Bioethik Aktuell

Positive Alter(n)sbilder in den Medien: Wie Diskriminierung vermieden werden kann

Ein neuer Leitfaden bietet Medien Denkanstöße für einen sensiblen Umgang mit dem Bild des älteren Menschen

Lesezeit: 03:54 Minuten

Alter(n)sdiskriminierung durch Sprache ist allgegenwärtig. Durch die Corona-Krise sind neue Varianten hinzugekommen, wie die Rede von der „vulnerablen Gruppe“ als Bezeichnung für meist völlig Gesunde. Ein aktueller Leitfaden wendet sich gegen Begriffe wie „Omas“ und „Opas“ in der Berichterstattung über das Alter und gibt Tipps für Dos & Don'ts.

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In der Popkultur alt gewordene Musiker wehrten sich vor einiger Zeit vehement gegen ihre sprachliche Einstufung als „Altherren-Rocker“ oder „Altrocker“. Dass sie schon mehr als 50 Jahre im Showgeschäft aktiv sind, sei kein Grund, sie sprachlich zu diskriminieren. Dieses Etikett schädige das Geschäft des Tonträgerverkaufs in Millionenhöhe. Dieses Beispiel ist nur eines von vielen. Der aktuelle Leitfaden Neue Bilder des Alter(n)s. Wertschätzend über das Alter kommunizieren (2022), befasst sich mit diskriminierender Sprache zur Beschreibung älterer Menschen in Medien. 

Im Zentrum der Broschüre: Tipps zur gelungenen Kommunikation mit „Dos“ and „Don´ts“

So heißt es etwa an Medienschaffende gerichtet: „Vermeiden Sie verniedlichende und vereinnahmende Ausdrücke wie „unsere Alten“, „unsere lieben Senioren“ oder gar „Omas und Opas“.“ Es sei denn es sind tatsächlich die eigenen älteren Verwandten gemeint. Und: „Kommunizieren Sie respektvoll und auf Augenhöhe.“ Bei der Vorstellung zeigten verschiedene Experten in Statements auf, wie wesentlich der Einfluss von Medien bei der Etablierung von Alter(n)sbildern ist (APA-Presshintergrundgespräch, 11/2022).

Gegen Stereotypien, mit denen das Bild des Alter(n)s eindimensional und negativ gezeichnet wird, wandte sich Ulla Kriebernegg, Leiterin des Zentrums für interdisziplinäre Alterns- und Care-Forschung der Universität Graz. Sie forderte neue Bilder und Geschichten, die ein gutes Image auch in der Sprache vom Alter(n) ermöglichen. Vor allem der Begriff des „successful aging“, der Leistung und Wettbewerb in den Vordergrund stellt, müsse hinterfragt werden. Kriebernegg plädiert für ein „comfortable aging“, für ein Altern nach den eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten – ohne Leistungsdruck.

Wer im Alter keine digitalen Technologien nutzt, wird als ausgeschlossen dargestellt

Alter(n)sbilder in Medien können abwertend sein. Eine im Gerontologist (2022 Mar 28;62(3):413-424. doi: 10.1093/geront/gnab126) publizierte Studie untersuchte 51 Zeitungsartikel in Deutschland, die zwischen März und November 2020 erschienen sind. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Berichterstattung zu digitalen Technologien von defizitären Alter(n)sbildern durchzogen ist. Ältere Nutzer digitaler Technologien werden eher als positiv und aktiv dargestellt, wohingegen „jene älteren Menschen, die keine digitalen Geräte nutzen, häufiger als zurückgelassen oder ausgeschlossen dargestellt wurden“, erläuterte Vera Gallistl vom Kompetenzzentrum Gerontologie und Gesundheitsforschung der Karl-Landsteiner-Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems an der Donau.

Kontakt mit anderen Altersgruppen ist ein hilfreiches Gegenmittel

Intergenerationeller Kontakt finde außerhalb der eigenen Familie kaum statt. Nur wenige Personen hätten Freunde oder Freundinnen, die 15 Jahre älter oder jünger sind als sie selbst. Eine solche Alterssegregation der Gesellschaft führe dazu, dass homogenisierende Vorstellungen der jeweils anderen Altersgruppe (Jüngere – Ältere) entstehen und sich durchsetzen. Gleichzeitig sei intergenerationeller Kontakt ein Mittel, um Altersstereotypen entgegenzuwirken.

Nicht jeder Ältere gehört zu einer vulnerablen Gruppe oder ist in Langzeitpflege

Ein weiteres Beispiel der jüngsten Vergangenheit sei das Bild älterer Menschen während der COVID-Pandemie. Ein Review zur Darstellung älterer Menschen während der Covid-19-Pandemie aus 287 Artikeln in US-amerikanischen Zeitschriften habe aufgezeigt, dass häufig eine altersdiskriminierende Sprache verwendet wurde („elderly“) (The Journals of Gerontology: Series B, Volume 76, Issue 9, November 2021, Pages 1904–1912, https://doi.org/10.1093/geronb/gbab102). Ältere Menschen wurden fast ausschließlich als „vulnerabel“ dargestellt. Illustriert wurde diese Sprache zu Covid-19 dann aus dem Kontext der institutionellen Langzeitpflege. Diese bilde allerdings nur einen kleinen Teil der Lebensrealität älterer Menschen ab.

Alte Amtsinhaber an der politischen Spitze lösen bei 25 Prozent ein Unwohlsein aus

Aus einer Eurobarometer-Befragung im Jahr 2019 ging hervor, dass 40 Prozent der Europäer angeben, dass Diskriminierung aufgrund des Alters (zu jung oder zu alt) in ihrem Land weit verbreitet sei. Gleichzeitig geben 25% der Befragten an, dass sie sich nicht wohl damit fühlen würden, wenn das höchste politische Amt im Staat von einer als alt wahrgenommenen Person ausgeübt werde. „Ageism“, so der Fachbegriff, habe viele Gesichter. Das betrifft auch strukturelle Verteilungs- und Ungleichheitsfragen, etwa bei der Wiedereingliederung älterer Arbeitnehmer, wenn jüngere Bewerber bevorzugt werden; oder in der medizinischen Versorgung, wenn Krankheiten im Alter als ‚normal‘ wahrgenommen wird oder das Alter als solches pathologisiert und als Krankheit definiert wird. Auch die Unterrepräsentation von älteren Menschen in klinischen Studien zählt dazu.

Menschen mit mehr als 65 Jahren sind eine heterogene Gruppe

Menschen 65+ sind eine sehr heterogene Gruppe – weshalb es „die Alten“ nicht gibt. Alter sei auch immer eine Frage des Kontexts und nicht zuletzt der Fremd- und Selbstwahrnehmung. Der Leitfaden plädiert für einen wertschätzenden Umgang mit dem Thema Alter. Er soll sensibilisieren und Denkanstöße für einen Weg zu neuen Bildern des Alter(n)s in unserer Gesellschaft geben. Journalistinnen und Journalisten tragen durch ihre Arbeit dazu bei, welche Alter(n)sbilder sich in der Öffentlichkeit etablieren.

Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
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