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Mai 2010

Klinische Pharmakologie: Kritik an „Medikamentencocktail im Alter“

IMABE-Direktor Bonelli fordert klinische Studien bei alten, multimorbiden Patienten

„Die heutige Medizin forscht und therapiert an einem großen Teil ihrer Patienten vorbei. Das muss sich ändern“, fordert IMABE-Direktor Johannes Bonelli in einem Kommentar in der Österreichischen Ärztezeitung (online, 25. 04. 2010). In den kommenden Jahren werden die über 65-Jährigen mehr als 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Diese Patientengruppe konsumiert rund 50 Prozent aller verschriebenen Medikamente: „Speziell ältere Patienten haben im Durchschnitt rund sieben Diagnosen, sind damit klassisch multimorbid und nehmen mindestens zehn bis 15 Medikamente täglich ein.“ Dennoch gebe es praktisch keine evidenzbasierte Medizin oder einschlägige Literatur über Multimorbidität alter Menschen, kritisiert Bonelli. Die Folge: Ergebnisse von artfremden Einzelstudien wie beispielsweise zu Hypertonie, Diabetes, Hypercholesterinämie, Herzinsuffizienz, Arthritis, usw. würden unreflektiert auf den multimorbiden alten Patienten übertragen, der alle diese Krankheiten auf einmal hat. Dadurch handelt man sich eine exponentielle Kumulation von Nebenwirkungen ein, die zu einer verhängnisvollen „Verschreibungskaskade“ führt: Die durch Medikamente hervorgerufenen Nebenwirkungen werden fälschlicherweise als krankheitsbezogen interpretiert und mit weiteren Medikamenten behandelt.

Bonelli fordert daher, klinische Studien gezielt auch an älteren Menschen durchzuführen, zumal ja bei ihnen auch deutliche Veränderungen in der Pharmakokinetik von Medikamenten bestünden. Zweitens sollte man bei der medikamentösen Behandlung von multimorbiden älteren Patienten nach dem Prinzip vorgehen: „So viel wie unbedingt nötig und so wenig wie nur möglich“. Drittens müsse das alte Prinzip des „primum nil nocere“, also eine gewissenhafte Schaden-Nutzen-Analyse gerade bei dieser wachsenden Patientengruppe mit kritischer Sorgfalt beachtet werden. Der Heilauftrag des Arztes sollte hier primär in der Verbesserung der Lebensqualität liegen und erst sekundär in Maßnahmen zur Lebensverlängerung.

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