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September 2016

Alpbach: Mehr Zeit für Patientengespräch, weniger sinnlose Therapien

Experten diskutieren, wie das österreichische Gesundheitssystem verbessert werden kann

Österreich gibt rund 11 Prozent seines BIP für Gesundheitsleistungen aus. Das liegt über dem EU-Durchschnitt. Dennoch droht die Gefahr, dass die medizinische Versorgung hierzulande nicht aufrecht zu erhalten sei – in Qualität und Quantität. „Das Problem ist die herrschende Ineffizienz. Input und Output stimmen nicht, das ist ein Strukturproblem. Wir investieren viel Geld in Gesundheit, dafür sind die Menschen in Österreich insgesamt aber zu krank oder nicht gut genug versorgt“, sagt Ulrike Rabmer-Koller, Vorsitzende des Hauptverbands im Vorfeld der diesjährigen Gesundheitsgespräche des Europäischen Forums Alpbach 2016 (vgl. Standard, online, 22. 8. 2016).

Zur Erinnerung: Laut aktuellem OECD-Bericht hat Österreich im Verhältnis zu seinen Einwohnern die weitaus höchste Zahl an Spitalsbehandlungen (vgl. IMABE 11/2015). Mit 266 Spitalsentlassungen je 1.000 Einwohner liegt die Alpenrepublik um 70 Prozent (!) über dem OECD-Schnitt (155 Entlassungen je 1.000 Einwohner).

Der österreichische Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger steht der laufenden Devise, Patienten aus den Krankenhäusern in den niedergelassenen Bereich umzuleiten, weil es Kosten spart, grundsätzlich positiv gegenüber. Doch dort würden Ärzte, Kapazitäten und Leistungen fehlen, was er als Folge einer restriktiven Sparpolitik der Sozialversicherungen kritisiert. „Wenn man umstrukturieren will, muss man den niedergelassenen Bereich jetzt vor allem finanziell stärken. Derzeit fordert man längere Öffnungszeiten, Wochenendarbeit und vieles mehr. Die Ordinationen sind aber schon jetzt total ausgelastet“, klagt Wechselberger (vgl. Standard, online, 21. 8. 2016). Er kritisiert zudem die auferlegte Dokumentationswut. Dokumentation dürfe nicht zum Selbstzweck werden oder bloß einer Rechtfertigungs- bzw. Absicherungsmedizin dienen. Außerdem gäbe es keine Evidenz dafür, dass durch eine Vermehrung der Dokumentation die Behandlungsqualität steige, so der Ärztekammerpräsident. Stattdessen würde Ärzten und Pflegepersonal die Zeit der Zuwendung für Patienten fehlen.

Erst kürzlich hatte eine Studie in Deutschland ergeben, dass Ärzte täglich bis zu drei Stunden dokumentieren. Bei einer Krebspatientin etwa benötigt ein Arzt im Schnitt insgesamt 23 Stunden, um von der Anamnese bis zum Ende der Nachsorge alles zu dokumentieren (vgl. Deutsches Ärzteblatt, online, 5. 8. 2016).

Gespräche brauchen Zeit, ebenso eine ausführliche Untersuchung. Finanziell abgegolten werden diese jedoch nicht. Wenig Zeit für den Patienten habe eine hohen menschlichen, aber auch finanziellen Preis, meint die Anästhesistin Barbara Friesenecker von der Innsbrucker Universitätsklinik für Allgemeine und Chirurgische Intensivmedizin: „Patienten erwarten von uns Ärzten, dass sie überleben, aber manchmal richten wir mit einer Behandlung mehr Schaden an, deshalb müssen wir uns die Sterblichkeit wieder zutrauen und den Tod thematisieren, wenn er nicht mehr vermeidbar ist. Die Zeit für diese Gespräche fehle im Spital.“ (vgl. Standard, online, 23. 8. 2016)

Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-Universität Krems, formulierte es so: „Der Patient steht in Österreich ganz sicher nicht im Mittelpunkt“. Überbehandlung und Übertherapie würden ignoriert, wenn es darum geht, dass die Stakeholder des Gesundheitssystems Kompromisse schließen, sagt Gartlehner. Evidenzbasierte Medizin, also Behandlungsempfehlungen nach statistisch gesicherter Wirksamkeit, wäre eine Lösung des Dilemmas. Doch auch sie stehe unter Druck.

Dass „viele Menschen zu Kranken gemacht“ würden, hängt für die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg auch damit zusammen, dass kaum einer noch Statistiken lesen könne: „Unsere Entscheidungen sind geprägt durch innumeracy, der Unfähigkeit, mit statistischen Daten umzugehen. Es fehlt an Kompetenzen, Risikoinformationen zu verstehen. Das betrifft die Patienten und die Ärzteschaft.“ (vgl. Die Presse, online, 22. 8. 2016).

Der finnische Mediziner Teppo Järvinen von der Universität Helsinki brachte die Ökonomisierung der Medizin auf den Punkt: „Jede Krankheit ist auch eine Geschäftsidee.“ Er ging mit Leitlinien für Bluthochdruck oder Osteoporose ins Gericht. Järvinen hatte erst jüngst im Editorial des British Medical Journal (2016; 354: i3934) darauf hingewiesen, dass auch unnötige operative Eingriffe am Knie gespart werden könnten, wenn man sich an die Studien-Datenlage halten würde. Eine aktuell im British Medical Journal publizierte Studie (2016; 354: i3740) zeigte, dass bei 50-jährigen Erwachsenen mit degenerativem Meniskusriss eine arthroskopische Meniskusteilresektion keinerlei klinische Vorteile brachte gegenüber Muskelaufbau des Oberschenkels durch Physiotherapie.

Für Bundesgesundheitsministerin Sabine Oberhauser ist die Orientierung der Medizin an rein technischen Parametern auch eine Folge der Absicherungsmedizin. „Wer als Arzt heute etwas übersieht oder eine Untersuchung nicht anordnet, riskiert eine Klage, die es unter allen Umständen zu vermeiden gilt. Je mehr Untersuchungen, umso höher die Kosten, umso weniger menschliche Zuwendung – das ist derzeit die Dynamik“, so Oberhauser, selbst Krebspatientin (vgl. Standard, online, 21. 8. 2016). Auch die Pflege bräuchte ihrer Meinung nach mehr Zeit. Allein: Als Gesundheitsministerin hat Oberhauser einen Ausbau der Hospiz- und Palliativmedizin abgelehnt (vgl. IMABE 3/2015) – obwohl durch eine verbesserte Palliativmedizin Übertherapieren verhindert werden können, und zudem nachweislich Geld gespart – und Zeit für Patienten gewonnen wird.

Foto: © Fotolia_53678793_Edyta_Pawlowska

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