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Oktober 2018

Depression: Therapeuten kritisieren Dominanz von Antidepressiva

In Österreich erfolgen 37 Prozent aller Frühpensionierungen aufgrund psychischer Erkrankungen

Jeder vierte Mensch wird nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in seinem Leben einmal psychisch krank: rund 300 Millionen Menschen erkranken pro Jahr an Depressionen, weitere 300 Millionen an Angststörungen und 800.000 begehen Suizid. Die medizinische Hilfe hinkt laut WHO jedoch hinterher. Oder sie ist fehlgeleitet. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) anlässlich des Europäischen Depressionstags am 1. Oktober hin (vgl. Pressemitteilung, online, 1.10.2018).

Der Gesundheitsforscher Gerd Glaeske vom Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen beklagt die hohe Zahl an verordneten Medikamenten gegen Depression in Deutschland. Zuletzt seien sieben Mal so viele Antidepressiva verordnet worden wie noch vor 25 Jahren. Diese Menge an Medikamenten würde ausreichen, um 3,8 Millionen Menschen das ganze Jahr über mit Tabletten zu versorgen. Am meisten verordnet werde das Mittel Opipramol, dessen Nutzen als antidepressiv wirkendes Medikament laut Glaeske schon seit Langem bezweifelt werde, da kontrollierte Studien fehlen (vgl. DGPM-Pressemappe, September 2018).

Psychopharmaka werden häufig von Hausärzten verordnet, nur bei jedem fünften bis sechsten Versicherten, der Antidepressiva verordnet bekommt, wurde aber auch ein psychotherapeutisches Verfahren abgerechnet, sagt Glaeske. Die starke Dominanz einer rein medikamentösen Behandlung von Depressionen entspreche aber nicht der aktuellen Leitlinie. Diese sieht bei leichten Formen der Depression Zurückhaltung bei der Pharmakotherapie vor. Psychotherapeutische Verfahren sollten einen festen Platz in der Depressionsbehandlung einnehmen.

Die Zahl der Krankenstandstage aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich in den vergangenen 20 Jahren in Österreich beinahe verdreifacht. Psychische Erkrankungen zählen bereits seit mehreren Jahren zur Hauptursache für eine Frühpensionierung (vgl. Statistisches Handbuch der österreichischen Sozialversicherung 2017). Im Jahr 2017 erfolgten 37 Prozent aller Neuzugänge der Berufsunfähigkeit aufgrund psychischer Krankheiten. Frauen im Angestelltenverhältnis sind dabei am meisten betroffen, der Großteil kommt aus der Altersgruppe der 45- bis 54-Jährigen. Mehr als die Hälfte aller Frauen, die eine Invaliditätspension beziehen, sind wegen einer psychischen Krankheit aus dem Arbeitsleben ausgeschieden. An zweiter Stelle der Ursachen für Invaliditätspensionen liegen Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes (24,5 Prozent) gefolgt von Erkrankungen des Kreislaufsystems (10,5 Prozent).

„Auch Arbeit ist Hilfe für die Seele“, betont Günter Klug, Präsident von pro mente Austria anlässlich des Internationalen Tags der seelischen Gesundheit (10. Oktober) (vgl. Pressemitteilung, online, 8.10.2018). „Allerdings sind Menschen mit psychischen Erkrankungen auch in der aktuellen Hochkonjunktur mit 14 und mehr Prozent etwa doppelt so oft von Arbeitslosigkeit betroffen wie andere Personen im erwerbsfähigen Alter. Antizyklische Förderung der Betroffenen statt einem Zurückfahren der Anstrengungen für die Sicherstellung der Erwerbstätigkeit dieser Menschen wäre dringend notwendig“, fordert Klug. pro mente Austria bietet ab sofort eine neue Broschüre (Erste Hilfe für die Seele – Rat und Hilfe bei psychischen Problemen) und eine neue Website an: www.erstehilfefuerdieseele.at.

Foto: © Fotolia_60882276_dubova

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