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April 2016

Transgender: Debatte über fragwürdige Hormonbehandlung von Kindern

Psychiater stellen überzogene Erwartungen an Geschlechtsumwandlungen in Frage

Wenn Menschen eine Inkongruenz zwischen ihrem erlebten und biologischen Geschlecht erfahren, spricht man von einer Geschlechtsidentitätsstörung bzw. Transsexualität. Diese ist gemäß ICD 10 und DSM V-Klassifikation als Erkrankung anerkannt, sie tritt mit einer geschätzten Prävalenz von 0,001 Prozent bis 0,002 Prozent weltweit selten auf (vgl. Encephale, doi: 10.1016/j.encep.2016.02.011). Für die Betroffenen ist das Leid groß: Transsexuelle Menschen haben oft schon als Kind das Gefühl, dass sie im falschen biologischen Körper stecken. Dies hat nun die Debatte unter Ärzten darüber entfacht, ob eine Behandlung der Geschlechtsidentitätsstörung bereits im Kindes- und Jugendalter beginnen soll.

In den USA soll im Mai 2016 eine erstmals großangelegte, mit 5,7 Millionen US-Dollar dotierte Studie beginnen, die psychologische und medizinische Ergebnisse der Behandlung von Transgender-Jugendlichen erfasst. 280 junge Menschen mit Geschlechtsdysphorie in zwei Altersgruppen sollen über fünf Jahre behandelt werden – mit unterschiedlichen hormonellen Therapien. Ältere Jugendliche bekommen eine gegengeschlechtliche Sexual-Hormontherapie, damit sie die jeweils „richtige“ Pubertät erleben, also jene, die im Einklang mit ihrer erlebten sexuellen Identifikation steht. Bei der anderen Gruppe, darunter sind auch 14-Jährige, soll die Pubertät hormonell blockiert werden, um das mit der Pubertät verbundene psychische Trauma zu verringern.

Unter Experten wird dieser Ansatz jedoch sehr kontrovers diskutiert: Zu viele Fragen seien offen, um schon so früh mit einer hormonellen Therapie zu beginnen. „Die Menschen stellen Dinge als Wissenschaft dar, wo es aber bloß um ihre Glaubenssysteme geht und die auch nicht durch empirische Forschung abgesichert sind“, meldet sich Jack Drescher, Psychiater am William Alanson White Institute, New York City, in Nature (531, 560; 31. März 2016, doi: 10.1038 / 531560a) kritisch zu Wort.

Die allgemeinen Empfehlungen lauten, nicht vor dem 16. Lebensjahr mit einer Hormontherapie zu beginnen. Selbst dann ist sie umstritten, da sie Nebenwirkungen mit sich bringen können, die weitgehend unbekannt sind. Ab wann sollen Kinder einer Behandlung mit möglicherweise irreversiblen Folgen zustimmen dürfen? Ist die Hormongabe überhaupt ethisch legitimierbar? Es liegen bisher keine systematischen Untersuchungen vor, wie sich eine hormonelle Behandlung vor Pubertätsabschluss auf die weitere Entwicklung der Geschlechtsidentität auswirkt, heißt es etwa in den Leitlinien für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP).

Die Studiendaten bei Erwachsenen zeigen, dass eine operative Geschlechtsumwandlung zwar im Moment Erleichterung, langfristig jedoch schwere psychische Probleme nach sich ziehen kann. Eine Erhebung bei Transgender-Erwachsenen im Rahmen des National Transgender Discrimination Survey, die im Jahr 2014 vom Williams Institut, einem LGTB-Think-Tank der Fakultät für Rechtswissenschaften der University of California, Los Angeles, und der American Foundation for Suicide Prevention publiziert wurde, zeigte eine hohe Vulnerabilität und Anfälligkeit für psychische Erkrankungen. Extrem hoch war die Selbstmordrate unter Transgender-Personen. Sie lag mit einer „Prävalenz von 41 Prozent deutlich über jener von 4,6 Prozent in der gesamten US-Bevölkerung und 10 – 20 Prozent bei lesbischen, homosexuellen und bisexuellen Menschen.“

Ebenfalls nachdenklich stimmen die Daten einer schwedische Langzeit-Studie, die 2011 in PLoS One (dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0016885) veröffentlicht wurde. 324 Transsexuelle in Schweden, die zwischen 1973 und 2003 eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht hatten, zeigten 10 Jahre danach „ein signifikant höheres Risiko für Sterblichkeit, Selbstmord und psychische Störungen als die allgemeine Bevölkerung.“ Die Studienergebnisse würden zeigen, so das Team um Mikael Landen von der Psychiatrischen Abteilung des Karolinska Instituts Stockholm, dass die Geschlechtsumwandlung zwar die Geschlechtsdysphorie erleichtern kann, letztlich aber eine unzureichende Behandlung von Transsexualismus darstellt. Sie fordern deshalb eine verbesserte psychiatrische und medizinische Versorgung dieser Patientengruppe.

Der steigende Trend zu operativen Geschlechtsumwandlungen ist trotz dieser Ergebnisse ungebrochen. Allein in Deutschland hat sich die Zahl von 444 im Jahr 2005 auf 1.314 im Jahr 2013 verdreifacht – insgesamt hatten sich in diesem Zeitraum 7.291 Personen operieren lassen. An der John Hopkins University Baltimore, welche in den 1960ern Pionier auf diesem Gebiet war, werden inzwischen keine operativen Geschlechtsumwandlungen mehr durchgeführt. Psychiater Paul McHugh, ehemaliger Vorstand der Psychiatrie des John Hopkins Hospital, verteidigte dies im Wall Street Journal als „weise Entscheidung“ (online, 12.6.2014). Der Grund sei medizinisch: Die Operationen würden den Patienten langfristig keine Vorteile bringen. Vergleichsstudien zwischen Transsexuellen mit und ohne Operation hätten bereits in den 1970ern gezeigt, dass es Patienten nach einer Geschlechtsumwandlung in psychosozialer Hinsicht nicht besser ging als jenen ohne Operation. McHugh sieht sich im Nachhinein von der schwedischen Studie 2011 bestätigt. Auch bei Kindern mahnt McHugh zur Zurückhaltung. Bei 80 Prozent der Kinder mit Anzeichen einer Geschlechtsdysphorie würden diese in der Pubertät von alleine verschwinden. Hier übereilt mit einer Hormontherapie einzugreifen, die zu Wachstumsstörungen und Sterilität führen kann, käme einem „medizinischen Missbrauch der Kinder gleich“, so McHugh.

Foto: © Fotolia_67450164_eveleen007

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