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November 2016

Deutschland: Debatte über Manipulation von Diagnosen bei Patienten

Patienten werden am Papier oft kränker gemacht, als sie sind

In Deutschland „schummeln“ gesetzliche Krankenkassen bei der Abrechnung von Leistungen offenbar im großen Stil. Dies gab Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse (TK), einer der größten deutschen gesetzlichen Krankenversicherungen, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu (online, 9.10.2016).

Damit wurde eine breite Debatte über Gewinnstreben in der Medizin und ein „krankes“ Gesundheitssystem ausgelöst. Auch der Ruf nach einer Zusammenlegung von 117 Krankenkassen nach dem Vorbild Frankreichs wurde laut (vgl. DocCheckNews, online, 21.10.2016).

Baas spricht von einem Wettbewerb zwischen den Kassen, die Ärzte dazu anzustiften, Patienten auf dem Papier kränker zu machen, als diese wirklich waren. Das rechnet sich für den Arzt – und auch für die jeweilige Kasse, die für bestimmte schwere Diagnosen aus dem allgemeinen Kassengesamttopf mehr Geld bekommt, den sogenannten Risikostrukturausgleich (vgl. Tagesspiegel, online, 14.10.2016). Konkret heißt das: „Aus einem leichten Bluthochdruck wird ein schwerer. Aus einer depressiven Stimmung eine echte Depression, das bringt 1.000 Euro mehr im Jahr pro Fall“, so Baar. Dass Ärzte darauf hingewiesen werden, dass es mehr Geld für bestimmte Diagnosen gibt, sei nicht verboten. Alle Kassen kennen solche Praktiken – auch die TK. Dementsprechend häufiger werden lukrative Diagnosen dann auch gestellt.

Baas gilt seit Jahren als prominenter Kritiker dieses Systems. Laut Deutsches Ärzteblatt handle es sich allerdings um kein neues Thema, die Gesundheitspolitik wisse schon lange von diesem Problem. Im Jahr 2009 wurde ein neues System eingeführt, wonach Kassen zusätzlich Geld aus dem Gesundheitsfonds bekommen, wenn sie jene Menschen versichern, die an mindestens einer von 80 definierten „risikoreicheren“ Krankheiten leiden. Das Kodieren ist für Krankenkassen inzwischen so wichtig, dass sie Berater in die Praxen schicken, um „richtiges“ Kodieren zu demonstrieren (vgl. Dtsch Arztebl 2016; 113(42): A-1839). Hinter Baas’ Kritik, die auch von Klaus Reinhardt, Vorsitzendem des Hartmannbundes und Mitglied des Vorstandes der Bundesärztekammer, geteilt wird, dürfte aber auch ein Verteilungskampf rund um die Milliarden aus dem Gesundheitsfonds stehen. Der TK-Chef wirft etwa den 11 Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) vor, sie würden von der Umverteilung am meisten profitieren.

Laut Baas hätte sich die Zahl der Fälle von Depression in Deutschland in vier Jahren vervierfacht. Dies sei nicht bloß darauf zurückzuführen, dass Menschen kränker werden und das Problem weniger stigmatisiert würde. Laut Berechnungen der Welt ist auch die Zahl der von angeblich krankhaftem Übergewicht Betroffenen sprunghaft gestiegen, seit Ärzte für die zusätzliche Diagnose Adipositas „belohnt“ werden: 2014 gab es laut Bundesversicherungsamt 640.000 Patienten mit dieser Diagnose. Ende 2017 werden es laut Erwartung des Amtes 1,15 Millionen sein (vgl. Die Welt, online, 12.10.2016).

In der Schweiz werden inzwischen Stimmen laut, man sollte aus dem Fall Deutschland die Lehren ziehen (vgl. NZZ, online, 12.10.2016). Die Akademie für Menschenmedizin, kritisiert, dass Überdiagnosen und Überversorgung das Gesundheitssystem aufblasen (vgl. NZZ, online, 30.10.2016). Klinik-Budgetvorgaben würden manchmal dazu zwingen, zu Ungunsten des Patienten zu entscheiden, sagt Gründungsmitglied Christian Hess, selbst Internist. Ärzte würden in der Folge auch dann operieren, wenn dies medizinisch nicht nötig sei. Profitdenken im Gesundheitssystem würden zu vielen unnötigen und teuren Eingriffen führen (vgl. IMABE 10/11).

Foto: © Fotolia_78786710_nito

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