Startseite   Das Institut   Mitarbeiter   Sponsoring   Kontakt/Impressum   Login   Suche
Mai 2009

Public Health: Selbstmord ist die zehnthäufigste Todesursache

Lancet-Studie fordert mehr Prävention, blendet aber wesentliche Risikofaktoren aus

Die Zahlen sind erschreckend: Selbstmord ist die zehnthäufigste Todesursache. Jährlich sterben schätzungsweise eine Million Menschen durch Suizid, das entspricht 1,5 Prozent der weltweiten Todesfälle. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. An der Spitze liegt China: Dort ereignen sich mehr als 30 Prozent der weltweiten Suizide, sie machen 3,6 Prozent aller Todesfälle des Landes aus. Ein erhebliches Problem stellt der Selbstmord auch in den früheren Teilrepubliken der Sowjetunion und in Entwicklungsländern dar.

Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die das Suizidrisiko anheben – darunter männliches Geschlecht, frühere Selbstverletzungen, psychiatrische Störungen und/oder Alkohol-/Medikamentenmissbrauch, körperliche Misshandlungen und sexueller Missbrauch in der Kindheit, Selbstmorddarstellungen in den Medien und Rauchen. In einer Studie in The Lancet (2009; 373: 1372-1381) besprechen Keith Hawton vom Centre for Suicide Research/Universität Oxford und Kees van Heeringen von der Unit for Suicide Research/Universitätskrankenhaus Gent diese Tendenzen und fordern verstärkte Entwicklung von präventiven Maßnahmen.

Unter den Berufsständen haben Ärzte (insbesondere Frauen) und Krankenschwestern ein merklich erhöhtes Suizid-Risiko. Stress ab Beginn des Medizinstudiums und das gehäufte Vorkommen von Depressionen sind Mitursachen. Alkohol und Medikamentenmissbrauch ist hier weiter verbreitet als in der Allgemeinbevölkerung, besonders bei Psychiatern, Notfallmedizinern und Anästhesisten. Bei Ärzten enden Suizidversuche deutlich häufiger tödlich als in der Allgemeinbevölkerung.

Als wesentlicher Faktor für Selbsttötungen gelten psychische Probleme. Bei etwa 90 Prozent der Menschen, die sich selbst töten, geht man von einer Art psychischer Erkrankung aus. Depressionen erhöhen das Risiko um das 15- bis 20-Fache, etwa vier Prozent der an Depressionen Erkrankten sterben durch Suizid. Angesichts dieser Zahlen ist es gefährlich, von „Selbstbestimmtheit“ bei Todeswunsch zu sprechen (vgl. „Euthanasie: Suizidforscher warnen vor Zulassung von Sterbehilfe“). Alkoholmissbrauch, Magersucht, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und die körperdysmorphe Störung (KDS) erhöhen allesamt das Suizidrisiko. Gerade das letzte Beispiel erklärt zum Teil, warum die Selbstmordrate bei Frauen nach brustvergrößernden Operationen zunimmt. Hinweise zeigen, dass auch Medien oder Internet-Informationen, die über suizidales Verhalten berichten oder dieses darstellen, Selbstmordverhalten und Selbstverletzungen beeinflussen können, so die Autoren.

Die große Komplexität der Faktoren lässt nur schwer ein Konzept erstellen, das Suiziden vorbeugt, konstatieren die Forscher. Ihren Empfehlungen zufolge sollten Kontrollen verschärft, Waffen und Medikamente bei Hochrisikogruppen aus unmittelbarer Reichweite gebracht und therapeutische Maßnahmen ehestmöglich eingeleitet werden. Schulprogramme zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens sowie eine strengere Kontrolle diverser Medientypen, die von Suiziden bzw. Suizidmethoden berichten, könnten ebenso vorbeugende Wirkung haben.

Es erstaunt allerdings, dass die Autoren in ihrer Analyse kaum tiefer liegende Konzepte einbringen. Ohne diese werde eine Prävention niemals wirksam sein, kritisiert IMABE-Geschäftsführer Enrique Prat: „Leben bedeutet immer den Versuch, sinnvoll zu leben. Menschen, die sich geliebt, gebraucht und angenommen wissen, begehen keinen Selbstmord. Die hohen Selbstmordraten sind auch eine Folge der Entsolidarisierung, Fragmentierung und der Atomisierungstendenzen in der Gesellschaft quer durch alle Strukturen, leider auch ganz besonders in den Familien. Eine wirksame Prävention müsste diese Mängel und Strategien miteinbeziehen.“

^ Seitenanfang

<< voriger Monat   < voriger Artikel   nächster Artikel >   nächster Monat >>