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Februar 2017

Public Health: Ärzte überschätzen Nutzen von Diagnostik – Patienten auch

Bildgebende diagnostische Verfahren sind teuer, haben Risiken und werden zu oft eingesetzt

Ärzte überschätzen häufig den Nutzen von diagnostischen Tests und Therapien und unterschätzen deren Risiken. Das ist das Ergebnis einer aktuell in JAMA Internal Medicine (2016; doi: 10.1001/jamainternmed.2016.8254) veröffentlichten systematischen Übersicht, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online, 20.1.2017). Das Team um Tammy Hoffmann und Chris del Mar vom Centre for Research in Evidence-Based Practice (CREBP) der Bond Universität in Gold Coast/Australien untersuchte 48 Studien. Darin wurden 13.011 Ärzten zu Nutzen und Risiken unterschiedlicher Diagnostiken und Therapien befragt und die Antworten mit den Ergebnissen klinischer Studien verglichen. Das Ergebnis: In den Studien, die eine Über- und Unterschätzung gegenüberstellten, waren die Ärzte in der Regel zu optimistisch. Der Nutzen wurde über- und die Risiken unterbewertet.

In den Studien, die die Erwartung der Ärzte mit den tatsächlichen Ergebnissen verglichen, lagen die Ärzte nur in 3 von 28 Bereichen richtig (11%). Bei möglichen Schäden entsprach die Einschätzung der Mehrheit der Ärzte nur in 9 von 63 Bereichen (14%) der Wirklichkeit. Einige Beispiele: Die Risiken von CT-Untersuchungen wurden von den meisten Ärzten unterschätzt, beim Krebs-Screening lagen die Einschätzungen eher richtig. Der Nutzen des Neugeborenen-Screenings ist geringer, als viele Ärzte vermuten. Über den Nutzen der Statine waren Ärzte gut informiert, der Nutzen von Antibiotika bei Atemwegsinfektionen wurde hingegen oft zu positiv gesehen.

Vor zwei Jahren hatten Hoffmann und del Mar eine ähnliche Untersuchung zur Einschätzung von Diagnostiken und Therapien durch die Patienten veröffentlicht – mit ähnlichen Ergebnissen: Auch Patienten überschätzen häufig den Nutzen von Therapien und Tests und unterschätzen die Risiken (JAMA Internal Medicine 2015; 175: 274-286).

Ein aktuelles Beispiel: 69% der Deutschen sind der Meinung, dass der Arzt durch bildgebende Diagnostik die genaue Ursache des Schmerzes findet. Das ist jedoch eine Fehleinschätzung, laut Faktencheck Rücken 2016 könnten gerade einmal bei höchstens 15% der Betroffenen eine spezifische Ursache für den Schmerz festgestellt werden. Bei 22% der Patienten wurde eine Aufnahme vom Rücken bereits im Quartal der Erstdiagnose angeordnet. Jeder zweite Betroffene wurde untersucht, ohne dass es vorher einen konservativen Therapieversuch, zum Beispiel mit Schmerzmitteln oder Physiotherapie, gab (vgl. Ärztezeitung, online, 24.11.2016). Laut der von der Bertelsmann-Stiftung publizierten Studie erwarten 60% der Deutschen bei Rückenschmerzen schnellstens eine bildgebende Untersuchung. Viele Mediziner wollen diesen Erwartungen entsprechen. Allein im Jahr 2015 wurden in Deutschland sechs Millionen Röntgen-, CT oder MRT-Aufnahmen angeordnet. Die Studie kritisiert, dass Ärzte bei unspezifischen Rückenschmerzen zu häufig und zu schnell zur bildgebenden Diagnostik greifen – und damit auch unnötig hohe Kosten verursachen.

Laut OECD-Bericht 2016 liegt der OECD-Schnitt bei jährlich 118 CT-Untersuchungen pro 1.000 Einwohner, sowohl Österreich mit 144 als auch Deutschland mit 130 liegen darüber. International gäbe es laut Studie schon Bestrebungen, unnötige und möglicherweise gesundheitsschädliche Aufnahmen zu reduzieren. In Teilen Kanadas erhalten Ärzte seit 2012 keine Vergütung mehr, wenn sich herausstellt, dass Bildaufnahmen veranlasst wurden, obwohl kein gefährlicher Verlauf der Rückenschmerzen erkennbar war. Das Fachjournal Lancet widmet sich ebenfalls in einer aktuellen Artikelserie unter dem Titel Right Care 2017 dem drängenden Problem der Über- und Unterversorgung.

Foto: © Fotolia_96466512_Kzenon

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