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Mai 2016

Ethik: Genom-Editing will krankheitsresistente Menschen schaffen

Immer mehr Embryonen werden als Rohstoff in Labortests verbraucht

Kaum ein Monat vergeht, in der nicht eine No-Go-Grenze für die Reproduktionsforschung überschritten wird. Die verbrauchende Embryonenforschung und Erbgutmanipulationen stehen dabei an der Spitze. „Es scheint, dass hier neben wissenschaftlicher Neugierde auch marktwirtschaftliche Gründe eine Rolle spielen“, sagt Bioethikerin Susanne Kummer. „Die Goldgräberstimmung in der Stammzellenforschung ist vorbei, die großen Gewinne sind ausgeblieben, jetzt muss man neue Marktfelder eröffnen, die den Glauben an die Machbarkeit schüren – vom genetischen Wunschkind bis zu einem quasi von Krankheit befreitem Leben“, sagt IMABE-Leiterin Kummer. So hat ein chinesisches Forscherteam der Medizinischen Universität Guangzhou trotz ethischer Debatte (vgl. IMABE 12/15) zum zweiten Mal das Erbgut von Embryonen mittels Genom-Editing (CRISPR–Cas9-Methode) verändert. Das Ziel: Die Embryonen sollten gentechnisch so manipuliert werden, dass sie – ähnlich wie Agrarpflanzen – „krankheitsresistent“ werden, in diesem Fall gegen HIV.

Die im Journal of Assisted Reproduction and Genetics (2016; doi:10.1007/s10815-016-0710-8) publizierten Ergebnisse sind allerdings ernüchternd. Die Forscher verwendeten 213 Embryonen. Mittels CRISPR/Cas9-Technologie schleusten sie eine Variante des Gens CCR5 in das Erbgut von 26 Embryonen ein. Dies soll vor einer HIV-Infektion schützen. Allein: Nur bei vier Embryonen glückte die Technik, die Genom-Veränderung fand jedoch auch dort nicht bei allen Chromosomen statt – dafür kam es zu anderen, nicht intendierten Mutationen.

Ein zweites Feld ist die Reproduktionsmedizin: Bislang war ein „Lebensraum“ für Embryonen aus künstlicher Befruchtung praktisch auf eine Woche im Reagenzglas beschränkt. Dann sterben die Embryonen ab, außer sie werden in eine natürliche Umgebung (eine Gebärmutter) verpflanzt und nisten sich dort ein. Forschern aus Großbritannien und den USA ist es nun erstmals gelungen, menschliche Embryonen über das Implantationsalter hinaus im Labor anzuzüchten. Die bis zu 13 Tage alten Embryonen zeigten laut den Berichten in Nature (2016; doi: 10.1038/nature17948) und Nature Cell Biology (2016; doi: 10.1038/ncb3347) eine ungewöhnliche Autonomie, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online, 5.5.2016).

In einem von Magdalena Zernicka-Goetz von der University of Cambridge entwickelten Kulturmedium wuchsen die Embryonen auch ohne Gebärmutter noch einige Tage. Dann wurden sie zerstört, da die Forscher sonst mit dem britischen Gesetz in Konflikt geraten wären. Die „14-Tage-Regel“ gilt für Embryonenforscher in Ländern wie Kanada und den USA, aber auch in einigen europäischen Ländern wie Großbritannien. In einigen dieser Länder ist im Gesetz verankert, in anderen Teil wissenschaftlicher Richtlinien.

Ziel der Experimente ist es, Erkenntnisse über die geringe Erfolgsrate der IVF zu gewinnen, etwa Entwicklungsstörungen und Krankheiten, die in vielen Fällen eine Einnistung des Embryos im Uterus verhindern. Dabei will man gegebenenfalls auch eine gezielte Manipulation des Embryos vornehmen – also mittels CRISPR/Cas9-Technologie das Genom verändern. Das Labor der Biologin Zernicka-Goetz in Cambridge arbeitet eng mit Kathy Niakan vom Francis Crick Institute in London zusammen, einer Mitautorin der Nature-Veröffentlichung, die bereits im Eilverfahren von der britischen Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) die Zusage zum Einsatz des Genom-Editings erhalten hat, berichtet die FAZ (online, 5.5.2016).

Wie zu erwarten, beginnt nun die Debatte um die 14-Tages-Frist. Sie soll überdacht und ausdehnt werden, fordern mehrere US-Wissenschaftler in einem Kommentar zu den Studien in Nature (533, 169-171; 12 May 2016, doi:10.1038/533169a).

„Die innere Logik ist klar: Wer willkürliche Grenzen einführt, wonach ein Embryo bis zum 14. Tag Freigut ist und zerstört werden darf und erst ab dann als Mensch schützenswert gilt, der kann mit derselben Willkür diese Grenze auch verschieben – bis wohin auch immer“, kritisiert Ethikerin Kummer. Von einer Nutzen-Schaden-Abwägung für die Betroffnen kann nicht mehr gesprochen werden: „Der Embryo ist kein Heilmittel. Die Würde des Menschen in allen seinen Entwicklungsphasen, verbietet es, ihn für Experimente zu verzwecken.“

Foto: © Fotolia_64573096_DigitalGenetics

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