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September 2017

Kritik an Netflix-Serie: Verharmlosende Suizid-Darstellung führt zu Nachahmung

In Österreich ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache unter Jugendlichen

Anlässlich des Welttages für Suizidprävention am 10. September mehrt sich scharfe Kritik an der umstrittenen Netflix-Serie Tote Mädchen lügen nicht (Originaltitel: 13 Reasons Why). Die Serie mit dem Zielpublikum Jugendliche startete am 31. März 2017. Bereits in den ersten 19 Tagen nach Beginn der Ausstrahlung gab es 900.000 bis 1,5 Millionen zusätzliche Online-Suchanfragen zu Suizid und Suizidmethoden (z.B. „Wie begeht man Selbstmord?“). Dies zeigt eine kürzlich in JAMA Intern Med veröffentlichte Studie (online July 31, 2017, doi:10.1001/jamainternmed.2017.3333). Wenn Suizide verharmlost und als Lösung von Problemen dargestellt werden, bringt dies für vulnerable Menschen ein potentielles Risiko der Nachahmung („Werther-Effekt“) mit sich, sagen die Public Health-Experten. Die Ausstrahlung von Tote Mädchen lügen nicht wurde in Deutschland bereits verboten, der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) fordert nun auch ein „dringendes Verbot“ für Österreich.

Im Auftrag der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention (ÖGS) erschienen Empfehlungen für Lehrer und Pädagogen zum adäquaten Umgang mit der umstrittenen Netflix-Serie in Schulen. Der Leitfaden eignet sich aber auch als Vorlage für die Thematisierung anderer Suiziddarstellungen für Ärzte oder in der Familie. In Österreich ist die Suizidrate unter Jugendlichen hoch: In der Altersgruppe der 15 bis 29-Jährigen ist Selbstmord laut dem Österreichischen Suizidberichts 2016 die zweithäufigste Todesursache überhaupt.

Jugendschützer bestätigen, dass in Blogs, Foren und sozialen Medien häufig Inhalte zu finden seien, die Suizide „verharmlosen oder idealisieren“, berichtet das Deutsche Ärzteblatt (online, 31.8.2017). Laut dem deutschen Kompetenzzentrum für den Jugendschutz im Internet Jugendschutz.net ist beim Fotodienst Instagram das Risiko besonders hoch, mit solchen Inhalten konfrontiert zu werden. Viele Kinder und Jugendliche haderten mit ihrem Selbstbild, so die Jugendschützer. In solch heiklen Phasen könnten „verharmlosende, beschönigende oder idealisierende Darstellungen die Hemmschwelle senken“.

Im Mittelpunkt der Netflix-Serie steht der Selbstmord der 17-jährigen Hannah, der in einer dreiminütigen Szene bis ins Detail dargestellt und als letzter Ausweg präsentiert wird. Anfang Mai 2017 wurde die Produktion einer 13-teiligen zweiten Staffel der Netflix-Serie bestätigt, die 2018 ausgestrahlt werden soll.

„Die Darstellung der Suizid-Problematik im Fernsehen ist wichtig für die Entstigmatisierung. Aber es kommt auf das ‚Wie‘ an“, schreiben Wissenschaftler des Zentrums für Public Health, Unit Suizidforschung, an der MedUni Wien im Editorial des British Medial Journals (2017; 358 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.j3876 Published 22 August 2017). Tenor der Experten: Es wäre besser zu zeigen, wie man nach einem Suizidversuch weiter leben kann, wie es gelingt, danach sein Leben zu managen. Es gäbe immer einen Ausweg. Das Team um Thomas Niederkrotenthaler hat auch maßgeblich an der Überarbeitung der WHO-Empfehlungen für die Darstellung von Suizid in Medien mitgewirkt. Diese werden anlässlich des Welttages für Suizidprävention in Genf präsentiert (vgl. Kurier, online, 23.8.2017). Präventive Angebote in Österreich gibt es auf der Website der Suizidprävention Austria (SUPRA).

Foto: © Fotolia_135574203_Antonioguillem

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