Editorial

Imago Hominis (2003); 9(3): 149-150

Unabhängig, neutral, objektiv und gründlich sind Adjektive, die Naturwissenschafter gerne in Zusammenhang mit den eigenen Forschungsergebnissen stellen. Die Wissenschaft wähnt sich selbst nach wie vor immun gegenüber Zeitgeisteinflüssen, obwohl die philosophische Reflexion über die Wertneutralität der Wissenschaften fast immer in der Skepsis landete. Ganz besonders im letzten Jahrhundert unternahmen philosophische Empiriker und Positivisten zahlreiche Versuche, Regeln für wertneutrales Denken aufzustellen. Es gelang ihnen aber kein Durchbruch der Objektivität.

Spätestens seit Popper ist die wissenschaftstheoretische Ansicht unumstritten, dass naturwissenschaftliche Theorien ein System von kohärenten „noch nicht falsifizierten Hypothesen" sind, die eine plausible Erklärung der Wirklichkeit liefern. Daher stellt sich die Vorgabe der absoluten, objektiven Allgemeingültigkeit in wissenschaftlichen Belangen in die Ecke der Verdächtigkeit. Bescheidenheit und die Fähigkeit zur Eigenkritik sind wünschenswerte Tugenden für einen Wissenschaftler.

Jede wissenschaftliche Untersuchung, jedes Forschungsprojekt, jeder Theoriebildungsversuch setzt vorwissenschaftliche Erkenntnisse aus dem lebensweltlichen Alltag voraus, die meistens auch Wertungen enthalten. Diese sollen gerade durch die naturwissenschaftliche Methode im Zuge der Theoriebildung abgebaut werden. Da aber jede Theorie neben messbaren Variablen auch solche enthält, die nicht oder zumindest noch nicht vollständig quantifizierbar sind, gelingt eine vollständige Bereinigung der Wertungen nicht und die Objektivität muss als ein nicht erreichbares Ideal anerkannt werden.

Auch stellen externe Faktoren ein Hindernis für die Sachlichkeit und Objektivität der wissenschaftlichen Forschung. Die zunehmende Verpolitisierung und Verökonomisierung aller Bereiche der Gesellschaft führt dazu, dass die Forschung in den politischen und ökonomischen Machtkampf hineingezogen wird. Politik und Wirtschaft sehen den technologischen Fortschritt als Machtfaktor und in dem sie die Forschung zu vereinnahmen suchen, stellen sie eine gewaltige Bedrohung ihrer Freiheit dar.

Dies muss heute auch als eine ganz große Herausforderung für die medizinische Wissenschaft angesehen werden. Es ist sehr wichtig, dass der Forscher sich selbst nicht bloß als ein Rädchen im großen Getriebe der politischen oder wirtschaftlichen Maschinerie empfindet. Seine Arbeit steht immer in Beziehung zur Menschheit. Mittelbar leistet er einen Dienst, oder aber er provoziert den Schaden. Damit die wissenschaftliche Arbeit bleibenden, dauerhaften Wert erlangen kann, muss sie dem echten Fortschritt dienen, der sich am Menschen selbst orientiert: an seiner Natur, an seinem Wohlergehen, am Gemeinwohl der Gesellschaft. Von der aufrichtigen, persönlichen Suche nach dem Menschenbild, nach seiner Authentizität, kann kein Wissenschaftler entbunden werden. Bioethik allein hilft da nicht viel, zumal sie häufig eigentlich Biopolitik ist: Mehrheitsentscheidungen, „Absegnungen“ durch Ethikkommissionen etc.

Bioethik ist weder Ethikersatz, noch kann sie von der eigenen persönlichen Sittlichkeit getrennt werden. Hier ist die Ethik der ersten Person gefragt: was soll ich tun? Die Tugendethik gibt dazu die passende Antwort: die Kultivierung der Tugenden befreit das in jedem Menschen innewohnende Streben nach dem Guten von den irreleitenden, störenden Innen- und Außeneinflüssen. Sie verleihen dem Wissenschaftler die nötige Standhaftigkeit, die Herausforderung der Sachlichkeit anzupacken. Gleichzeitig ist diese Suche auch der beste Schutz gegen Manipulation durch Fremdinteressen.

In dieser Nummer wird in einigen Beiträgen deutlich, wie die Ideologisierung der Wissenschaft – in diesem Fall der Psychiatrie – Entwicklungen bewirkt hat, und wie sich das Pendel dann in der darauf folgenden Epoche wieder in die Gegenrichtung bewegt hat. Gerade in der Neuropsychiatrie ist die Vorstellung von der menschlichen Natur maßgeblich an der Therapie beteiligt. K. Heinrich beschreibt in eindrucksvoller Weise die Zeiteinflüsse der letzten Jahrhunderte und die Gefahren der Gegenwart. Im Diskussionsbeitrag ergänzt M. Lütz die Sichtweise durch Klarstellungen, die gegenwärtige Strömungen der modernen Psychotherapie betreffen. P. Amann greift eine andere delikate Frage auf: wie weit reicht die Freiheit und Autonomie im Falle einer Suchterkrankung? R.M. Bonelli schildert anhand der Chorea Huntington – einer schweren neurologischen Erbkrankheit – die zur Betreuung notwendige Arzt-Patient Beziehung.

Die Herausgeber

Unterstützt von: