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Imago Hominis (2002); 9(3): 154-155

Rael-Sekte: Lassen Sie bei uns klonen!

Johannes Königseder

Am 10. Juli 2002 öffnete in Tokio die erste internationale Bio-Expo ihre Pforten. Seriöse und gewichtige Anbieter präsentierten für Labors und Genforschung dem Fachpublikum ihre Produkte. Neben Vertreibern von Reagenzgläsern und Chemieprodukten prangt dem Besucher plötzlich entgegen: Ewiges Leben durch Klontechnologie. Das Plakat weist auf einen sonst unscheinbaren Stand hin, der um ein elektronisches Gerät herum errichtet ist. „Embryonic cell fusion system RMX 2010,“ so die verheißungsvolle Bezeichnung. Aufgerüttelt und nun verunsichert, ob er nicht unversehens in den Bereich einer Esoterikmesse gelang sei, vernimmt der Messebesucher auch schon die eigentliche Botschaft: „Uns ist der Durchbruch gelungen, gerne wollen wir ihnen unsere Klondienste anbieten“ klingt es vom Videoschirm. Brigitte Boisellier, Chefchemikerin der Firma Clonaid und führendes Mitglied der Rael-Sekte kommentiert mit entrücktem Lächeln eine Folge von Bildern, auf denen die Fusion einer entkernten Eizelle mit einer menschlichen Spenderzelle zu sehen ist, dann eine Zelle im Blastozytenstadium und abschließend heißt es lapidar: „An diesem Punkt haben wir die Implantation vorgenommen.“

Wer sind die Raelianer? Rael ist der Name des Sektengründers. Seinen Angaben zufolge war es eine Begegnung mit einem Außerirdischen, die ihn zur Gründung der Sekte bewegte. Vor diesem Ereignis war sein Name Claude Vorillon, er liebte Frauen, Musik und Autos. Mit 27 hatte er einige Autorennen gewonnen, eine Schallplatte aufgenommen und eine Fachzeitschrift „Auto-Pop“ gegründet. Bei jener „Begegnung“ wurde ihm mitgeteilt, dass die Menschen, wie auch alle Pflanzen und Tiere von Außerirdischen in Labors erzeugt worden sind. Ihren Sitz hat die Sekte in einem UFO-artigen Gebäude in Kanada, etwa eine Autostunde von Montreal entfernt. Sie hat etwa 50.000 Mitglieder und für einen Vortrag lässt der Guru sich 100.000 Dollar bezahlen (vgl. FAZ vom 27. Juli 2001 und www.rael.org). Die Anhänger des Rael fühlen sich besonders berechtigt, in der Schöpfung mitzuwirken und sehen ihre Aufgabe darin, geklonte Menschen zu erzeugen. Es seien schon Bestellungen eingelangt, für die sie sich, je nach Schwierigkeit, 200.000 bis 500.000 Dollar zahlen lassen.

Am Messestand in Tokio zeigte sich Thomas Kaenzig, der Vizepräsident von Clonaid begeistert für das neue Gerät, das mit seinem kleinen Bildschirm und den vielen Knöpfen eher wie ein Oszilloskop aussieht. Eine wahrhaft revolutionäre Erfindung, ja der entscheidende Schritt zum identen Zwilling, so Kaenzig! Es zeichne sich dadurch aus, dass es einen stabilen elektrischen Impuls für die Zellfusion liefere. Außerdem sei es nur halb so teuer wie das Konkurrenzprodukt. In der Beschreibung klingt es ganz einfach und fast glaubt man, es seien nicht hunderte Eizellen, aufwendige Mikroskope und unzählige fehlschlagende Versuche dafür nötig.

Angesprochen auf die bisherigen Erfolge gibt er sich (laut F.A.Z) eher bedeckt, hunderte menschliche Blastozyten seien erzeugt, einige seien schon in die Gebärmutter implantiert worden. Allerdings rechne er mit 1 bis 2 Jahren bis zur Geburt des ersten Klonbabys. Bis es zu konkreten Ankündigungen komme, müssten noch Tests abgewartet werden. Nicht müde werdend wiederholt er, man wolle sicherstellen, dass es ein gesundes und glückliches Baby wird.

Und wenn es zu Missbildungen käme? So weit werde man es nicht kommen lassen. „Wir sind für Abtreibung“ betont der Guru (FAZ, 27. Juli 2001). „Ein mongoloider Klon kommt nicht in Frage.“ Den Hinweis auf die vielen Fehlversuche und Anomalien bei der Erzeugung des bekannten Schafs Dolly will Clonaid nicht gelten lassen. Der Mensch sei kein Schaf und außerdem werde umfassendes Screening wie Präimplantations- und Pränataldiagnostik angewendet. Den Standort der Labors und die Namen der beteiligten Wissenschafter will Kaenzig nicht nennen, aus Sicherheitsgründen, wie er betont, und der Mitbewerber im Wettstreit um das erste Klonbaby wegen.

Niemand kann mehr leugnen, dass Klonen von Menschen in greifbare Nähe gerückt ist. Das biotechnische Equipment steht in jedem Fruchtbarkeitslabor zur Verfügung, nach Dolly steht naturwissenschaftlich dem Klonen des Menschen für Reproduktionszwecke nichts mehr im Weg. Indem man die wirklich magere Erfolgsquote bei Dolly und anderen Säugetieren verbessern will, sammelt man Erfahrung, die man beim Menschen einsetzen möchte. In vielen Fällen sind es die Protagonisten eines Forschungsklonens, manchmal fälschlich als therapeutisches Klonen bezeichnet, die in der Handhabung der dort benötigten menschlichen Embryonen Erfahrung sammeln möchten. Und sind erst Embryonen vorhanden und erhältlich, dann wird wohl eines Tages, ob erlaubt oder nicht, eine Implantation in die Gebärmutter versucht werden.

Die Rael-Sekte steht mit ihren Klonvorhaben nicht allein, die Äußerungen ihrer Mitglieder zeigen erneut, dass Klonen entweder vollständig oder gar nicht verboten werden kann (siehe auch IH 2/02). Jede Version eines erlaubten Klonens, sei es auch auf Forschung oder sonstige Zwecke beschränkt, wird Implantationen zur Folge haben, sobald Menschenklone erhältlich sind.

In der Diskussion um Freigabe von menschlichen Klonen für spekulative therapeutische Verwendung in ferner Zukunft muss dieser Umstand mit großer Priorität beachtet werden, gerade angesichts des weitreichenden Konsenses, dass Klonierung von Menschen zu Fortpflanzungszwecken unter allen Umständen zu verhindern ist.

In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die laufenden Initiativen Deutschlands und Frankreichs, eine Ächtung des Klonens von Menschen international durchzusetzen, zwar gut ist, aber nicht ausreichend. Solange die Ablehnung rein auf das reproduktive Klonen beschränkt bleibt, wird durch das therapeutische Klonen die Technik erlernt und verfeinert werden können. Ist diese ausgereift, wird es unweigerlich zur Implantation geklonter Embryonen kommen. Der einzig gangbare Weg ist ein umfassendes Verbot und die Ächtung jeglichen Versuchs, menschliche Klone herzustellen.

Anschrift des Autors:

Dr. Johannes Königseder, Imabe-Institut
Landstraßer Hauptstraße 4/13
A-1030 Wien
koenigseder(at)imabe.org

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