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Juni 2014

Studie: Nutzen von Mammografie-Screening-Programmen weit überschätzt

Experten fordern Abschaffung von Massenscrennings und klare Aufklärung über Risiken

In Österreich wurde das Vorsorge-Mammografie-Screening ohne Überweisung durch den Arzt seit Jahresbeginn mit großer Emphase eingeführt. Ab sofort erhalten nun 1,5 Millionen Frauen im Alter zwischen 45 und 69 Jahren – auch ohne Verdachtssymptome – alle zwei Jahre direkt eine Einladung für eine Untersuchung auf Kosten der Krankenkasse (vgl. Standard, online, 7. 5. 2014). Doch gerade diese Form des Massenscreenings gerät in Expertenkreisen immer mehr unter Beschuss.

In Deutschland hat sich Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery für eine Überprüfung des Nutzen-Risiko–Verhältnisses von Vorsorgeuntersuchungen ausgesprochen. Studien würden zeigen, dass sich die Zahl der Todesfälle durch solche Untersuchungen nur marginal senken lasse oder Patienten möglicherweise sogar geschadet wird, so Montgomery (vgl. Berliner Zeitung, online, 23. 5. 2014).

Ein vom Swiss Medical Board (SMB) veröffentlichter Report plädiert nach Auswertung zahlreicher randomisierter und kontrollierter Studien überhaupt für die Abschaffung systematischer Mammografie-Screenings zur Brustkrebs-Prävention. Das Swiss Medical Board (SMB) ist eine unabhängige Einrichtung der Konferenz der Gesundheitsminister der Schweizer Kantone und der Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW). Ihr Auftrag war es, Vor- und Nachteile des Screenings anhand von Studien zu analysieren. Im New England Journal of Medicine (2014; 370: 1965-196) erläutern die SMB-Autoren Nikola Biller-Andorno (Institut für Biomedizinische Ethik, Universität Zürich) und Peter Jüni (Institut für Sozial- und Präventivmedizin, Universität Bern) ihre Ergebnisse. Nur ein bis zwei Todesfälle pro 1000 gescreenten Frauen könnten mit einem Massenscreening verhindert werden. Demgegenüber komme es bei 100 Frauen zu Falschbefunden. Diese führen teilweise zu „einer diagnostischen Kaskade von wiederholten Mammografien, Biopsien und Überdiagnosen von Karzinomen, die klinisch nie in Erscheinung getreten wären“, warnen die Autoren. Die Kosten seien psychisch wie monetär hoch.

Die glaubwürdigsten Schätzungen zu den Überdiagnosen sehen die Experten in der im British Medical Journal publizierten Nationalen Kanadischen Brustkrebs-Screening-Studie (2014; 348: g366). Hier habe sich nach 25 Jahren Follow-up gezeigt, dass 106 (21,9 Prozent) von 484 Karzinomen, die durch das Screening entdeckt wurden, sich später als harmlose Tumore entpuppten. Bei fast einem Viertel der Frauen wurde „falscher Alarm“ ausgelöst. Sowohl der Befund als auch die Behandlung würden – abgesehen von den Kosten für das Gesundheitssystem – für die betroffenen Frauen eine unnötige körperliche wie auch hohe psychische Belastung bedeuten. Auch der Review der Cochrane Collaboration, der 10 Studien mit mehr als 600.000 Frauen im Alter zwischen 39 und 74 Jahren umfasst, ergebe keinerlei Evidenz für einen Effekt auf eine Reduktion der Gesamtsterblichkeit (vgl. Cochrane Database Syst Rev 2013; 6: CD001877-CD001877). Basierend auf der Datenauswertung schlägt das SMB deshalb vor, keine neuen flächendeckenden Mammografie-Screenings einzuführen. Die Empfehlung richte sich nicht gegen die medizinische Methode der Mammografie an sich, betont Biller-Andorno. Frauen, die sich aller Vor- und Nachteile der Mammografie bewusst seien, könnten selber abwägen, ob sie eine Untersuchung wollen oder nicht. Sinnvoll sei eine Mammografie sicher bei einer familiären Disposition für Brustkrebs oder bei einem auffälligen Befund.

Scharfe Worte findet im British Medical Journal (2014; 348: g2636) Gerd Gigerenzer, Leiter des Max-Planck Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Die Informationsprozesse im deutschen Screening-Programm seien nicht geeignet, den Frauen informierte Entscheidungen zu ermöglichen, kritisiert Gigerenzer. Er fordert Frauen und Frauenorganisationen auf, sich in Kampagnen für ehrliche Informationen zum Mammografie-Screening einzusetzen (vgl. IMABE-September 2009: 92 Prozent aller Frauen überschätzen den Nutzen der Mammografie als Mittel zur Vermeidung einer tödlich verlaufenden Brustkrebserkrankung).

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