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Juni 2016

Österreich: Pharmaindustrie will durch Offenlegungen Vertrauen stärken

Transparenz-Offensive braucht unter Ärzten noch höhere Zustimmung

Erstmals legt die Pharmaindustrie offen, wie viel Geld sie Ärzten für die Teilnahme an klinischen Studien und Anwendungsbeobachtungen, aber auch für Vorträge und Kongressteilnahmen bezahlt. Die aggregierte Summe für alle Zuwendungen von rund 120 Pharmaunternehmen an Krankenhäuser, Forschungsinstitutionen und Ärzte beziffert Jan Oliver Huber, Präsident des Verbandes der pharmazeutischen Industrie (Pharmig) mit 101 Millionen Euro für das Jahr 2015 (vgl. Standard, online, 22.6.2016).

Hintergrund der Initiative Transparenz schafft Vertrauen ist die freiwillige Selbstkontrolle europäischer Pharmafirmen bezüglich ihrer Zuwendungen an Geld und Leistungen für Ärzte und Institutionen (vgl. IMABE 1/2016). Im Jahr 2015 zahlte die Industrie in Österreich 54 Millionen Euro für Forschung und Durchführung von klinischen Studien sowie Anwendungsbeobachtungen, 27 Millionen Euro gingen an medizinische Einrichtungen für Sponsoring von Veranstaltungen, Spenden und Stiftungen. 20 Millionen Euro wurden direkt an Ärzte für Vorträge, Fortbildungen und Beratungen bezahlt.

Bis zum 30.6.2016 müssen die Pharmaunternehmen die geldwerten Zuwendungen auf ihren Websites veröffentlichen Für die namentliche Offenlegung dieser Leistungen müssen die Pharmaunternehmen aufgrund der strengen Datenschutzbestimmungen in Österreich die Zustimmung des jeweiligen Arztes oder der Organisation (z. B. Krankenhaus) einholen. Hier gibt es noch Nachholbedarf. Auf „etwa 50 Prozent“ beziffert Huber den Anteil der Ärzte, die ihre Zustimmung zur Offenlegung gaben. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) begrüßt die Pharma-Transparenzinitiative ausdrücklich und wünscht sich als Ziel, dass jeder Arzt bereit ist, auch mit Namen genannt zu werden (vgl. Presseaussendung, online, 22.6.2016). „Am Ende des Tages“ solle auf individueller Ebene veröffentlicht werden, welche Leistungen ein Arzt für ein Pharmaunternehmen erbracht hat und wie diese honoriert wurden, verspricht auch Huber. „Wir hoffen auf einen raschen Kulturwandel unter den Ärzten“, sagt Karl Forstner, ÖÄK-Vizepräsident. Transparenz sei als Wert im Gegensatz etwa zu Skandinavien in Österreich wenig ausgeprägt. „Wir müssen das Selbstbewusstsein der Ärzte stärken: Es ist ja nicht unanständig, dass man für eine Leistung bezahlt wird und dass das sichtbar wird“, so Forstner. Die Zusammenarbeit zwischen Pharmaunternehmen und Ärzten sei alternativlos. Um Forschung, Studien, aber auch Fortbildungen zu ermöglichen, sei man auf diese finanzielle Unterstützung angewiesen. „Es wäre schön, wenn sich die öffentliche Hand vermehrt, das heißt, überhaupt beteiligen würde“, betont der ÖÄK-Vizepräsident.

Solange die Zustimmung von Ärzten oder Institutionen fehlt, werden die Daten nur aggregiert, also zusammengefasst, offengelegt. Wie man einen Kulturwandel möglicherweise beschleunigen kann, zeigt GlaxoSmithKline mit dem Prinzip „No Consent-No Contract“ vor: Jeder Arzt, der für eine Leistung bezahlt wird, muss bei GSK vorher einer individuellen Offenlegung zustimmen, sonst erhält er keinen Vertrag.

Die Zahlen sollen ab nun jährlich veröffentlicht werden. Noch besser wäre jedoch, wenn der einzelne Patient nachvollziehen könne, wie viel Geld an welchen Arzt geflossen ist. In Österreich ist das schwierig, da die Daten nicht gesammelt veröffentlicht, sondern nur auf den Websites der einzelnen Unternehmen zu finden sein werden. Eine Verlinkung von www.transparenz-schafft-vertrauen.at auf die Unternehmenswebseiten schließt Pharmig-Präsident Huber allerdings nicht aus.

Foto: © Fotolia_58434946__XS_avarand

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