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November 2017

Österreich: Psychiater und Ethiker warnen vor Schönreden des „Sterbefastens“

Palliative, psychotherapeutische und spirituelle Begleitung können Suizidwilligem einen Ausweg zeigen

Die Suizidmethode durch bewusstes Verhungern und Verdursten („Sterbefasten“) wird häufig als friedvoller, selbstbestimmter Tod dargestellt. Gegen diese Verharmlosung wendet sich die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP). Diese Methode könne im Einzelfall qualvoll verlaufen. Der Todeswunsch basiert meist auf Ängsten vor unerträglichen Schmerzen, Verlust von Autonomie, dem Tod durch Ersticken oder der Angst, anderen zur Last zu fallen. Aus Sicht der Psychiatrie seien derartige schwere Krankheitsbilder aber glücklicherweise gut behandelbar, sodass sich Betroffene oft schon nach kurzer Zeit erholen würden, betont die ÖGPP, die eine Unterstützung des Todeswunsches klar ablehnt. Die Umsetzung von Sterbewünschen sei grundsätzlich keine ärztliche Aufgabe. Stattdessen brauche es eine Optimierung der palliativmedizinischen Versorgung sowie intensive ärztliche, pflegerische und psychotherapeutische Behandlung und Betreuung.

Entschieden lehnt die ÖGPP auch den Ausdruck „Sterbefasten“ als irreführend und verharmlosend ab. Mit dem Wort Fasten konnotiere man gemeinhin nicht den Tod durch Verhungern, sondern befristete Nahrungsreduktion aus gesundheitlichen, spirituellen oder religiösen Beweggründen. Daher sei der Begriff „Fasten“ im Zusammenhang mit einer Selbsttötungsabsicht durch den freiwilligen Verzicht auf Flüssigkeit und Nahrung (FVFN) fehlgeleitet, so ÖGPP-Präsidentin Christa Rados in einem Kommentar in der Ärztezeitung (online, 8.9.2017).

Enrique Prat vom Wiener Bioethik-Institut IMABE begrüßt die Klarstellung der ÖGPP: „Wer Sterbefasten romantisiert, geht an der Wirklichkeit vorbei“, so der Ethiker. Bisherige Daten zeigen, dass sich für einen FVFN vorwiegend Personen entschieden, die mit einer schweren Krebsdiagnose oder progressiven Demenzerkrankung konfrontiert wurden. Auch Prat wehrt sich dagegen, dass das FVFN als natürliche Todesart propagiert wird. „Das sind ethisch zwei komplett verschiedene Fälle: Beim Tod durch vorsätzliches Verhungern und Verdursten fastet der Mensch nicht, sondern stirbt eine besondere Form des Suizids“, betont Prat. Dagegen haben Menschen, die im Sterben sind, keinen Hunger und Durst mehr. „Diese Menschen sterben allerdings nicht, weil sie nicht essen oder trinken, sondern sie essen und trinken nicht mehr, weil sie schon im Sterben sind.“ Hier würden in der Diskussion zwei verschiedene Situationen bewusst vermischt. „Der Tod durch Nahrungs- und Flüssigkeitsverweigerung ist kein natürlicher, sondern ein gewaltsamer Tod.“

Erst kürzlich hat der Medizinethiker Ralf Jox (Universität Lausanne) in einer ethischen Analyse präzisiert, dass es sich beim FNVF um Suizid handelt, wenngleich dieser nicht durch aktives Eingreifen, sondern durch aktive Unterlassung durchgeführt wird (vgl. BMC Medicine 2017; 15: 186). Jox befürwortet ebenso wie seine Co-Autoren, unter ihnen der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio, dass Suizidwillige bei ihrer Selbsttötung durch Ärzte unterstützt werden sollten. Nach Jox sollte die Beihilfe beim Tod durch Verhungern und Verdursten entsprechend den jeweiligen Gesetzen eines Landes zur Beihilfe zum Suizid geregelt werden.

Bei Ärzten und Pflegenden kann diese Form von Suizidwunsch jedoch große Gewissensprobleme auslösen, denn auch das „Sterbefasten“ geht nicht ohne ärztliche und pflegerische Maßnahmen wie Schmerzkontrolle oder Mundpflege, betont Ethiker Prat. „Eine Zwangsernährung kann das Problem der FVNF nicht lösen. Gleichzeitig kann aber niemand von Anderen Beihilfe zur Selbsttötung einfordern“, betont der IMABE-Generalsekretär: „Hier muss der Respekt vor der Gewissenshaltung des Personals gelten.“ Wichtig wäre es, in solchen Fällen eine entsprechende palliative, spirituelle und psychosoziale Begleitung anzubieten, die dem Suizidalen in der scheinbaren Ausweglosigkeit seiner Situation einen Ausweg aufzeigt, so Prat.

Foto: © Fotolia_98616379_Ocskay_Mark

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