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Mai 2015

Forschung: Wissenschaftsrat will Integrität, Qualität und ethisches Verhalten stärken

WHO fordert mehr Transparenz und mahnt raschere Offenlegung klinischer Daten ein

Regeln, Leitlinien und Appelle im Wissenschaftsbetrieb sind wichtige Elemente zur Qualitätssicherung – allein: Ethisches Verhalten können sie nicht produzieren. Der Deutsche Wissenschaftsrat fordert deshalb eine neue „umfassende Kultur der Redlichkeit und Qualität an wissenschaftlichen Einrichtungen“ und die Förderung von ethischen Grundhaltungen. „Wir brauchen mehr als Regeln“, sagt Manfred Prenzel, Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Um diese anzuwenden und zu verinnerlichen, sei eine „Haltung der Integrität“ notwendig. In den aktuellen Empfehlungen zu wissenschaftlicher Integrität (2015) hebt der Wissenschaftsrat vor allem die Vermittlung einer guten wissenschaftlichen Praxis möglichst schon im Studium hervor sowie eine stärkere Ausrichtung auf Qualität als auf Quantität in der gesamten Forschungs- und Publikationspraxis.

Der Druck auf Wissenschaftler, möglichst viel und in hochrangigen Fachzeitschriften zu veröffentlichen, gefährde die wissenschaftliche Integrität, zumal wenn die Arbeitsbedingungen schwierig sind und starke Abhängigkeiten entstehen.

Die 54-Seiten starke Empfehlung des Wissenschaftsrates widmet sich aber nicht nur den öffentlich diskutierten gravierenden Fällen des Wissenschaftsbetrugs wie Datenfälschung oder Plagiaten, sondern betrachtet auch die Grauzone verschiedener Formen nicht integren oder unverantwortlichen Verhaltens (vgl. Pressemitteilung, online, 27. 4. 2015).

Erst 2014 hatte The Lancet eine Debatte um die Zukunft des Wissenschaftsbetriebs aufgegriffen (vgl. IMABE 2014: Forschung: Wissenschaftselite will mehr Qualität und weniger Forschungsmüll). In der Praxis hatten die lange zurückgehaltenen wissenschaftlichen Daten zum Grippemittel Tamiflu die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und Pharmaindustrie stark erschüttert (vgl. IMABE 2014: Studie: Grippemittel Tamiflu so gut wie nutzlos und dennoch millionenfach gelagert).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nun die raschere Offenlegung der Ergebnisse aus klinischen Studien gefordert (vgl. Pressemitteilung, online, 14. 4. 2015).

Die Ergebnisse klinischer Studien sollten innerhalb eines Jahres nach ihrem Abschluss der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Neben einer Publikation in einer Fachzeitschrift mit einem Peer-Review-Verfahren, die spätestens nach 24 Monaten offen zugänglich sein sollte, müssten die wichtigsten Ergebnisse auch in den jeweiligen Studienregistern mitgeteilt werden (vgl. Deutsches Ärzteblatt, online, 14. 4. 2015).

Bereits vor zehn Jahren hatte die WHO gefordert, dass alle klinischen Studien vor ihrem Beginn in Registern angekündigt werden. Dies soll verhindern, dass Studien mit einem negativen Ausgang unter den Tisch fallen, was bei einer späteren Meta-Analyse die Einschätzung der Wirksamkeit von Impfstoffen, Medikamenten oder anderen Therapien verzerren kann. Dies kann wiederum – so die Begründung der WHO-Verantwortlichen in PLoS Med (12(4): e1001819, DOI:10.1371/journal.pmed.1001819) – zu Fehlinformationen und -entscheidungen bei der Förderung der wissenschaftlichen Forschung und öffentlicher Gesundheitsleistungen führen. Die Folge seien steigende Kosten für öffentliche und private Einrichtungen sowie Patienten, für die Geld für suboptimale oder sogar gefährliche Behandlungen ausgeben würden.

Eine im British Medical Journal (2013; 347: f6104) veröffentlichte Analyse der US-Datenbank ClinicalTrials.gov hatte gezeigt, dass für 23 Prozent aller Studien, die bis 2009 abgeschlossen waren, noch keine veröffentlichten Ergebnisse vorlagen. Diese Studien umfassen insgesamt fast 300.000 Teilnehmer (vgl. IMABE 2013: Nicht-Veröffentlichen von Ergebnissen schadet Probanden, Wissenschaft und Gesellschaft).

Foto: © Fotolia_66266246_Ivelin Radkov

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