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Oktober 2017

Genderzid: Pränatale Tests verschärfen Geschlechterselektion

Ethikerin Kummer: "Geschlechterselektion ist keine Lappalie, sondern eine Menschenrechtsverletzung"

Indikation „Mädchen“, Therapie „Abtreibung“: Die selektive Abtreibung von Mädchen hat auch Europa längst erreicht. Neue, unkomplizierte genetische Tests verschärfen das Problem. So kann das Geschlecht per Bluttest bereits in der 9. Schwangerschaftswoche bestimmt werden – also früher als bei einer Ultraschalluntersuchung und noch innerhalb der gesetzlichen Frist von 10 bis 12 Wochen, die in etlichen Ländern für einen Schwangerschaftsabbruch gelten.

So steigt in der Schweiz das Interesse an vorgeburtlicher Geschlechterselektion, berichtet die NZZ am Sonntag (online, 9.9.2017). Laut Daniel Surbek, Chefarzt am Inselspital Bern, komme es in der Schweiz jährlich zu rund 100 Abtreibungen aufgrund „falschen“ Geschlechts. Der Bundesrat arbeite nun an einem Gesetz, wonach das Geschlecht des Ungeborenen erst nach der 12. Woche mitgeteilt werden darf. Innerhalb der Europäischen Union werden diskriminierende Abtreibungen von Mädchen durchgeführt, so etwa in Schweden (bis zur 18. Woche legal vgl. IMABE 01/2013) oder in Großbritannien (IMABE 10/2013).

China und Indien als bevölkerungsreichste Länder der Welt gelten als Vorreiter der vorgeburtlichen Tötung von Mädchen. Laut UNO-Bericht fehlen 50 Millionen Mädchen und Frauen in Indiens Bevölkerung, weil sie abgetrieben oder nach der Geburt getötet worden sind (Newsobserver, online, 21.9.2017). In China rechnet man 2020 damit, dass mindestens 30 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter keine Frau finden können – weil sie fehlen. Auch die Zwei-Kind-Politik, die im Jahr 2016 nach 35 Jahren die Ein-Kind-Politik ablöste, kann diese Kluft nicht überbrücken. Aus Kostengründen bekommen viele Chinesen immer noch nur ein Kind – und dann einen Buben. Ein normales Geschlechterverhältnis liegt laut WHO bei 102 bis 106 Buben zu 100 Mädchen, in China sind es 114. „Genderzid hat damit die Maskulinisierung der Gesellschaft dramatisch verschärft“, erklärt Susanne Kummer, Geschäftsführerin des Wiener Bioethikinstituts IMABE.

Auch kanadische Public Health-Forscher beobachten Verschiebungen in der natürlichen Geschlechterbalance, insbesondere unter indischen Migranten (vgl. Canadian Medical Association, April 11, 2016; vol. 4, no. 2, E116-E123). In dieser Bevölkerungsgruppe „fehlen“ 4.472 Mädchen aus den vergangenen 20 Jahren.

In den Balkanstaaten und dem Kaukasus ist die Abtreibung von Mädchen überdies ein einträgliches Geschäft – und auch hier zeigen sich bereits gravierende Konsequenzen auf die demographische Entwicklung (vgl. Die Zeit, online, 2.10.2017). Nach einem Bericht der UNFPA im Kosovo werden dort durchschnittlich 110 Buben pro 100 Mädchen geboren. Die albanischen Daten für 2016 zeigen ähnliches: 109,5 Buben auf 100 Mädchen, in Mazedonien sind es 110, in Montenegro gar 113 Buben, wie das Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) berichtet (online, 27.9.2017). In Armenien und Aserbaidschan kommen auf 100 Mädchen derzeit 112 Buben zur Welt. Die pränatale Geschlechtsselektion zeigt laut BIRN eine „Kombination aus patriarchalen Traditionen und moderner Medizin“. Sie lässt die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter durch die gezielte Abtreibung weiblicher Föten merklich schrumpfen.

Genderzid ist als weltweites Problem international anerkannt worden. „Wer Abtreibung wegen des Geschlechts toleriert, forciert eine diskriminierende Sicht auf Mädchen und Frauen. Geschlechterselektion ist keine Lappalie, sondern eine Menschenrechtsverletzung, die unter allen Umständen unterbunden werden muss“, betont Ethikerin Kummer. Allerdings zeige die Debatte um den Genderzid auch innere Widersprüche. „Einerseits sollten Ärzte bei Tötung eines weiblichen Babys nicht mitmachen, selbst wenn sich Eltern dadurch kulturell stigmatisiert fühlen, zugleich aber sollen sie Abtreibung von Kindern mit Down-Syndrom durchführen. Da haben wir ein Problem, das tiefer liegt: Eine Gesellschaft, die bestimmten Personen Menschenwürde zu- oder abspricht, begibt sich in eine illegitime Machtposition“, betont Kummer, die eine offene Debatte über Diskriminierungstendenzen fordert. In den USA etwa bieten Internetforen wie Genderdreaming verschiedene Methoden von sog. „Family-Balancing“ an, darunter Embryoselektion oder Abtreibung. Bringt eine Frau ein Kind zur Welt, das nicht dem Wunschgeschlecht entspricht, spricht man bereits von „Gender Disappointment“. „Das sind kulturelle Wertungen, die in aufgeklärten Staaten eigentlich längst überwunden sein sollten“, so die Ethikerin.

Es sei Zeit, dass auch in Österreich klar dokumentiert wird, aus welchen Gründen sich Frauen zu einer Abtreibung entschließen, fordert Kummer, die auch die von der Aktion Leben initiierte Bürgerinitiative Fakten Helfen unterstützt. Österreich ist eines der letzten europäischen Länder, in denen keine Datenerhebung über Abtreibung stattfindet.

Foto: © Pixelio_438492_Thommy_Weiss

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