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Juli 2017

Geschlechtsidentität: Experten warnen vor Transgender-Boom bei Kindern

Keine Evidenz für positive Effekte von Hormonbehandlung vor der Pubertät

Immer häufiger berichten Medien von Kindern, die sich im falschen Körper geboren fühlen und nachdrücklich nach einer Geschlechtsumwandlung verlangen. Der Leidensdruck für Betroffene ist groß – auch für die betroffenen Eltern. Diese Fälle sind allerdings heikel, da es sich um eine besonders vulnerable Patientengruppe handelt und es die Eltern sind, die für ihre Kinder entscheiden. US-Experten warnen nun vor einer frühzeitigen Behandlung mit Hormonen, die die Pubertät unterdrücken.

Wenn Menschen eine Inkongruenz zwischen ihrem erlebten und biologischen Geschlecht erfahren, spricht man von einer Geschlechtsidentitätsstörung (GIS), auch Transsexualität genannt. Sie zeigt sich in dem Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden – auch mittels hormoneller und chirurgischer Eingriffe. Transsexualität ist gemäß ICD 10 eine anerkannte Erkrankung und tritt mit einer geschätzten Prävalenz von 0,001 Prozent bis 0,002 Prozent weltweit selten auf (vgl. Encephale, doi: 10.1016/j.encep.2016.02.011).

Ab wann sollen Kinder einer Behandlung mit irreversiblen Folgen zustimmen dürfen? Ist die Hormongabe überhaupt ethisch legitimierbar? Michelle Cretella, Präsidentin des American College of Pediatricians, hält die immer häufiger werdenden Hormonbehandlungen im Kindesalter für ein nicht-wissenschaftliches Massenexperiment und warnt vor einem unverantwortlichen Boom (vgl. The Daily Signal, online, 3.7.2017). In Großbritannien etwa meldete das Gender Identity Development Service einen rasanten Anstieg von Interessenten: Während im Jahr 2009/10 94 Kindern mit Eltern die Institution aufsuchten, waren es im Jahr 2016/17 bereits 1.986 Kinder – ein Anstieg von 2.000 Prozent. Auch in den USA boomen Gender-Kliniken für Jugendliche: Im Jahr 2014 gab es 24 Gender-Kliniken, vorwiegend an der US-Ostküste und in Kalifornien, im Jahr 2015 gab es bereits 40 im ganzen Land.

In einer im Journal of American Physicians and Surgeons publizierten Überblicksarbeit (2016; 21(2): 50-54) betont die Pädiaterin, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis gebe, wonach die Störung der Geschlechtsidentität angeboren wäre. Bei 80 bis zu 95 Prozent der Kinder handelte es sich um ein vorübergehendes Phänomen. Die Symptome verschwanden, die Kinder lernten ihre biologische Eigenart zu akzeptieren und waren nach Abschluss der Pubertät emotional stabil. Weder Hormonbehandlung noch spätere chirurgische Eingriffe zur Geschlechtsumwandlung waren offenbar nötig.

Es liegen bisher keine systematischen Untersuchungen vor, wie sich eine hormonelle Behandlung vor Pubertätsabschluss auf die weitere Entwicklung der Geschlechtsidentität auswirkt, heißt es auch warnend in den Leitlinien für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) (vgl. IMABE 4/2016).

Drei Autoren – Paul W. Hruz, Endokrinologe an der Washington University School of Medicine, Paul R. McHugh, Psychiater an der Johns Hopkins University School of Medicine und Lawrence S. Mayer, Biostatistiker an der Arizona State University – haben kürzlich eine umfassende Analyse des Problems im New Atlantis publiziert (The New Atlantis, Number 52, Spring 2017, pp. 3-36). Für Eltern von Kindern mit Geschlechtsdysphorie kann eine Hormonbehandlung, die die Pubertät unterdrückt, verlockend wirken, schreiben die Wissenschaftler. Sie zeigen großes Verständnis für betroffene Eltern, die große Angst und Not durchleben und ihre Hoffnung auf eine „medizinische Lösung“ setzen. Doch die Autoren warnen vor Kurzschlüssen.

Zum einen gebe es kaum wissenschaftliche Literatur darüber, warum manche Menschen eine Geschlechtsidentitätsstörung entwickeln. Außerdem sei die Zurechnungsfähigkeit von Kindern, die sich kaum der Tragweite ihrer Wünsche bewusst sind, zu hinterfragen. Zum anderen sei der Erfolg der Pubertätsunterdrückung – gemessen an einer Verringerung von pubertätsbedingten psychischen Traumata und einer Verhinderung von Suiziden – unbewiesen. Die Pubertät hormonell zu blockieren, sei ein rein experimentelles Verfahren. Es widerspreche dem ärztlichen Ethos, derartige Verfahren ohne intensive Vorabprüfung bei Kindern anzuwenden. Letztlich müssten die Erziehungsberechtigten der ärztlichen Behandlung zustimmen – und auch dazu, dass ihre Kinder Forschungsgegenstand für Tests von ungeprüften Therapien werden, kritisieren die Experten. Ihr Fazit: „Unabhängig von den guten Absichten der Ärzte und Eltern: Wer junge Menschen solchen Behandlungen aussetzt, gefährdet sie.“

Foto: © Fotolia_83751015_Arcady

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