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März 2007

Arzt-Patient: Fragwürdige Entscheidung über unmündige Patienten per Computer

Vorstoß amerikanischer Ethiker stößt in Deutschland auf Kritik

Eine neue Software soll den mutmaßlichen Willen schwer kranker Patienten ermitteln, die sich über ihre medizinische Behandlung nicht mehr äußern können. Wenn keine Patientenverfügung vorliegt, wenden sich die Ärzte bei kritischen Therapieentscheidungen häufig an die Angehörigen. Doch die Entscheidungen von Angehörigen müssen nicht unbedingt dem Willen der Patienten entsprechen, meint David Wendler vom Department of Clinical Bioethics des National Institute of Health. Ein Computerprogramm könne die Absichten der nicht einwilligungsfähigen Patienten möglicherweise besser erkennen, schreiben die US-Ethiker im Public Library of Science Medicine (2007; 4: e35). Besser als die Angehörigen zu befragen, sei es, sich auf die Ansicht von Personen zu stützen, die den gleichen Lebenshintergrund hätten wie die betroffenen Patienten, argumentieren sie und stellen einen Prototyp eines „bevölkerungsbasierten Behandlungsindikators“ vor. Das entwickelte Computerprogramm errechnet den Patientenwillen auf Basis verschiedener Fallstudien, bei denen Teilnehmer Angaben zu ihrem medizinischen Willen bei fiktiven Krankheitsszenarien gemacht haben. Wendler erhofft sich eine 90-prozentige Treffsicherheit. Im letzten Jahr waren die Autoren in den systematischen Studienübersichten zu dem Ergebnis gekommen, dass die Angehörigen nur in 68 Prozent die Präferenzen der Patienten richtig erkannten. In den der Übersicht zugrunde liegenden Studien waren (noch entscheidungsfähige) Patienten und Angehörige zu fiktiven Szenarien befragt worden. Kritik am Vorschlag der Amerikaner kommt vom Medizinethiker Arnd May vom Universitätsklinikum Aachen. „Eine solche Entwicklung sollten wir in der Medizin vermeiden“, betont May gegenüber pressetext (online, 14. März 2007). Die Ermittlung der Einschätzung sei wissenschaftlich zweifelhaft. „Zwischen fiktiven und tatsächlichen Entscheidungen können Unterschiede vorliegen“, sagt May. Generell ist es fragwürdig, wenn Ärzte Entscheidungen über Leben und Tod an einen Computer delegieren.

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