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September 2016

Pharmaindustrie: Transparenzinitiative nur teilweise gelungen

Ärzte uneinig über die gute Wirkung auf ihren Ruf in der Öffentlichkeit

Pharmafirmen in Europa haben im Zuge eines neuen Transparenzkodex erstmals jene Honorare auf ihren Webseiten veröffentlicht, die seitens der Industrie an Ärzte und Institutionen geflossen sind. Für Patienten ist die Auflistung allerdings unübersichtlich. In Deutschland hat deshalb nun das Journalisten-Recherchenetzwerk Correctiv gemeinsam mit dem Spiegel die Daten von 20.000 deutschen Ärzten in einer einzigen Datenbank im Internet zugänglich gemacht. Sie haben die Daten von allen Pharma-Webseiten zusammengetragen und listen auf, welchen Betrag jeder Arzt insgesamt im Jahr 2015 für Fortbildungen, Vortragshonorare und Reisespesen von der Pharmaindustrie erhalten hat. Damit soll der einzelne Patient nachvollziehen können, wie viel Geld der jeweiligen Firmen an welchen Arzt geflossen ist (vgl. Spiegel, online, 5. 8. 2016).

Enthalten sind all jene Mediziner, die einer Veröffentlichung ihrer Namen im Zuge der Transparenzinitiative zugestimmt hatten. Von den mehr als 71.000 deutschen Medizinern, die von Pharmafirmen Zahlungen erhalten haben, erhielt jeder im Jahr 2015 im Schnitt etwa 1.600 Euro. Während in Österreich die Zustimmung der Ärzte bei rund 50 Prozent liegt (vgl. IMABE 6/16) scheint in Deutschland der Nachholbedarf noch größer: Rund 20.000 der deutschen Ärzte hatten zugestimmt, dass ihr Name in Kombination mit den an sie geleisteten Zahlungen veröffentlicht wird. Mehr als zwei Drittel, nämlich 50.000, hatten dies abgelehnt. Der Hintergrund: Aufgrund der strengen Datenschutzbestimmungen müssen Pharmaunternehmen in Deutschland wie in Österreich die Zustimmung des jeweiligen Arztes oder der Organisation (z. B. Krankenhaus) für eine Veröffentlichung einholen.

Auf einen „Kulturwandel“ unter der Ärzteschaft zu mehr Transparenz hin hoffen Ärztekammern in Deutschland und Österreich. Denn offenbar fühlen sich im deutschsprachigen Raum Mediziner durch die Veröffentlichungen quasi an den Pranger gestellt oder gar bestraft. Einige davon berichten im Spiegel von ihren Erfahrungen (online, 5. 8. 2016). Der Radiologe Markus Uhl vom RKK Klinikum in Freiburg war etwa von den Reaktionen entsetzt: „Viele Patienten und sogar auch Kollegen haben die Berichterstattung so aufgefasst, als wäre ich korrupt.“ Dabei seien gerade die aufgeführten Mediziner Vorreiter, weil sie sich aktiv für mehr Transparenz einsetzen. Zweifelhaft sei vor allem das Verhalten jener Kollegen, die eine Veröffentlichung ihrer Pharmakontakte abgelehnt haben und bisher nirgendwo auftauchten.

Der Diabetologe Gerald Schade erklärt, warum er Transparenz befürwortet. Die Summe von 2.390 Euro im Jahr 2015, die er für Vorträge, Reisespesen und Tagungsgebühren erhalten hat, sei angemessen. Bei einem „Konflikt zwischen der wissenschaftlichen Datenlage und den Erwartungen des Veranstalters“ würde er nicht zusagen, gleichzeitig schließt der Arzt nicht aus, dass es zu unbewussten Beeinflussungen kommen kann. Schade kritisiert, dass Alternativen zu den industriegeförderten fachärztlichen Veranstaltungen unterfinanziert werden, was für die wissenschaftliche Fortbildung unabdingbar sei. Skeptisch ist der Mediziner, ob man mit dem Transparenzkodex „eine wirkliche Transparenz“ erreichen kann, denn: „Dazu müssten erstens alle mitmachen, und zweitens sollte die veröffentlichten Daten niemand fehlinterpretieren.“

Auch Allgemeinmediziner Niklas Schurig pflichtet ihm bei: Er plädiert für ein Register, in dem alle Ärzte erfasst sind – erst dann habe man echte Transparenz erreicht. In einem nächsten Schritt sollte auch die Ärzteschaft Richtlinien zum konkreten Umgang mit diesen Interessenkonflikten festlegen.

Foto: © Fotolia_93938099_Narong_Jongsirikul

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