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Über die ethischen Implikationen der „Pille danach“

Am 2. Mai 2000 wurde das pharmazeutische Präparat, das den Wirkstoff Levonorgestrel enthält, mit der Bezeichnung Vikela® am österreichischen Markt zugelassen. Es handelt sich um eine neue und wirksamere „Pille danach“.

Im Beipackzettel von Vikela® steht dazu: „Der genaue Wirkmechanismus ist nicht bekannt. Bei der verwendeten Dosierung dürfte Levonorgestrel die Ovulation unterbinden und dadurch eine Befruchtung verhindern, wenn der Geschlechtsverkehr kurz vor der Ovulation stattgefunden hat, also zu jenem Zeitpunkt, zu dem die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung am größten ist. Möglicherweise verhindert es auch die Nidation. Es wirkt jedoch nicht, wenn die Einnistung bereits begonnen hat.“

Diese Einschätzung ist nicht ganz korrekt. Man kennt den Wirkmechanismus der postkoitalen Gestagenpille sehr genau.

Die höchste Empfängnisbereitschaft besteht am Tag des LH-Peaks (in der Regel am 11. Zyklustag). Wird Vikela® bis 2 Tage vor dem Peak eingenommen, so wird der Eisprung wahrscheinlich verhindert. Demnach wirkt Vikela® als Kontrazeptivum, wenn die sexuelle Vereinigung bis 3 Tage vor dem LH-Peak (d. h. in der Regel bis zum 8. Zyklustag) stattgefunden hat, hernach verschwindet der kontrazeptive Effekt und man kann daher zum Zeitpunkt der höchsten Fruchtbarkeit nicht mehr mit einem solchen rechnen. Ähnliches gilt für die durch das Progestagen Vikela® beeinträchtigte Kapazitation (Reifung) der Spermien: sie kommt zu spät. In den meisten Fällen, in welchen eine Schwangerschaft zu erwarten ist, wird diese deshalb nicht durch Kontrazeption, sondern durch Interzeption verhindert werden.

Man versteht unter Interzeption alle Ereignisse, welche zwischen Empfängnis und Einnistung zu einer Verhinderung der Schwangerschaft führen. Diese geschieht auf zwei Ebenen: Auf der Ebene der Gebärmutterschleimhaut und auf der des Gelbkörpers. An der Gebärmutterschleimhaut verdrängt das Progestagen auf Grund seiner weitaus höheren Affinität das natürliche Progesteron von seinen Rezeptoren. Das natürliche Wechselspiel von E2- und P-Rezeptoren, welches die Sekretionsphase aufbaut und unterhält, wird damit unterbunden. Da die Halbwertszeit von L-NG 5 Tage beträgt, ist dieser Effekt anhaltend, sodass eine inaktive Gebärmutterschleimhaut resultiert, in welchem sich der Keimling nicht verankern kann und keine Nahrung findet. Auf der Ebene des Gelbkörpers führt die hohe Dosis an Progestagen zu einer vorzeitigen Alterung und Involution. Es kommt daher zu einer durch das Progestagen verursachten Gelbkörper Insuffizienz, welche zu einer verfrühten Abbruchblutung führt, sobald die Wirkung von L-NG abgeklungen ist. Die herbeigesehnte vorzeitige Blutung und eine gleichzeitig durch das künstliche Gestagen bewirkte Verzögerung der Tubenmotilität und des Eitransports führen dazu, dass der verspätete Keim die verfrüht abgestoßene Gebärmutterschleimhaut nicht mehr erreicht, um sich dort einzunisten, selbst dann, wenn es dafür noch empfänglich gewesen wäre. Allenfalls kann es dann auch noch zu einer ektopischen Schwangerschaft (z. B. Eileiterschwangerschaft) kommen.

Bewertung: Aus den obigen Ausführungen geht hervor, dass die „verlässliche„ Wirkweise der Pille auf zwei unterschiedliche Effekte zurückzuführen ist. Wenn die Pilleneinnahme hinreichende Zeit vor dem zu erwartenden Eisprung erfolgt, so wird dieser mit größter Wahrscheinlichkeit unterbunden. Der herangereifte Follikel springt nicht, das bedeutet, dass keine reife Eizelle vorhanden ist, die befruchtet werden könnte. Hat hingegen der Eisprung schon stattgefunden, bevor die Pilleneinnahme erfolgt, dann kommt es durch Vikela® zum Wachstumsstop der Gebärmutterschleimhaut und in der Folge zur Abbruchsblutung. Das bedeutet, dass die Eizelle, die möglicherweise befruchtet wurde, keine Möglichkeit hat, sich im Uterus einzunisten. Demnach wirkt die Pille im zweiten Fall als „Frühabortivum“. Auch, wenn man davon ausgehen kann, dass nicht in allen Fällen der Einnahme die Ovulation unmittelbar davor stattgefunden hat, so kann man doch davon ausgehen, dass Vikela® in einer beträchtlichen Zahl der Fälle doch als „frühabtreibendes“ Mittel, im Sinne einer Interzeption, anzusehen ist. Und daher ist ihre Verwendung ethisch nicht zu rechtfertigen.

Wien, am 30. November 2000

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