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Juni 2007

Österreich: Schwere Vorwürfe gegen Topmediziner wegen angeblicher „Waffe gegen Krebs“

Gynäkologen steigen nach Verdacht auf Verquickung von Forschungs- und Finanzinteressen aus eigener Firma aus

Johannes Huber und Sepp Leodolter, zwei prominente Gynäkologen Österreichs, zogen die Konsequenzen: Nach heftiger Kritik kehrten die beiden ihrer eigenen Biotech-Firma CellMed Research den Rücken, berichtet die Tageszeitung Der Standard (online, 27. 06. 2007). Der Hintergrund: Das österreichische Magazin News (14. 06. 2007) hatte auf marktschreierischer Weise als Cover-Story berichtet, dass die beiden ebenso prominenten wie publicityfreundlichen Universitätsprofessoren am AKH (Johannes Huber ist Chef der Klinischen Abteilung für Endokrinologie an der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Sepp Leodolter ist Leiter der Klinischen Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe) eine sensationelle „neue Waffe gegen Krebs“ gefunden hätten, eine neuartige Zelltherapie, die sie nun auch Patienten außerhalb klinischer kontrollierter Studien käuflich anbieten wollen, Kostenpunkt: bis zu 14.000 Euro (Die Presse, online, 21. 06. 2007). Am 24. 06. 2007 gab Huber zu, dass das Interview von ihm auch autorisiert wurde (ORF-Debatte). Sowohl Huber als auch Leodolter waren Miteigentümer der Firma CellMed Research, die die Therapie entwickelte und setzten sich unter Kollegen für das Unternehmen ein. Die News-Story und ihre Hintergründe löste in Österreich eine heftige Kontroverse in der Ärzteschaft aus. Scharf hatte sich der Rektor der Medizinischen Universität Wien, Wolfgang Schütz, in einem offenen Brief vom Verhalten der beiden Ärzte distanziert. Die Dendritenzellenforschung sei weder neu noch etabliert (vgl. Süddeutsche Zeitung, 26. 06. 2007). Die beiden Kollegen würden Patienten völlig falsche Hoffnungen machen, kritisierte Schütz. Offene Kritik sprach auch der Direktor des Wiener AKH, Reinhard Krepler, aus: Patienten sollten sich lieber an einen Onkologen wenden, nicht jede Therapie sei für jeden Patienten geeignet. Mehrfach kritisiert wurde die Tatsache, für eine nicht etablierte, experimentelle Therapie Geld zu verlangen. Dazu Peter Husslein, Chef der Uni-Frauenklinik: „Wenn Sie mich fragen, ob es in Ordnung ist, dass man für eine nicht etablierte Therapie Geld nimmt, sage ich klar ‚Nein’.“ Im Fall einer klinisch kontrollierten Studie ist die Behandlung für die Patienten kostenfrei. Außerhalb dieser kontrollierten Rahmenbedingungen seien solche experimentellen Behandlungen für Patienten „potenziell gefährlich und sollten demnach nicht angeboten oder durchgeführt werden“, kritisiert Husslein. Die Krebshilfe betrachtet das „angebliche Anti-Krebs-Wundermittel Zelltherapie im derzeitigen Forschungsstadium skeptisch“.

Kritik gab es aber auch von Medienwissenschaftlern: Holger Wormer, Professor für Wissenschaftsjournalismus an der Universität Dortmund, mahnte Journalisten zu mehr Vorsicht und kritischer Berichterstattung. Auch Wissenschaftler müssten sich heute mehr verkaufen als früher. Je mehr der Wettbewerb in Forschung und Medizin zunimmt, je stärker der Konkurrenzdruck unter Pharma- und Biotech-Firmen wächst, desto kritischer müssen Journalisten generell die Aussagen von Wissenschaftlern und Ärzten hinterfragen, so Wormer in einem Kommentar im Standard („Falsche Schlagzeilen, falsche Hoffnungen“, online, 22. 06. 2007). An der MedUni Wien wird nun ein Weisenrat klären, ob die beiden Mediziner die Kriterien der „Good Scientific Practice“ (sorgfältiges wissenschaftliches Arbeiten) eingehalten haben. Seine Empfehlung leitet er an das Rektorat weiter, das dann über mögliche disziplinarrechtliche oder dienstrechtliche Konsequenzen entscheidet, so Die Presse. Schief ist die Optik allemal: Johannes Huber ist auch Vorsitzender der Bioehtikkommission des Bundeskanzleramtes – wie lange noch, ist fraglich.

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