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September 2016

Studie: Kliniken mit dubiosen Stammzelltherapien florieren weltweit

Wissenschaftler fordern internationales Reglement gegen den wachsenden Stammzell-Tourismus

Um die Forschung mit Stammzellentherapien ist es stiller geworden – von klinisch gesicherten Therapien ist man noch meilenweit entfernt. Dennoch wächst ein Markt mit fragwürdigen Therapieangeboten, wie eine Studie jetzt zeigt. In den USA sprießen Kliniken aus dem Boden, die mit Stammzelltherapien werben. Davor warnt eine aktuell in Cell Stem Cell (Volume 19, Issue 2, p154–157, 4. August 2016) publizierte Studie. Paul Knoepfler, Zellbiologe an der University of California, und Leigh Turner, Bioethiker an der University of Minnesota, identifizierten 570 Kliniken in den USA, die Stammzellen-Interventionen anbieten, wobei sich viele in den Ballungsräumen Beverly Hills, Phoenix und New York befinden. Dahinter stehen mehr als 350 Unternehmen mit klaren Marketingstrategien: Über 300 dieser Unternehmen bieten windige Stammzelltherapien bei orthopädischen Problemen an, andere Indikationen sind Schmerzen (150 Unternehmen), Sportverletzungen (90), neurologische Erkrankungen (80), und Immunstörungen (75). Abgesehen von den Schäden, die für Patienten entstehen können, fürchten die Forscher durch den Wildwuchs an dubiosen Stammzell-Kliniken um ihren guten Ruf (vgl. Eurekalert, online, 30. 6. 2016). Im Juli 2016 wurde der Fall einer 75-jährigen Alzheimer-Patientin bekannt, die im Zuge einer „Stammzelltherapie“ verblutete, weil der Arzt fahrlässig gehandelt hatte.

Das Geschäft mit der Hoffnung und Verzweiflung Betroffener blüht aber auch anderswo. Neben den USA haben Irland, Singapur, Australien, Deutschland, Italien und Japan die höchste Pro-Kopf-Zahl der Kliniken, die sich in einem Direktmarketing an Patienten zur Nutzung von Stammzell-Therapien wenden. Dies zeigt eine weitere in Cell Stem Cell (Volume 19, Issue 2, p158–162, 4. August 2016) erschienene Studie, die 417 englischsprachige Webseiten mit Werbung für stammzellbasierte Therapien untersuchte.

Als häufigste Indikation werden Stammzellen für Anti-Aging oder zur Hautpflege angeboten, was darauf hindeutet, dass die Vermarkter eher auf Wünsche im Bereich Lebensstil oder Schönheit zielen als auf medizinische Bedürfnisse, sagt Studienleiter John Rasko, Hämatologe und Stammzellenforscher an der University of Sydney. Bei keiner einzigen handelt es sich um eine von der Aufsichtsbehörde genehmigte Therapie. Den Wildwuchs führt Rasko auch auf die laschen gesetzlichen Regelungen zurück. Hier gäbe es blinde Flecken und Schlupflöcher, die von Quacksalbern in Industriestaaten ausgenützt würden.

Forscher klagen über die aggressive und skrupellose Werbung von ungeprüften Stammzelltherapien. Mainstream-Medien würden unkritisch und zu optimistisch berichten, auch bei der Verwendung von Patientenberichten – etwa Promi-Sportler, die nach Stammzell-Therapien angeblich wieder fit waren – mahnen die Experten zur Zurückhaltung (vgl. New York Times, online, 28. 7. 2016).

Der Stammzellen-Tourismus ist inzwischen zu einem globalen Problem geworden, Experten warnen vor einer wachsenden Zahl von Kliniken, die teure stammzellbasierte Therapien anbieten, die im besten Fall unwirksam sind oder keinen nachgewiesenen Nutzen haben (vgl. Annalen der American Thoracic Society, 2016; 13 (8): 1205, DOI: 10,1513 / AnnalsATS.201604-277ED, Sciencedaily, online, 11. 8. 2016). Sie fordern mehr internationale Zusammenarbeit, eine kontinuierliche Aufklärung der Öffentlichkeit und mehr Druck auf eine wirksame Regulierung.

Bereits 2011 hatten amerikanische Bioethiker (vgl. IMABE 5/2011) vor einem unredlichen Hype rund um die Stammzellenforschung gewarnt. Inzwischen ist die von Fälschungsskandalen und Rückschlägen geschüttelte Branche vorsichtiger geworden. Der große Durchbruch, der die regenerative Medizin revolutionieren sollte, ist bis jetzt ausgeblieben, analysiert die Neue Zürcher Zeitung (online, 9. 8. 2016). Von der angeblichen Wunderwaffe, dem Jungbrunnen, der von Alzheimer über Parkinson bis zu Lähmungen alles heilen kann, ist vorerst nichts zu sehen.

Foto: © Fotolia_52839728_fotoliaxrender

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