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Dezember 2016

Pharmaindustrie: Offenlegungsinitiative im ersten Anlauf kaum gelungen

Nur bei 18 Prozent der Zahlungen an österreichische Ärzte ist der Empfänger namentlich bekannt

Im Juni 2016 legte die Pharmaindustrie im Rahmen einer Transparenz-Initiative erstmals offen, wie viel Geld sie an medizinische Institutionen und Ärzte gezahlt hat. Allerdings: Wer wie viel genau bekam, liegt großteils im Dunkeln. Laut einer aktuellen Recherche des deutschen Journalisten-Recherchenetzwerk Correctiv in Kooperation mit dem Standard und dem ORF (online, 30.11.2016) sind nur 18 Prozent aller Geldflüsse an Ärzte und weitere Angehörige medizinischer Fachkreise in Österreich direkt namentlich zurückzuverfolgen. Von allen Klinikleitern hätten nur rund 15 Prozent Pharmahonorare offengelegt (vgl. ORF, online, 30.11.2016). Das Datenschutzrecht sieht hierzulande vor, dass die individuelle Offenlegung nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Empfängers geschehen darf. Weder das Gesundheitsministerium noch die Österreichische Ärztekammer sehen derzeit einen Bedarf für eine gesetzliche Änderung der Datenschutzbestimmungen (vgl. ORF, online, 30.11.2016).

In Österreich ist die Offenlegungsrate im Vergleich zu Deutschland niedriger (vgl. Standard, online, 30.11.2016). Dort haben 29 Prozent der Ärzte und Fachkreisangehörigen einer namentlichen Nennung zugestimmt. Damit hat Österreich offenbar einen größeren Nachholbedarf an Transparenz als ursprünglich gedacht (vgl. IMABE 9/16).

Correctiv hat die Daten von rund 3.850 österreichischen Ärzten, die einer namentlichen Nennung im Zuge der Transparenzinitiative zugestimmt hatten, von den Pharma-Webseiten zusammengetragen und aufgelistet. Damit soll der einzelne Patient selbst in der Datenbank abrufen können, wie viel Geld der jeweiligen Firmen an welchen Arzt geflossen ist (vgl. Correctiv, online, 30.11.2016).

23,2 Millionen Euro hatte die Pharmaindustrie in Österreich im Jahr 2015 an Ärzte gezahlt. Rund 19 Millionen dieser Honorare für Vorträge, Fortbildungen, Beratungen und Reisespesen gehen an „unbekannt“; nur für 4,2 Millionen Euro können namentlich die Empfänger genannt werden. Im Schnitt hat jeder Arzt, der der Veröffentlichung zugestimmt hat, 1.187 Euro bekommen. Top-Zuwendungen liegen bei 70.000 Euro. Unter den Medizinern, denen die Industrie mehr als 10.000 Euro im Jahr zukommen ließ, arbeiten etliche im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien (AKH).

Insgesamt geht es um einen Betrag von 106 Millionen Euro im Jahr 2015: 54 Millionen Euro zahlten Pharmafirmen für Forschung, Durchführung von klinischen Studien und sog. Anwendungsstudien; rund 23 Millionen Euro gingen direkt an Ärzte und 27 Millionen Euro an medizinische Institutionen und Organisationen medizinischer Einrichtungen für Sponsoring von Veranstaltungen, Spenden und Stiftungen.

„Wir stehen am Anfang. Für die Branche ist das ein Kulturwandel. In den nächsten Jahren wird die Quote steigen“, kommentiert Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig die Ergebnisse. Für Franz Piribauer, Leiter der Arbeitsgruppe Gesundheit bei Transparency International Österreich ist die Situation unbefriedigend: „Der aktuelle Verhaltenskodex bestraft die Mutigen und hält die anderen im Dunkeln.“ Erst kürzlich hatten Mediziner im deutschsprachigen Raum geklagt, dass sie sich durch die freiwilligen Veröffentlichungen quasi an den Pranger gestellt und sich im Nachhinein bestraft fühlten (vgl. IMABE 9/2016).

Das Thema Interessenskonflikte gewinnt seit Jahren eine immer größere Bedeutung. Inwieweit Honorare von Pharmafirmen das Verhalten von Ärzten beeinflussen, wird diskutiert. Die Betroffenen selbst weisen meist eine Einflussnahme von sich. Studien legen nahe, dass finanzielle oder materielle Zuwendungen von Pharma- und Medizintechnik-Unternehmen Affinitäten begründen und damit auch die Therapieentscheidungen beeinflussen (vgl. IMABE 1/2014 und 1/2016).

„Die Pharmaindustrie hat mit dem Transparenzvorstoß ein klares Signal gesetzt, dass Ethik für sie wichtig ist“, betont IMABE-Generalsekretär Enrique Prat. Im ersten Anlauf sei der Vorstoß nicht gelungen, weil in mehr als 80 Prozent der Zahlungen die Ärzte keine Zustimmung zur Offenlegung gegeben haben. „Man darf nicht übersehen, dass der Vorstoß zu mehr Transparenz mit einem erheblichen administrativen Aufwand und viel Überzeugungsarbeit verbunden ist“, so Prat, selbst Ökonom und Ethiker. „Die Pharmaindustrie ist bemüht, ihren Ruf zu verbessern. Jetzt muss sie beharrlich diesen Weg verfolgen und Verbündete suchen – innerhalb und außerhalb des Gesundheitswesens. Das kann das gesamte Gesundheitswesen ethisch weiterbringen“.

Foto: © Fotolia_66266246_Ivelin_Radkov

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