Stellungnahme zur Bewerbung von ellaOne® („Pille danach“) in den Wiener U-Bahnen

16. Februar 2026

IMABE-Stellungnahme zur Bewerbung von ellaOne® („Pille danach“) in den Wiener U-Bahnen (16.2.2026_PDF)

Anlass dieser Stellungnahme ist eine jüngste Plakatkampagne in den Wiener U-Bahnen, in der das Notfallkontrazeptivum ellaOne® (30 mg Ulipristalacetat) mit dem Slogan „Hilft, bevor man (frau?) schwanger wird“ beworben wird.

Diese Formulierung erweckt den Eindruck einer rein verhütenden Wirkung. Aus ethischer und verbraucherrechtlicher Sicht stellt sich jedoch die Frage, ob die Information über die tatsächliche und mögliche Wirkweise des Präparates ausreichend transparent ist.

1. Was sagt die offizielle Patienteninformation?

In der Gebrauchsinformation von ellaOne® wird als Wirkmechanismus vor allem die Verschiebung oder Hemmung des Eisprungs (Ovulation) genannt.

In der ausführlicheren Fachinformation (Stand: 29.9.2025) wird hingegen auf die hochaffine Bindung von Ulipristalacetat an den Progesteronrezeptor hingewiesen. Progesteron ist ein Schlüsselhormon für:

  • die Vorbereitung der Gebärmutterschleimhaut auf eine mögliche Schwangerschaft,

  • die Aufrechterhaltung einer eingetretenen Schwangerschaft.

Eine Substanz, die stark an den Progesteronrezeptor bindet und dessen Wirkung moduliert, kann daher nicht nur den Eisprung beeinflussen, sondern auch Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut bewirken.

Diese Zusammenhänge sind für medizinische Fachpersonen nachvollziehbar. Für die durchschnittliche Anwenderin erschließen sie sich aus dem Beipackzettel jedoch nicht.

2. Abhängigkeit der Wirkung vom Zykluszeitpunkt

Wie in den früheren Stellungnahmen von IMABE (2013: Aktualisierung der Erkenntnisse zur Wirkweise der Pille danach; Rella, W./Kummer, S./Bonelli J.: Fünfzig Jahre „Pille“: Risiken und Folgen, in: Imago Hominis (2010); 17(4): 263-274) dargelegt, ist die Wirkung der „Pille danach“ – sowohl bei Levonorgestrel als auch bei Ulipristalacetat – entscheidend vom Zeitpunkt der Einnahme im Menstruationszyklus abhängig:

  • Mehrere Tage vor dem Eisprung:
    vorwiegend ovulationshemmende Wirkung (kontrazeptiv)

  • Unmittelbar vor dem Eisprung:
    Der Eisprung kann in diesem Zeitfenster nicht mehr zuverlässig verhindert werden. In der wissenschaftlichen Literatur werden daher zusätzliche Mechanismen diskutiert, darunter Veränderungen des Endometriums, die die Einnistung eines Embryos erschweren können.

  • Nach dem Eisprung:
    Eine Ovulationshemmung ist nicht mehr möglich. Hier stellt sich die Frage, wie die weiterhin nachgewiesene Wirksamkeit erklärt werden kann.

ellaOne® kann bis zu fünf Tage (120 Stunden) nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Da eine Befruchtung häufig innerhalb der ersten drei Tage erfolgt, stellt sich wissenschaftlich die Frage, ob die Wirksamkeit in späteren Einnahmezeitpunkten noch durch eine Verzögerung des Eisprungs erklärbar ist.

3. Hinweise aus der wissenschaftlichen Literatur

Studien zu selektiven Progesteronrezeptor-Modulatoren – darunter auch Untersuchungen zu Ulipristalacetat (z. B. Stratton et al., Fertility&Sterility 2010) – zeigen:

  • Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut

  • Beeinflussung progesteronabhängiger Marker

  • Modifikationen der endometrialen Rezeptivität

In der wissenschaftlichen Diskussion ist unstrittig, dass die alleinige Hemmung des Eisprungs nicht in jedem Einnahmezeitpunkt als alleinige Erklärung der Wirksamkeit ausreicht.

Unter bestimmten Bedingungen ist eine nidationshemmende Wirkung möglich, das heißt: die Einnistung gezeugten menschlichen Lebens in die Gebärmutterschleimhaut wird behindert.

4. Ethische Relevanz der Wirkmechanismen

Aus ethischer Sicht besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen:

  • einer Verhinderung der Befruchtung (kontrazeptive Wirkung) und

  • einer möglichen Verhinderung der Einnistung eines bereits gezeugten Embryos

Für viele Frauen ist diese Unterscheidung von grundlegender moralischer Bedeutung, da ein moralisch gravierender Unterschied zwischen der Wirkung „Verhütung“ und „Frühabtreibung“ besteht.

Eine informierte Entscheidung setzt daher voraus, dass auch mögliche Wirkungen auf die Gebärmutterschleimhaut und die Nidation klar kommuniziert werden.

5. Verbraucherschutz und Informationspflicht

Im Sinne des gesetzlichen Verbraucherschutzes ist eine vollständige und verständliche Information über erforderlich:

  • den gesicherten Wirkmechanismus

  • die pharmakologischen Eigenschaften (Progesteronrezeptorbindung)

  • sowie die in der Fachliteratur diskutierten zusätzlichen Effekte

Eine Bewerbung mit dem Slogan „Hilft, bevor man (frau?) schwanger wird“ greift zu kurz, wenn sie nicht klarstellt, dass die Wirkung vom Zykluszeitpunkt abhängt und in der Fachliteratur auch Effekte auf die Gebärmutterschleimhaut diskutiert werden.

6. Schlussfolgerung

IMABE hält es für notwendig, dass:

  1. die Patienteninformation von ellaOne® in verständlicher Weise über die pharmakologische Wirkweise und deren mögliche frühabtreibenden Konsequenzen aufklärt.

  2. in der öffentlichen Bewerbung keine verkürzenden oder missverständlichen Aussagen getroffen werden.

  3. Frauen in die Lage versetzt werden, eine wirklich informierte und eigenverantwortliche Entscheidung zu treffen.

Transparenz über Wirkmechanismen ist keine ideologische Forderung, sondern eine Frage der medizinischen Redlichkeit und des Verbraucherschutzes. 

Gezeichnet von: 

Dr. Walter Rella, Familienmediziner                           Mag. Susanne Kummer, Direktorin, IMABE

Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
Unterstützt von: