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Februar 2020

Krankes Gesundheitssystem: „Man kann sich nicht nur von Champagner ernähren“

Eine Reform des Gesundheitssystems muss das Patientenwohl in den Mittelpunkt rücken

Haben wir die falschen Anreize in unserem Gesundheitssystem? Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, analysierte kürzlich am GÖG-Colloqium in Wien die Entwicklung der Patientenversorgung in den vergangenen Jahrzehnten. Die Versorgung sei teurer, sehr viel komplexer und anspruchsvoller geworden, doch das Organisationsprinzip habe sich nicht weiterentwickelt, so der Mediziner. Die Zusammenarbeit von Akteurinnen und Akteuren gleiche einem „Fließband-Szenario“: „Sie arbeiten nacheinander statt miteinander“, kritisiert Jonitz. Die Ziele der beteiligten Berufsgruppen und Akteure seien schlecht koordiniert, kaum eine Einrichtung könne Auskunft darüber geben, worin das Ergebnis ihrer Patientenversorgung eigentlich besteht. Die Antwort der Politiker sei: Kosten einsparen und Strukturen dezimieren. Stattdessen schlägt Jonitz vor, eine Value-Based Health Care („wert-basierte Gesundheitsversorgung“) in den Fokus zu rücken: die Optimierung in der Versorgung und das Patientenwohl: „Gesundheitspolitik ist ganz einfach: Man beginnt beim Patienten und geht rückwärts“, so Jonitz.

Dass Gesundheitsversorger komplett umdenken müssten, fordert auch die Schweizer Gesundheitsökonomin Annamaria Müller in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (online, 20.1.2020): Statt einzelne Leistungen sollte die gesamte Versorgung bezahlt werden. Das würde die Anreize verändern und Maßnahmen zur Prävention attraktiver machen, so die Verwaltungsratspräsidentin des Kantonsspitals Freiburg.

„Unsere Medizin ist eine klassische Reparaturversorgung. Doch ein wachsender Teil der Bevölkerung, vor allem ältere und chronisch kranke Leute, brauchen nicht vor allem Akut- und Spitzenmedizin, sondern eine gute Basisabdeckung. Davon gibt es heute viel zu wenig.“ Müller, die selbst 10 Jahre Vorsteherin des Spitalamts des Kantons Bern war, beklagt, dass falsche Anreize dazu führen, dass bestimmte medizinische Leistungen erbracht werden, weil sie mehr Geld als andere abwerfen.

Die 2012 eingeführten Fallpauschalen habe in den Schweizer Spitälern zu einer „Goldgräberstimmung“ geführt. „Überlange Spitalsaufenthalte haben sich zwar reduziert, die Versorgungskette wurde aber eher noch verkürzt.“ Zugleich steigerten sich die Fälle bei Behandlungen, die gut bezahlt wurden.

In defizitären oder nicht entschädigten Bereichen sei die Versorgung dagegen häufig ungenügend. „Es ist so, als würden wir uns den ganzen Tag nur von Champagner und Kaviar ernähren. Das ist einfach nicht gut“, so die Gesundheitsexpertin. Derzeit würde ein altes System einfach weitergeführt mit dem Versuch, es „punktuell zu verbessern, statt etwas ganz Neues zu wagen. So bleiben die Leistungen aufgebläht.“

Das dänische Modell hält die Ökonomin für „bestechend“, weil die gesamte Gesundheitsversorgung außerhalb der Spitäler Aufgabe der Gemeinden ist. „Nach dem Spitalaufenthalt muss die Gemeinde die Nachsorge sicherstellen. Sie zahlt mit, wenn der Patient innerhalb eines bestimmten Zeitraums wieder ins Spital muss.“ Allerdings setzt das Modell eine komplette Verstaatlichung voraus, was Müller skeptisch sieht.

Die Schweizer Stiftung Dialog Ethik hat bereits 2014 zehn interessante Thesen und Forderungen unter dem Titel Die Anerkennung unserer Grenzen – ein Manifest für das Maßhalten im Gesundheitswesen (2014) aufgestellt (IMABE 04/14).

Foto: © Fotolia_159243125_ipopba

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