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Februar 2014

Studie: Künstliche Befruchtung wird zu leichtfertig angewendet

Experten kritisieren Entwicklung der IVF als „gewinnbringende Industrie"

Ein österreichisches Paar, beide sind Ende 20. Nach einem Jahr ist sie trotz Kinderwunsch noch nicht schwanger, nach WHO-Definition gilt das Paar daher als steril. Sie suchen einen Arzt auf und entscheiden sich nach medizinischer Beratung für eine künstliche Befruchtung (In-vitro Fertilisation, IVF). Nach einer Fehlgeburt und einem zweiten IVF-Versuch wird die Frau wieder schwanger, sie bringt ein Kind zur Welt. Zwei Jahre später ist sie wieder schwanger – auf natürlichem Weg. Das Paar war also doch nicht unfruchtbar. Kein Einzelfall, sagen nun niederländische Forscher. Reproduktionsmediziner raten offenbar häufig zu früh zu einer IVF bei kinderlosen Paaren. Das ist das Ergebnis einer Analyse, die nun im British Medical Journal veröffentlicht wurde (2014; 348: g252).

Weltweit werden jährlich mehr als 3,7 Millionen Kinder nach IVF geboren. Die Zahl stieg an, nicht etwa weil die bis heute mit rund 15 Prozent geringe Baby-Take-Home-Rate maßgeblich verbessert werden konnte, sondern weil ein weltweiter Markt der Reproduktionsindustrie besteht, der nach Regeln einer „gewinnbringenden Industrie“ funktioniert, wie die Arbeitsgruppe um Esme Kamphuis vom Zentrum für Reproduktionsmedizin an der Universität Amsterdam kritisiert.

Die ursprünglich strenge Indikation für IVF – bei Erkrankungen des Eileiters – wurde inzwischen durch ein breites Indikationsspektrum ausgedehnt. Dazu zählen allen voran die „ungeklärte Unfruchtbarkeit“ (idiopathische Sterilität), Endometriose oder schlechte Spermienqualität. Die Wissenschaftler betrachten diese Entwicklung kritisch. Die „ungeklärte Unfruchtbarkeit“ sei mit rund 30 Prozent eine der häufigsten Gründe für den Wunsch, eine IVF vorzunehmen. Während in Großbritannien zwischen 2000 und 2011 die Zahl der IVF-Zyklen wegen Erkrankungen des Eileiters mit rund 7.000 konstant blieb, verdreifachte (!) sich in diesem Zeitraum die Zahl der IVF wegen idiopathischer Sterilität von 6.000 auf 19.500. In den USA stieg die Zahl der jährlichen IVF-Zyklen zwischen 2000 und 2010 von 90.000 auf 150.000 an. Laut Kamphuis und Kollegen deuten diese Zahlen auf eine zu häufige und zu frühe Intervention.

Einer niederländischen Studie an einer Kohorte von 500 Paaren zufolge – sie waren im Durchschnitt fast 2 Jahre unfruchtbar ohne genauen Grund – konnten 60 Prozent nach einer Beratung in einer Klinik auf natürlichem Wege Kinder zeugen. Eine weitere Studie zeigte ebenfalls, dass 25 Prozent der Frauen, die mindestens zwei Jahre nicht schwanger wurden, nach weiteren sechs Monaten doch noch schwanger wurden. Nach drei Jahren betrug der Anteil sogar 75 Prozent.

Ärzte dürfen die Indikation für eine IVF nicht leichtfertig stellen, mahnen deshalb die Wissenschaftler. Angesichts der Entwicklungen einer Reproduktionsindustrie, die gewinnorientiert eine sofortige Schwangerschaft oder ein Kind verspricht, orten die Mediziner einen „Mangel an Willen“, über die Nebenwirkungen aufzuklären. Es sei heute bekannt – aber kaum kommuniziert – dass IVF sowohl bei Müttern als auch Kindern zu Komplikationen führen kann. Langzeitfolgen für die geborenen Kinder seien nach Ansicht der Wissenschaftler noch viel zuwenig erforscht. Es fällt auf, dass in Fachkreisen immer häufiger Stimmen laut werden, sich mit den Schattenseiten der IVF seriös zu beschäftigen.

Erst kürzlich hatte Großbritannien vor Gesundheitsrisiken bei IVF-Kindern gewarnt (vgl. Reproduktionsmedizin: Britische Behörde warnt vor riskantem Einsatz der ICSI-Methode). Bereits 2012 hatten Autoren im New England Journal of Medicine eine kritische Begleitung der assistieren Reproduktion (ART) eingemahnt (vgl. Studie: Höhere Fehlbildungsrate bei IVF-Kindern belegt), im Reproductive BioMedicine Online (vgl. Studie: IVF-Techniken entsprechen nicht klinischen Standards) hatten die Autorinnen angeprangert, dass man es bei der Sicherheit und Wirksamkeit der Anwendung von ART am Menschen nicht immer so genau nehme – mit gravierenden ethischen und klinischen Folgen.

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