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Juni 2016

Reproduktionsmedizin: Überraschend offene Kritik von Ärzten an IVF-Methoden

Therapien seien riskant, wecken falsche Hoffnungen und bergen finanzielle Interessenkonflikte

Über Jahrzehnte ist die Fertilitätsindustrie enorm gewachsen, ihr jährlicher Umsatz wird derzeit auf 9 Milliarden Euro geschätzt. Nun melden sich international prominente Reproduktionsmediziner zu Wort und fordern überraschend offen ein Umdenken. Sie kritisieren, dass sich die IVF-Industrie auf zu wenige wissenschaftliche Studien stützt, mit riskanten Methoden falsche Hoffnungen weckt und ungewollt kinderlose Paare zu selten über ebenso hilfreiche Alternativen zur künstlichen Befruchtung aufklärt. Grund dafür seien u.a. die staatlichen Vergütungssysteme, die die IVF hoch finanziell unterstützen sowie der Druck der Fertilitätsbranche, Geschäfte zu machen – auch auf Kosten der Patienten.

Der extrem hohe Anteil an Intrazytoplasmatischen Spermieninjektionen (ICSI) ist ein Beispiel dafür. Hans Evers, Reproduktionsmediziner der Universität Maastricht führt die unnötig hohe Zahl von ICSI-Behandlungen auf eine „therapeutische Illusion im großen Stil“ zurück. Bei der klassischen In-vitro-Fertilisation (IVF) bringt man dann die Eizelle im Reagenzglas mit mehreren 100.000 Spermien zusammen. Ziel ist, dass – wie in der Natur – das „beste“ Spermium sich dabei den Weg zwecks Befruchtung in die Eizelle selbst sucht. Anders läuft es bei der ICSI: Dabei wird ein einziges Spermium ausgewählt und direkt in die Eizelle eingespritzt. Ursprünglich wurde die ICSI-Methode nur bei männlicher Unfruchtbarkeit angewendet, inzwischen wird sie wahllos eingesetzt (vgl. Sciencedaily, online, 21.5.2016).

Unter dem Titel Santa Claus in the fertility clinic prangert Evers, selbst Chefredakteur des Fachjournals Human Reproduction, den steigenden Einsatz der ICSI-Methode als „ineffizient und kostspielig“ an (vgl. Editorial in Hum Reprod, 2016 doi: 10.1093/humrep/dew092). Den Frauen werde vorgespiegelt, dass sie so eher schwanger werden und zu einem Kind kommen könnten. Allerdings: Nach der ICSI-Methode komme es de facto zu weniger Lebendgeburten als nach IVF, wenn sie für Paare verwendet wird, bei denen nicht die männliche Unfruchtbarkeit das Problem ist. Außerdem haben ICSI-Kinder ein signifikant höheres Gesundheitsrisiko – und das Verfahren ist kostspieliger (vgl. IMABE 11/2013). Es sei unverantwortlich und inakzeptabel, wenn Wunschbabykliniken Kosten erhöhen und unnötige Behandlungen anbieten würden, so die Kritik der Reproduktionsmediziner (Dailymail, online, 23.5.2016).

Laut aktuellem Bericht des International Committee for Monitoring Assisted Reproductive Technologies (ICMART) wird in Europa bereits in mehr als der Hälfte von Versuchen der zur künstlichen Befruchtung genützt. Österreich zählt weltweit zu den Spitzenreitern: Die ICSI-Methode wird laut IVF-Register 2015 bereits in rund 80 Prozent der Fälle angewendet und subventioniert – ohne Kosten-Nutzen-Evaluierung.

Mangelnde wissenschaftliche Standards beklagten auch die Experten am EBART (Evidence Based Assisted Reproduction Technology)-Kongress in Barcelona. Nur 14 Prozent aller Studien zu Techniken der künstlichen Befruchtung würden den Kriterien einer auf Beweise gestützten Medizin (EBM) entsprechen (vgl. Le Quotidien du Médecin, online, 12.5.2016). Viele IVF-Techniken basieren auf bloßen Annahmen, bei einer erheblichen Anzahl fehle der Beweis eines Nutzens auf Basis klinischer Studien, sagt Rita Vassena, selbst Reproduktionsmedizinerin an der Clinica EUGIN in Barcelona, erstaunlich offen. Es gehe dabei um Sicherheit, aber auch „um Verschwendung von Zeit und Geld“.

Therapien an Patienten ausprobieren – ohne vorherige Evidenzprüfung? Ein krasses Beispiel dafür scheint laut Kritiker die Präimplantationsdiagnostik (PID) zu sein. Bis heute fehle nämlich jeder wissenschaftliche Beweis, dass der Gencheck und die Selektion von Embryonen tatsächlich die Chance auf eine Schwangerschaft erhöht – und Fehlgeburten senkt (vgl. IMABE-Info Präimplantationsdiagnostik). Dennoch wird die PID inzwischen quasi als „Goldstandard“ zur Erfüllung des Kinderwunsches nach mehreren Fehlgeburten angeboten. Inzwischen ist dies auch in Österreich möglich. Besonders hart gehen Norbert Gleicher, Direktor des Center of Human Reproduction in New York, und seine Kollegen mit dieser Hypothese ins Gericht. Sie sehen Interessenskonflikte als Grund, warum Herausgeber einschlägiger Journals offenbar bewusst verhindern wollen, negative Studien über die PID zu publizieren (vgl. 10 Jahre unerfüllte Versprechungen, Blog-Kommentar Mai 2016). In einer in Reproductive Biology and Endocrinology publizierten Übersichtsarbeit zeigen die US-Reproduktionsmediziner (2014; 12: 22 DOI: 10.1186/1477-7827-12-22), dass auch die jetzt neu propagierte sog. PID 2.0 keinen klinischen Standards entspricht.

Eine jüngst in Nature Communications publizierte Studie unterstreicht die volle Potentialität von Embryonen, die zwar im Test chromosomale Abweichungen aufweisen, sich aber zu völlig gesunden Kindern entwickeln können (sog. Mosaik-Embryos) (2016; 7: 11165, doi: 10.1038/ncomms11165). „Die Hypothese, dass man aus einer einzigen Biopsie feststellen kann, ob ein Embryo normal ist oder chromosomal abnormal, ist falsch“, betonte Fertilitätsmediziner Gleicher gegenüber der New York Times (online, 18.4.2016).

Auch in Australien stellen sich inzwischen renommierte Reproduktionsmediziner offen gegen die Fertilitätsindustrie. Sie kritisieren irreführende Darstellung von „IVF-Erfolgsraten“, die je nach Institut anders gemessen werden. Reproduktionsmediziner und IVF-Kliniken sind zudem häufig mit finanziellen Interessenkonflikten konfrontiert, die zu Entscheidungen führen, die nicht zum Wohl ihrer Kunden sind (vgl. Bioedge, online, 4.6.2016).

Laut Rob Norman, Reproduktionsmediziner an der University of Adelaide, wäre ein Großteil der Frauen auch ohne IVF schwanger geworden, wenn man einfachere, billigere und weniger invasive Methoden angewendet hätte (vgl. ABCnet, online, 30.5.2016).

Foto: © Fotolia_49502092_XS_koya979

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