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März 2015

Public Health: Wachsende Kritik an Pränataler Diagnostik ohne therapeutischen Nutzen

Schwangere werden über den Begriff „Risiko“ und das Recht auf Nichtwissen kaum aufgeklärt

In Deutschland gibt es eine heftige Diskussion darüber, ob die Kosten des umstrittenen Praena-Tests (ca. 600 bis 900 Euro, ärztliche Konsultation nicht eingerechnet) von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden sollen. Mittels dieser nicht-invasiven Methode könne man schonender feststellen, ob das Ungeborene Trisomie 21 hat. Die Diagnose Down-Syndrom führt in neun von zehn Fällen zur Abtreibung des Kindes. Die Herstellerfirma Lifecodexx bietet die Analyse fetaler DNA im mütterlichen Blut inzwischen auch für die Bestimmung von Trisomie 13 und 18 sowie Fehlverteilungen der Geschlechtschromosomen X und Y an. Bereits bei der Einführung des Produkts kam es in Deutschland zu heftigen Protesten (vgl. IMABE 2012: Gentechnik: Neuer Bluttest auf Down-Syndrom löst heftige Debatte aus).

Inzwischen läuft seit Mai 2014 eine von der zuständigen Behörde, dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen in Auftrag gegebene Testphase zwecks etwaiger Bezahlung durch die Krankenkassen. Gesundheitspolitiker fürchten jedoch, dass ethische und soziale Fragen ausgeblendet werden. Kritiker wenden ein, dass Versicherungsgelder nicht dafür eingesetzt werden dürften, eine Rasterfahndung nach Kindern mit Down-Syndrom zu finanzieren. Menschen mit bestimmten Beeinträchtigungen würde damit suggeriert, sie seien unerwünscht.

Als Risikoschwangerschaften gelten heute bereits alle schwangeren Frauen über 35 Jahre, Schwangere mit einem verdächtigen Ultraschallbefund oder Laborwerten, die aus der Norm fallen, oder jene, in deren Familie es eine Generkrankung gibt, bzw. Frauen, die bereits eine Fehlgeburt erlitten haben. Im Jahr 2009 wurden in Deutschland bereits 72,7 Prozent (!) aller Schwangerschaften als riskant eingestuft (vgl. Erika Feyerabend Lukrative Sicherheitsversprechen: Schwangerenvorsorge als Marktpotential, in: Imago Hominis 2012; 4: 238-243).

Sollten die Kosten des Bluttests zur Standard-Kassenleistung für alle Risikoschwangeren werden, könnte dies absehbar zu einem pränataldiagnostischen Screening auf Trisomie 21 führen (vgl. Die Zeit, online, 22. 1. 2015). Damit würde die heute schon bedenkliche Tendenz, dass „die Schwangerenvorsorge individuell, gesellschaftlich und ärztlich auf die vorgeburtliche Suche nach Risiken und den möglichen Abbruch gewollter Schwangerschaften“ verengt wird, nur noch verstärkt, kritisiert das Netzwerk Gegen Selektion durch Pränataldiagnose (Pressemitteilung 2014).

In einer Analyse legt Der Freitag (online, 23. 2. 2015) nahe, dass die Behörden ein Interesse an der Einführung des Praena-Tests hätten: Seine Entwicklung wurde vom Bundesforschungsministerium und anderen öffentlichen Geldgebern immerhin mit rund 450.000 Euro gefördert.

Auch Die Welt greift das Dilemma der Pränataldiagnostik auf (online, 8. 3. 2015). Die Präzision nicht invasiver Bluttests (NIPT) sei zwar gerade bei Trisomien recht hoch, eine invasive Untersuchung müsse dem Befund aber zur Absicherung dennoch folgen, betont Ute Moog, Leiterin der Genetischen Poliklinik am Universitätsklinikum Heidelberg. Die Berliner Psychotherapeutin Sabine Hufendiek sieht bei vielen Frauen und Paaren die falsche Hoffnung, dass man mit einem möglichst schnellen Abbruch der Schwangerschaft der Spannung entkommen könne. Dies erweise sich allerdings meist als Trugschluss, denn, so ergänzt die Hamburger Ethnologin und Hebamme Angelica Ensel in der Welt: „Ein Abbruch ist immer ein traumatisches Ereignis.“

Je informierter und aufgeklärter Frauen über tatsächliche Risiken und Aussagekraft sind, desto eher verzichteten sie auf pränatale Tests, zeigte kürzlich eine US-amerikanische Studie (vgl. IMABE Oktober 2014).

Foto: © Fotolia_60503659_adam121

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