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Burnout (Imabe-Info 3/09)

Definition und Entwicklung

Der Begriff „Burnout“ (vom engl. Abbrennen, Ausbrennen einer Flamme abgeleitet) wurde in der Literatur erstmals als Metapher in Zusammenhang mit ausgebrannten Menschen Ende der 70er-Jahre des 20. Jahrhundert verwendet. Damals beobachtete der amerikanischer Psychoanalytiker Herbert Freudenberger: „… wie aufopferungsvolle, pflichtbewusste Helfer zu reizbaren und ihren Klienten gegenüber zynischen Mitarbeiter wurden, welche Symptome einer physischen und psychischen Erschöpfung zeigten“. Später wurde diese Einschränkung auf helfende Berufe von Freudenberg, Maslach, Pines et. al. aufgegeben, denn es wurden ähnliche Symptome auch bei anderen Berufsklassen beobachtet. Obwohl Burnout heutzutage beinahe „pandemische“ (weltweite) Ausmaße angenommen hat, gibt es sie nicht erst seit heute. Bereits Johann Wolfgang von Goethe erlebte ähnliche Zustände, bevor er seine Italienreise angetreten ist oder auch Ludwig Wittgenstein als Dorflehrer Anfang der 20er-Jahre, worauf er voll Frust seinen Beruf aufgegeben hat. Sie schienen jedoch nicht „ausgebrannt“ zu sein, da sie offensichtlich erfolgreiche Coping-Strategien angewendet haben.

Epidemiologie

Wie die neueste österreichweite Burnout-Studie belegt, sind hypothetisch 18% der Gesamtbevölkerung von Burnout gefährdet. Davon sind mit 60% deutlich mehr Frauen als Männer betroffen, überwiegend Vollzeitbeschäftigte, die Bewohner der Großstädte scheinen ebenfalls eine höhere Prävalenz aufzuweisen. Die Ergebnisse entsprechen in etwa der Annahme von Freudenberger, wonach 10% der Arbeitsnehmer tatsächlich das Vollbild des Burnouts entwickeln, die Dunkelziffer dürfte sich jedoch um das zwei bis dreifache höher bewegen. Innerhalb der EU ergab die Befragung von 147 Millionen Arbeitsnehmer im Bezug auf Stress am Arbeitsplatz folgende Ergebnisse: 52% beklagten sich über zu hohes Tempo und Zeitdruck in der Arbeit, etwa ein Drittel glaubte keinen Einfluss auf ihre Arbeitsablauf mehr zu haben, in 45% wurde über monotone Arbeitsaufgaben geklagt. Manche Autoren listen die Kosten für die Krankenstände und Berufsunfähigkeit im Zusammenhang mit Burnout in Milliarden-Euro-Höhe auf. Mittlerweile sind mehr als 60 Berufsgruppen bekannt, bei denen Symptome des Ausbrennens beschrieben wurden, worunter auch Verwaltungsbeamte, Investment-Banker, Studenten und sogar Arbeitslose zu finden sind. Alleine daraus wird ersichtlich, dass Burnout zu einem eigenständigen Phänomen unserer Zeit wurde, und sich deutlich von dem herkömmlichen Helfer-Syndrom abgrenzt.

Symptomatik

Bezüglich der Burnout-Symptomatik werden in der Literatur diverse Aufteilungen aufgeführt. Nach Maslach & Jackson ist das Syndrom durch emotionale Erschöpfung, reduzierter Leistungsfähigkeit und Depersonalisation definiert. Als „Prodromi“ dürfen die sog. Warnsymptome der Anfangsphase genannt werden: Die künftigen Betroffenen sind hyperaktiv, leisten gerne freiwillig unbezahlte Überstunden, besitzen Gefühl der Unentbehrlichkeit sowie Gefühl, nie Zeit für andere unnütze Tätigkeiten außerhalb ihres Arbeitsfeldes zu besitzen; dazu leugnen sie eigene Bedürfnisse und verdrängen ihre berufliche Misserfolge – dies oft noch durch weiteren beruflichen Einsatz verstärkt, die sonstigen sozialen Kontakte werden wesentlich eingeschränkt oder gar gemieden.

Die Betroffenen verspüren Kälte, Empathielosigkeit und Zynismus gegenüber ihren Klienten, sodass sie ihre Mitmenschen, beinahe depersonalisiert, als Sachen oder Fälle ansehen. Dies wird noch durch Flucht zum Fachjargon verstärkt, anstatt vom Patienten XY zu sprechen, heißt es: „… die Leber auf Bett 13“ etc. In ihrem Arbeitseinsatz verlieren sie ihren herkömmlichen Idealismus und gewinnen allmählich eine negativere Einstellung zu ihrem Beruf, werden müde und ziehen sich in ihrem Engagement schließlich zurück.

Um dies besser zu verstehen, kann man die verschiedenen Nuancen der Burnout-Symptomatik je nach der Manifestationsebene betrachten. Auf der psychischen Ebene betrifft sie vor allem Emotionen sowie kognitive Fähigkeiten. Die Betroffenen können dabei entweder mit depressiver, aber auch sehr wohl mit aggressiver Symptomatik reagieren. Sie verspüren Widerstand täglich in die Arbeit zu gehen, neben der schon erwähnten Frustration, Entmutigung und Gleichgültigkeit greifen sie zu Stereotypen, bevorzugen Kontrolle und Zuweisungen vor Kreation. Im Denken führt dies zur Rigidität, zum Widerstand gegenüber Änderungen begleitet von Konzentrationsstörungen, bis hin zu paranoiden Vorstellungen.

Auf der somatischen Ebene sei primär die generalisierte Müdigkeit und Erschöpfung genannt, zusätzlich treten nervöse Tick oder Muskelverspannungen auf. Manche dieser Symptome werden in Ansätzen bei vielen von uns im Laufe des Berufslebens beobachtet. Solange wir jedoch über Kompensationsmechanismen verfügen, kann eine Progredienz verhindert werden. Im anderen Fall führt dies zur Häufung von Krankenständen, begleitet von Blutdruck und Herzfrequenz-Anstieg, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfweh, Schlafstörungen mit Alpträumen usw.

Im sozialen Kontext können die Betroffenen neben der schon erwähnten Depersonalisation mit Aggressivität oder Regression reagieren, was nicht selten zum Suchtverhalten oder im äußersten Fall bis zum Suizid führen kann.

Burnout-Verlauf

Der Prozess des Ausbrennens stellt jedoch keine Reaktion auf einmalige Belastungen dar, sondern vielmehr ein Sammelsurium an andauernde oder wiederholte emotionale Belastungen im beruflichen Alltag. In diesem Zusammenhang hat Herbert Freudenberg einen Burnout-Zyklus mit 10 Phasen konzipiert, um den Verlauf der Krankheit besser darzustellen, wobei die einzelnen Phasen durchaus fließend sein können, einander überlappen oder manche Komponente auch übersprungen werden. Die psychosomatische Reaktion kann bereits in früheren Phasen auftreten, (z. B. die Müdigkeit) oder erst zum Vollbild der Krankheit gehören.

In der Anfangphase verspüren die Betroffenen oft den Zwang, sich in ihrem beruflichen Umfeld zu beweisen, was an der Warnsymptomen der Anfangsphase zu erkennen ist. Dies führt in der nächsten Stufe zum verstärkten Einsatz und schließlich zur völligen Missachtung eigener Bedürfnisse, Vernachlässigung von Ruhezeiten und Verkommen in einer ungesunden Lebensweise. Nicht nur eigene Bedürfnisse, sondern auch Konflikte werden von den Betroffenen verdrängt; Hobbys werden aufgegeben, bald auch wichtige Termine vergessen. Die Werte werden schließlich umgedeutet, die einst so geschätzte Familie oder Freunde verlieren ihre Bedeutung, was zu einem Beziehungs-Burnout führen kann. Ab der nächsten Stufe nimmt das Burnout ein krankhaftes Ausmaß an, die aufgetretenen Probleme werden geleugnet. Die Betroffenen glauben mangelnde Anerkennung zu erhalten, werden desillusioniert, leisten Widerstand gegenüber der Arbeit, flüchten in die innere Kündigung, lassen Arbeit unerledigt liegen, die Fehlzeiten häufen sich. Da kann jedoch auch eine paradoxe Reaktion auftreten, indem die Betroffenen in ihrem Beruf zwar als unscheinbare Existenzen nicht auffallen, in ihrem Privatleben jedoch richtig „aufblühen“ und sich in den Freizeitaktivitäten realisieren. Obwohl diese Art vom Doppelleben eine gewisse schützende Wirkung haben kann, handelt sich um einen „faulen Kompromiss“. In den nächsten Phasen kommt es zum endgültigen Rückzug. Dazu gehört die innere Ohnmacht, Abbau kognitiver Leistungen, Entscheidungsunfähigkeit, psychosomatische Begleitsymptomatik und Ersatzbefriedigungen in Alkohol oder Drogen. Dem folgen Verhaltensänderungen, Verlust des Gefühls der eigenen Persönlichkeit, innere Leere, Depressionen, Erschöpfung. Am Ende steht ein Mensch, welcher seine Kognition, Kreativität und Motivation eingebüßt hat und alles nun schwarz-weiß sieht. Sein emotionales Leben ist verflacht, alles wird als ebenbürtig betrachtet, im sozialen Leben fehlt die Interaktion, im geistigen Leben jegliche höhere Betätigung. Dies ist begleitet von massiver Verzweiflung und negativer Einstellung zum Leben. Eine Hilflosigkeit der Anfangsphase wurde zur völligen Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit.

Ursachen?

Bei der Frage nach den Ursachen kann leider keine einheitliche Antwort gegeben werden. Abhängig vom Autor werden die Ursachen entweder mehr in persönlichkeitszentrierten Konzepten oder wiederum in sozial-, arbeits- und organisationspsychologischen Ansätzen gesehen, sodass von einer multifaktoriellen Genese ausgegangen werden kann.

Zu den persönlichen Prädispositionen zählen vor allem Neurotismus, Perfektionismus und Helfer-Syndrom. Ängstliche Persönlichkeiten, Personen, die sich zu hohe Ziele setzen oder Kompensation früherer Versagererlebnisse (z. B. in der Kindheit) anstreben, sind vorzugsweise von Burnout gefährdet. Ein Helfer-Syndrom kann auch als Ausdruck einer inneren Kompensation eines labilen Selbstwertgefühles entstehen – narzistische Persönlichkeiten scheinen dafür besonders anfällig zu sein.

Die Ursachen können jedoch auch an der jeweiligen Institution, Betrieb, Unternehmen, Spital etc. liegen. Arbeitsüberlastung und Autonomiemangel werden in diesem Zusammenhang am häufigsten erwähnt und sind auch am leichtesten zu objektivieren. Daneben qualitative und quantitative Überforderung, unzureichende finanzielle Abgeltung, unklare Aufgabenbereichaufstellung, Monotonie (Stichwort: Fließbandarbeit) oder „Überrumpellung“ mit bürokratischen Tätigkeiten können mitverantwortlich sein. Auch Unterforderte bzw. wenig engagierte Personen können eine Art von Burnout bekommen, im Schrifttum als „born-out“ (von boring-out) bezeichnet. Prinzipiell gilt jedoch, dass „wer ausbrennt, muss einmal gebrannt haben“. Maßgebend erweist sich nicht die primäre Stressexposition, sondern oft das Gefühl der inneren Hilflosigkeit.

Abgesehen davon kann jedoch auch eine simple Überforderung eigener Fähigkeiten zum Burnout führen; indem ein Mensch mehr will, als er kann. Besonders gefährlich erweisen sich dabei die diversen „Antreiber“, wie: „sei perfekt… sei stark… streng dich an… mach’s den anderen recht…“, die die prekäre Lage noch verschlimmern. Eine problematische Familienstruktur oder mangelnde soziale Interaktion können dies zusätzlich verstärken.

Diagnostik

Bezüglich der Burnout-Diagnostik haben sich in der Praxis zwei Messinstrumente zur Erfassung des Syndroms bewährt: die „Maslach-Burnout-Inventory“ bzw. „Tedium-Measure“ (Überdruss-Skala) nach Aronson, Pines und Kafry. Darin wird Wert auf die emotionale Erschöpfung, Depersonalisation sowie persönliche Fähigkeiten gelegt. Abgesehen von diesen hilfreichen Tests muss eine individuelle Analyse erfolgen, die schlussendlich auch Ausgangsposition für jegliche Therapie darstellt: Wo trage ich selbst zum Burnout bei? Wo überschreite ich meine persönlichen Grenzen? Welche externen Faktoren sind dabei beteiligt? Welche „Umweltfaktoren“ lassen sich beeinflussen? Was kann ich ändern?

Prophylaxe und Therapie

Obwohl ab einem gewissen Burnout-Stadium eine professionelle psychologische und psychotherapeutische Hilfe angenommen werden sollte, stellt die Basis der Therapie die Änderung falscher Angewohnheiten dar. In manchen Fällen muss tatsächlich auch längerfristigere Unterbrechung der Arbeit, um den Circulus vitiosus unterbinden, erfolgen, in anderen Fällen genügt nur eine Modifizierung des Arbeitsablaufes (regelmäíge Arbeitspausen), auf dem Zeitmanagement zu arbeiten, Stressbewältigungsstrategien anzuwenden und klare Grenzen zwischen dem privaten und beruflichen Leben zu setzen (z. B. keine Arbeit nach Hause zu nehmen). Dazu kann auch der Arbeitsgeber durch Förderung von Fortbildungen, Abbau der Bürokratie, Förderung der Kreativität und Aufgabenvielfalt beitragen. Bereits das Gefühl, Prozesse in eigenem Betrieb selbst steuern zu können, kann Mitarbeiter vor einem Burnout schützen.

Wie man individuell gegen Burnout steuern kann, lässt sich nicht einheitlich beantwortet: Abstand zur eigenen Arbeit, gesunde soziale Interaktion am Arbeitsplatz, Humor und Kreativität, vernünftiger Zeitplan unter Berücksichtigung der eigenen Familie oder privater Interessen, sowie Sinnfindungsstrategien innerhalb und außerhalb der Berufswelt können vor einem Burnout durchaus bewahren.

In diesem Zusammenhang kann auch Religiosität als positiver Faktor genannt werden. Personen, welche ihr Dasein auf einer vertrauensvollen Gottesbeziehung aufbauen, Teilaspekte ihres Lebens wie Erfolg in der Arbeit oder Anerkennung durch andere Menschen nicht verabsolutieren bzw. eher geneigt sind, Hilfe anzunehmen, seine eigenen Grenzen anzuerkennen usw.

Selbstreflexion kann als effektive Hilfe zur Balance im eigenen Leben führen. Dabei muss es nicht erst zu schwerwiegenden gesundheitlichen Krisen kommen, damit der Mensch seine Grenzen erkennt und dann oft zu spät bemerkt, dass er nicht unersetzlich ist. Eine gesunde ausgewogene Einstellung zur Arbeit, ohne diese als Selbstzweck zu betrachten, dabei von familiären Struktur unterstütz kann von einem Burnout bewahren.

Quelle

Rüdiger H., Die Ausgewogenheit zwischen Arbeit und sozialem Leben: Work-Life-Balance, Imago Hominis (2009), 16: 23-32

Grabe M., Burnout. Warum Menschen ausbrennen und was man dagegen tun kann, Imago Hominis (2009), 16: 33-42

Stelzig M., Störungen der Work-Life-Balance und ihre psychosomatischen Folgen auf die Gesundheit, Imago Hominis (2009), 16: 43-51

Chirinos M. P., Humanity in Work: Challenging the “Product Paradigm”, Imago Hominis (2009), 16: 53-63

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