Dezember 2019

Altersforschung: Depressionen bleiben bei älteren Menschen häufig unerkannt

30 Prozent aller Altenheimbewohner leiden an einer akuten Depression

Depressionen bei älteren Menschen werden nach einer Umfrage in Deutschland massiv unterschätzt. Das zeigen die Ergebnisse des Deutschland-Barometer Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe (Pressemitteilung, online, 26.11.2019). Die Erkrankung wird bei Senioren häufig falsch oder gar nicht behandelt, was zu den drastisch erhöhten Suizidraten im Alter beiträgt. Tatsächlich werden 35 Prozent aller Suizide in Deutschland von Menschen über 65 Jahren verübt, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung bei 21 Prozent liegt.

Für die Umfrage Depressions-Barometer wurden 5.350 Bundesbürger zwischen 18 und 79 Jahren im Juli 2019 befragt. 350 von ihnen waren älter als 70. Der Schwerpunkt lag darauf, was sie über Depressionen bei älteren Menschen wissen und denken.

Depressive Symptome wie Hoffnungs- und Freudlosigkeit, Schlafstörungen oder Erschöpfungsgefühl würden oft nicht als Ausdruck einer eigenständigen schweren Erkrankung gesehen, sondern als Reaktion auf die Bitternisse des Alters oder als Folge körperlicher Erkrankungen fehlinterpretiert, erläutert der Psychiater Ulrich Hegerl von der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Dementsprechend hält eine große Mehrheit der Bevölkerung (83 Prozent) Depressionen vor allem für eine Krankheit im jungen und mittleren Lebensalter. Tatsächlich gehören Depressionen neben Demenz-Erkrankungen aber zu den häufigsten psychischen Leiden im höheren Lebensalter. Studien zufolge leiden rund 30 Prozent aller Altenheimbewohner an einer akuten Depression, die jedoch selten adäquat behandelt wird.

Die Fehleinschätzungen der Bevölkerung mit Blick auf Depressionen im Alter haben nach Angaben der Stiftung Folgen. So erhielten nur zwölf Prozent der betroffenen Senioren über 70 eine Psychotherapie, heißt es. Bei den 30- bis 69-Jährigen sei es dagegen fast ein Drittel (31 Prozent). Eine deutliche Mehrheit (64 Prozent) der befragten Menschen über 70 wäre allerdings bereit, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. „Älteren Menschen wird viel zu selten eine Psychotherapie angeboten. Sie werden im Versorgungssystem eindeutig benachteiligt“, folgert Hegerl. Eine Behandlung der Depression sei bei älteren Patienten ebenso wichtig wie bei jüngeren. Sowohl Psychotherapie als auch medikamentöse Therapie können nachweislich helfen.

Das an der Goethe-Universität Frankfurt am Main angesiedelte Forschungsprojekt DAVOS (Depression im Altenpflegeheim: Verbesserung der Behandlung durch ein gestuftes kollaboratives Versorgungsmodell) arbeitet derzeit an Modellen zur verbesserten Versorgung von Altenheimbewohner mit Depressionen. Erste Zwischenergebnisse wurden nun in Trials (2019; 20: Article number: 424) publiziert. Ziel des bis März 2021 laufenden Projektes ist es, Pflegekräfte gerontopsychiatrisch so zu schulen, dass sie Symptome der Depression besser und rechtzeitig erkennen und dementsprechende Maßnahmen einleiten. Als sog. Case-Manager sollen sie als wichtige Schnittstelle zwischen Heim, Ärzten, Psychologen fungieren.

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