6 Stunden hindurch das EEG nachweislich auf Nulllinie gewesen sein muß.7

Die Zeitspanne, die eingehalten werden muß, um ein Organ entnehmen und erfolgreich transplantieren zu können, begünstigt, daß es leicht zum Auftreten von Konfliktsituationen kommen kann. Einerseits gibt es die Verpflichtung dem Kranken, dem zukünftigen Organempfänger gegenüber, den es zu retten gilt, andererseits muß die höchste Achtung vor dem Sterbenden gewährleistet sein. Es ist unveräußerliches Recht jedes Menschen in Würde zu sterben, wobei ihm der Beistand und die Pflege der Ärzte und Schwestern sowie seiner Angehörigen nicht fehlen darf.

Klinisch-neurologische Untersuchung zur Feststellung des irreversiblen Ausfalls des Gehirns (Hirntod):
  • Bewußtlosigkeit: keine Spontanatmung
  • Muskeltonus schlaff: spinale Reflexe (60%)
  • Spontanmotorik fehlend: Pyramidenbahnzeichen neg.
  • Blinzelreflex fehlend: Temperatur hypotherm
  • Pupillen maximal weit: med.Kreislaufunterstützung
  • Hirnstammreflexe fehlend
  • Zusammenbruch der vegetativen Funktonen

Tabelle 2: Hirntodfeststellung

VI. Embryonen als Organlieferanten?

Diese Prinzipien der ethischen Beurteilung sind grundsätzlich auch bei der Transplantation von Embryonalgewebe anzuwenden. Gerade in den letzten Jahren haben sich neue Möglichkeiten der Therapie von bislang unbehandelbaren Krankheiten durch die Transplantation von embryonalem Gewebe ergeben. Die neue Technik der In-vitro-Befruchtung, aber auch die Abtreibung liefert gut verwertbares "biologisches Material", das zu Versuchszwecken bereits erfolgsversprechend eingesetzt werden konnte. Dabei handelt es sich aber um die Tötung unschuldiger menschlicher Geschöpfe, die, auch wenn sie zum Vorteil anderer, in diesem Fall zur Behandlung Schwerkranker, begangen wird, niemals gerechtfertigt werden kann. Grundsätzlich muß auch abgelehnt werden, daß Zellmaterial von Embryonen verwendet wird, die aus anderen Gründen abgetrieben wurden. Es geht dabei wohlgemerkt um Zellen, die von noch lebenden menschlichen Embryonen oder Föten gewonnen werden. Prinzipiell gilt bei den embryonalen Spendern dasselbe wie bei den erwachsenen: sie dürfen nicht im Hinblick auf eine Transplantation getötet werden und der Tod muß mit Sicherheit festgestellt worden sein. Weiters muß, sollten diese Bedingungen erfüllt sein, auch hier das Einverständnis der Eltern aber zumindest der Mutter zur Gewebsentnahme vorliegen. Menschliche Embryonen sind vom Moment der Zeugung an als menschliche Personen zu betrachten und dürfen keineswegs als Lieferanten von Organen oder Geweben zur Transplantation und für die Behandlung bestimmter Krankheiten verwendet werden.8

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Organtransplantation eine Therapieform darstellt, die zunehmend weitere Anwendungsbereiche findet. Hauptaugenmerk muß dem Spender geschenkt werden. Handelt es sich um einen Lebendspender, dann läßt sie sich nur rechtfertigen, wenn die Organentnahme freiwillig erfolgt und keinen ernsthaften gesundheitlichen Schaden nach sich zieht. Eine Organspende des kommerziellen Profites wegen ist jedoch nicht vertretbar. Wird das Organ einem Toten entnommen, ist sorgfältig auf die Feststellung sicherer Todeskriterien zu achten.

Referenzen

  1. Vgl. ÖBIG Transplant Jahresbericht 95, S.38
  2. siehe ebenda
  3. Vgl. Schönborn Christoph, "Organspenden und -transplantationen im Lichte des katholischen Glaubens", Klinik-5.Jahrgang-Nr.4/1995, S.15
  4. Vgl. Johannes Paul II, Evangelium vitae, 1995 Nr 86
  5. Vgl. ÖBIG Transplant, Jahresbericht 95, S.31
  6. Vgl. Bonelli Johannes (Hrsg) , Der Status des Hirntoten, Springer Verlag 1995, S.35f
  7. Vgl. Schwarz Christian, Transplantationsquirirgie, IMABE-Studie, Wien, 1994, S.11f
  8. Vgl. Bockamp Christoph, Transplantationen von Embryonalgewebe, Peter Lang Verlag 1991, S.223f

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