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August 2012

Gentechnik: Neuer Bluttest auf Down-Syndrom löst heftige Debatte aus

Ärzte befürchten durch den PraenaTest Paradigmenwechsel in der Pränataldiagnostik

Das Deutsche Bundesforschungsministerium hatte die Entwicklung des Trisomie 21-Erkennungstests mit 230.000 Euro gefördert. Nun ist der Bluttest, der Babys mit Down-Syndrom während der Schwangerschaft erkennen soll, marktreif. Das deutsche Pharmaunternehmen LifeCodexx verspricht, dass der Test sicher und ungefährlich ist, da er die bislang notwendige invasive Fruchtwasseruntersuchung ablöst, bei der die Gefährdung des Kindes, durch einen Spontanabort zu sterben, rund 1 Prozent beträgt. Den Start des Produkts PraenaTest musste der Konzern allerdings nach heftigen Protesten von Ärzten, Behindertenverbänden, Politikern und Ethikern auf Mitte August verlegen (vgl. Die Welt, 28.7.2012). Die Schweiz hat bereits grünes Licht für eine Einführung gegeben. Österreich prüft noch die rechtlichen Möglichkeiten, das AKH Wien hat bereits Interesse an dem 1.200 Euro teuren Test angemeldet (vgl. Die Presse, online 30.7.2012).

Das Verfahren des PraenaTests beruht auf dem Umstand, dass im Blut einer Schwangeren kindliches Erbgut zu finden ist. So kann mit einem Bluttest festgestellt werden, ob das Ungeborene Trisomie 21, also das Down-Syndrom, hat. Dies führt im Großteil der Fälle zur Abtreibung des behinderten Kindes. Kritiker halten die Einführung des Tests für einen Rückschritt: Es gehe um ein neues Mittel zur „Aussortierung von Behinderten“; der Druck auf Frauen, auf eigene Kosten den Test durchführen zu lassen, würde steigen, die Schwelle zur „genetischen Selektion“ sinken. Der nicht-invasive Test, der wegen seiner leichten Handhabung als Screening auch ohne besondere Indikation angewendet werden könnte, werde in der Gesellschaft bald nur noch als Instrument zur umfassenden „Verhinderung“ der Geburt von Kindern mit Down-Syndrom wahrgenommen. „Eine solche kollektivistische Strategie hätte neoeugenische Züge und wäre mit dem ärztlichen Berufsethos unvereinbar“, schreibt Wolfram Henn vom Institut für Humangenetik der Universität des Saarlandes kritisch im Deutschen Ärzteblatt (2012; 109(25): A-1306 / B-1129 / C-1111). Er spricht von einem „Paradigmenwechsel in der Pränataldiagnostik“.

PraenaTest steht erst am Anfang neuer denkbarer humangenetischer Diagnoseverfahren. Die Forschung bereitet schon die nächsten Schritte vor. Vor kurzem berichteten US-Wissenschaftler, das gesamte Genom - also alle genetischen Informationen - eines ungeborenen Kindes entschlüsseln zu können – durch das mütterliche Blut und den väterlichen Speichel (vgl. Die Zeit, online 3.6.2012). Inwieweit aus DNA-Informationen abgeleitete statistische Aussagen zur Wahrscheinlichkeit für diese oder jene Krankheit hilfreich sind, bleibt offen. Ein Umdenken in der Pränataldiagnostik, die zunehmend als Instrument zu „Rasterfahndung" von behinderten Menschen eingesetzt wird, ist jedenfalls dringend notwendig.

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