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Juni 2017

Künstliche Befruchtung: Österreichischer IVF-Report blendet viele Fragen aus

Geringe Erfolgsrate, psychologische Belastungen und hohe Kosten werden nicht thematisiert

Der Report zur künstlichen Befruchtung, der sog. IVF-Jahresbericht 2016 liegt vor und zeigt, dass Österreich im internationalen Trend liegt. Die Anzahl der in Vertragskrankenanstalten durchgeführten fondsgestützten IVF–Versuche hat sich in nur 15 Jahren mehr als verdoppelt – von 4.726 im Jahr 2001 auf 10.097 Versuche im Jahr 2016. Doch wie auch in anderen Ländern hat sich die sog. Baby-Take-Home-Rate im Vergleich dazu kaum verbessert. Je nach Berechnungsmethode schwankt sie zwischen 18 und 25 Prozent. Laut Deutschem IVF-Register liegt sie bei nur 19 Prozent.

Die Bioethikerin Susanne Kummer verfolgt diese Entwicklungen kritisch: „Am reproduktionsmedizinischen Markt werden Hoffnungen geschürt und Versprechungen gemacht, wir haben immer mehr Versuche von künstlicher Befruchtung, geben dafür auch erhebliche Summen aus. Doch am Ende gehen mehr als 80 von 100 Frauen ohne Kind nach Hause. Darüber aber redet niemand“, sagt Kummer, Geschäftsführerin des Wiener Bioethikinstituts IMABE. Bis heute gibt es in Österreich keine gesetzlich verpflichtende psychologische Beratung bei künstlicher Befruchtung, obwohl Studien zeigen, dass die physischen und psychischen Belastungen einer reproduktionsmedizinischen Behandlung von den Betroffenen deutlich unterschätzt werden: „Hier ist der Gesetzgeber weiter säumig.“

Laut Bericht wurden in Österreich von 2001 bis 2016 104.172 Behandlungsversuche durchgeführt. Diese führten jedoch nur zu 26.814 Schwangerschaften, bei denen es in der Folge im Schnitt nur in 26,6 Prozent auch zu einer Lebendgeburt kam. Bezogen auf die Gesamtanzahl der Versuche liegt die Baby-Take-Home-Rate daher bei 18 Prozent. Pro Lebendgeburt werden im Schnitt 6-7 Embryonen verbraucht. „Diese Zahlen stimmen sehr nachdenklich.“

Vom staatlichen IVF-Fonds flossen für diese Versuche 183 Millionen Euro in IVF-Kliniken. „Wenn man bedenkt, dass zahlreichen Paaren auch auf alternativem Weg hätte geholfen werden können, ist es in einem Solidarsystem nicht unethisch, über diese Kosten und Folgekosten – zum Beispiel aufgrund des hohen Anteils von Frühgeburten nach IVF – laut nachzudenken.“

Aus dem Report geht auch hervor, dass 2016 erstmals 39 IVF-Versuche mit fremden Eizellen durchgeführt worden sind. Ob es bei dieser risikoreichen Form der künstlichen Befruchtung auch zu Lebendgeburten gekommen ist, erfährt man nicht, auch gibt es keine Daten zur Herkunft der Spenderinnen. 245 IVF-Versuche wurden mit anonymen Samenspenden vorgenommen.

Zuletzt hatten sich heimische IVF-Kliniken beklagt, dass es zu wenige Samen– und Eizellenspender gebe, und für anonyme Väter und Mütter geworben (vgl. ORF, online, 30.1.2017). „Hier wurde das geltende Werbeverbot, Spender zu rekrutieren, eindeutig verletzt. Doch auch so offensichtliche Übertretungen werden derzeit nicht verfolgt und vom Gesetzgeber offenbar ignoriert. Wir sind gespannt, ob der für Herbst 2017 vorgesehene Evalierungsbericht zu den geltenden IVF-Gesetzen darauf eingehen wird, oder ob es sich um zahnlose Paragraphen handelt.“

Dass die hormonelle Stimulierung für Frauen keineswegs ungefährlich ist, zeigen die aktuellen Daten. In 492 Fällen kam es zu einer hormonellen Überstimulation (OHSS) und damit zu einer signifikanten Gefährdung der Gesundheit der Frau. Zum Vergleich: 2015 waren es 428 Fälle. In 41,5 Prozent aller vorzeitig beendeten Versuche war die hormonelle Belastung der Grund. Insgesamt mussten 1.386 IVF-Versuche abgebrochen werden. In 61 Fällen war eine Eileiterschwangerschaft verantwortlich, bei der aufgrund der Bedrohung für das Leben der Mutter ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden musste.

Kummer kritisiert, dass der IVF-Report darüber hinaus keinerlei Daten zur niedrigen Erfolgsrate nach IVF angibt, wie etwa die Zahl der viel häufigeren Fehlgeburten oder auch Totgeburten nach IVF. Auch das Phänomen der selektiven Abtreibung eines Embryos bei Mehrlingsschwangerschaften bleibt unerwähnt. „Ethisch darf nicht unwidersprochen bleiben, dass die Reproduktionsmedizin den Fetozid als selbstverständlichen Teil ihres Angebots darstellt“, betont die Bioethikerin.

Keinerlei Auskunft gibt es zur Anzahl der sog. „übriggebliebenen“ Embryonen, die tiefgefroren in Österreich weitergelagert werden. „Sieht man sich die Zahlen der letzten 15 Jahre an, dann wurden alleine in den staatlich subventionierten IVF-Kliniken in Österreich eine halbe Million Embryonen hergestellt, von denen einige für IVF-Versuche verbraucht und andere tief gefroren weitergelagert werden. Andere Kinderwunschinstitute sind da noch nicht einberechnet.“

Österreich schweigt über die Zahlen, im Gegensatz zu Großbritannien: Dort wurden nach offiziellen Angaben von 1991 bis 2015 3,9 Millionen Embryonen im Zuge der IVF-Verfahren erzeugt. Davon wurden 1,6 Millionen den Frauen implantiert. 2,3 Millionen Embryonen blieben übrig, wurden tiefgefroren, fanden dann aber keine Verwendung mehr (vgl. Bioedge, online, 26.11.2016). Sie wurden mit dem Sondermüll entsorgt.

„Wenn man im Zuge der künstlichen Befruchtung Embryonen erzeugt – im Schnitt werden in Österreich 9 bis 10 Eizellen zwecks Befruchtung gewonnen – und schon einkalkuliert, dass einige davon übrig bleiben werden, schafft man ethische Probleme, die nicht mehr sinnvoll aufzulösen sind“, betont Kummer und ergänzt: „Der Embryo ist keine Sache. Wer Menschen auf Vorrat produziert, verletzt die Würde der Person.“

Foto: © Fotolia_49502092_koya979

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