November 2019

US-Studie: Assistierter Suizid wird als „kostengünstige“ Option angeboten

Freigabe von Sterbehilfe übt Druck auf vulnerable Personen aus

Eine aktuelle Studie des US-amerikanischen National Council on Disability (NCD) hat die Auswirkungen der Gesetze zum assistierten Suizid in den USA auf Menschen mit Behinderungen untersucht. Das Ergebnis ist beunruhigend: Die häufigsten Gründe, warum Menschen mit Behinderung Beihilfe zum Suizid beantragen, sind nicht Schmerzen, sondern stehen in direktem Zusammenhang mit unzureichender Unterstützung und Dienstleistung zur Bewältigung ihres Alltags. Die Legalisierung des assistierten Suizids führe offenbar dazu, dass Ärzte die „kostengünstigste Option“ anbieten würden – nämlich Beihilfe zum Suizid – anstelle von medizinischen Behandlungen oder Unterstützungen zur Lebensverbesserung, kritisiert angesichts der Studien-Ergebnisse der NCD-Vorsitzende Neil Romano (online, 9.10.2019).

Derzeit haben acht US-Bundesstaaten und der District of Columbia Suizidgesetze verabschiedet, die es Ärzten erlauben, tödliche Medikamente an Patienten mit einer unheilbaren Krankheit und einer Lebenserwartung von höchstens sechs Monaten zu verschreiben, wenn bestimmte Verfahrensschritte befolgt werden. Allerdings: Missbräuche oder Fehlanwendungen der Suizid-Gesetze würden nicht verfolgt und Sicherheitsvorkehrungen würden nicht greifen, so der NCD-Bericht. Im US-Bundesstaat Oregon, wo die Praxis seit 20 Jahren legal ist, merkt der NCD kritisch an, dass die Liste der Bedingungen zur Erlaubnis für einen ärztlich assistierten Suizid im Laufe der Zeit erheblich erweitert wurde und inzwischen Erkrankungen einschließt, die bei richtiger Behandlung nicht zum Tode führen – wie etwa Arthritis, Diabetes und Nierenversagen.

Auch gab es bereits Fälle, wo Versicherungen Patienten teure, lebenserhaltende medizinische Behandlungen (wie etwa eine Krebstherapie) verweigerten, ihnen dafür aber Beihilfe zum Suizid anboten. Außerdem würden Ärzte nur äußerst selten zu einer psychologischen Beurteilung überweisen, bevor sie Rezepte für tödliche Medikamente ausstellen – obwohl sehr häufig Ängste und Depressionen Ursache für den Wunsch nach einem assistierten Suizid sind. Nicht zuletzt könnten Patienten, wenn ihnen ihr Arzt die Beihilfe zum Suizid aus guten Gründen verweigert, einen anderen Arzt finden, der für die Verschreibung einer tödlichen Medikamentendosis zu haben ist (‚doctor-shopping‘).

Als Hauptgründe für ihren Entschluss zur vorzeitigen Lebensbeendigung gaben Suizidwillige in Oregon 2018 an: Angst vor einem „Verlust von Autonomie“ und damit Sorge, zur Last für andere zu werden (92 Prozent); „weniger in der Lage zu sein, an Aktivitäten teilzuhaben, die dem Leben Freude geben“ (90 Prozent); Furcht vor einem „Verlust an Würde“ (67 Prozent) (vgl. dazu IMABE-Stellungnahme 2019: „Klares Nein zu ärztlicher Beihilfe zur Selbsttötung - Für eine Kultur des Beistandes“).

„Dort, wo assistierter Suizid legal wird, gehen Menschenleben verloren – durch Fehleinschätzungen, Missbrauch, Informationsmangel oder mangels besserer Optionen. Keine der bestehenden oder vorgeschlagenen Sicherheitsvorkehrungen kann dies ändern“, betont Romano. In den USA hatten sich nationale Behindertenrechtsorganisationen klar gegen eine Legalisierung des assistierten Suizids ausgesprochen.

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