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März 2019

Deutschland: Bluttest auf Down-Syndrom soll Kassenleistung werden

IMABE: Ausufernde Leistungsangebote verbessern weder die Versorgung der Frauen noch der Kinder

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Krankenkassen, Ärzten, Kliniken und Patientenvertretern soll sich darauf geeinigt haben, dass die gesetzlichen Kassen in Deutschland einen vorgeburtlichen Bluttest für das Down-Syndrom bezahlen sollen, wenn es besondere Risiken oder Auffälligkeiten in der Schwangerschaft gebe. Noch umstritten seien die Details. Das berichtet der Spiegel (online, 16.3.2019). G-BA-Vorsitzender Josef Hecken betont als Voraussetzung für eine Kostenübernahme, dass die betroffenen Frauen zuerst „bestimmte Voruntersuchungen“ absolviert haben müssen. Im April will der Bundestag über die gesellschaftlichen und ethischen Folgen der Bluttests debattieren. Die abschließende Entscheidung wird voraussichtlich im Spätsommer fallen.

Am 21. März ist Welt-Down-Syndrom-Tag. Mehrere Behindertenverbände wenden sich gegen vorgeburtliche Bluttests, wie sie von dem Konstanzer Unternehmen Lifecodexx angeboten werden. Mit den neuen Methoden der Pränataldiagnostik würden Eltern von Kindern mit Behinderung immer stärker unter Rechtfertigungsdruck geraten. Unter Menschen mit Behinderung verstärke sich die Angst, in dieser Gesellschaft nicht gewollt zu sein, so das Bündnis, dem u.a. die Bundesvereinigung Lebenshilfe angehört. Die deutsche Journalistin Natalie Dedreux, die selbst Down-Syndrom hat und sich für Menschen mit Behinderung einsetzt, sagt: „Ich finde es nicht gut, dass die Menschen uns abtreiben.“

„Wir haben den Begriff der Risikoschwangerschaft in den vergangenen 25 Jahren weit überzogen. Obwohl 98 Prozent der gescreenten Schwangerschaften völlig gesund sind, bezahlen heute mehr als 80 Prozent der Frauen pränatale Diagnoseverfahren aus eigener Tasche, weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus“, sagt Ethikerin Susanne Kummer. So wurden im Jahr 2009 in Deutschland bereits 72,7 Prozent (!) aller Schwangerschaften als riskant eingestuft. Angesichts der in vielen Ländern bereits breit durchführten Durchmusterung von Frauen während des ersten Trimesters ihrer Schwangerschaft stellt sich die Frage nach den gesundheitlichen, psychologischen und finanziellen Folgen eines solchen Programms. Normale Schwangerschaften sind inzwischen zu Risikoschwangerschaften mutiert. „Diese ausufernden Leistungsangebote verbessern weder die Versorgung der Frauen noch der Kinder, sondern verunsichern Frauen noch weiter in ihrem Schwangerschaftserleben“, kritisiert Kummer. Beobachter sprechen angesichts der Flut neuer genetischer Screeningmethoden von einer „pränatalen Straßensperre“ für das Leben und einer Überforderung der Schwangeren.

Wera Hofmann, Wissenschaftliche Leiterin von Lifecodexx, hatte bereits 2012 vor dem Deutschen Ethikrat angekündigt, dass „in den nächsten Jahren sicherlich weitere große klinische Studien zu erwarten sind, die die Testvalidität auch für Low-Risk-Schwangerschaften zeigen werden.“

Seit 2012 gibt es auf dem Markt Gentests auf Trisomien, die schon von der zehnten Schwangerschaftswoche an anwendbar sind. In Österreich übernehmen einige private Krankenkassen den sog. Praena-Test, Kosten: ca. 600 Euro. Im Blut der Mutter suchen Laborexperten dabei nach Erbmaterial des ungeborenen Kindes. Die Untersuchung gilt im Gegensatz zur Fruchtwasseruntersuchung als risikolos, im Falle des Verdachts einer Trisomie muss diese allerdings dennoch durchgeführt werden. Unter Politikern, Behindertenverbänden und Ethikexperten ist der Test umstritten, da sich viele Eltern nach einem positiven Ergebnis für eine Abtreibung entscheiden.

Nicht-invasive Testverfahren (sog. NIPT) gelten als Wachstumsbranche (vgl. IMABE 09/18). Immer mehr neue Tests drängen auf den boomenden Markt. Heute stehen Trisomien im Fokus, längst wird aber an Bluttests gearbeitet, die Informationen über Diabetes-, Alzheimer- oder Brustkrebsrisiko liefern sollen. „Der Druck auf Schwangere, ein makelloses Kind zur Welt zu bringen, wird durch die vermeintlich leicht anzuwendenden Bluttests steigen“, gibt die Ethikerin zu bedenken.

Foto: © Fotolia_119341420_denys_kuvaiev

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