Im ersten Jahr nach der Legalisierung von „MAiD" (Medical Assistance in Dying) im Jahr 2016 wurden 1.015 Fälle im 40-Millionen-Einwohner-Staat gemeldet. Bereits 2019 war die Zahl mit 5.631 Fällen fünfmal so hoch (Government of Canada, 2020). Mittlerweile sterben mehr Menschen in Kanada durch Euthanasie als an Alzheimer und Diabetes zusammen: Mit 16.499 Fällen im Jahr 2024 wurde ein neuer Höchststand erreicht – eine Steigerung um etwa 1.500 Prozent seit der Legalisierung. Das entspricht fünf Prozent aller Todesfälle. Insgesamt sind seit der Legalisierung vor neun Jahren 76.500 Menschen durch Tötung auf Verlangen in Kanada gestorben. In nur 0,1 Prozent der Fälle war es assistierter Suizid. (Goverment of Canada, 31.01.2025)
2027 sollen psychisch Kranke zugelassen werden
Während 2016 die Zulassung über den „Track 1“ auf Menschen beschränkt war, deren Lebensende absehbar war, wurden die Kriterien für die Zulassung für MAiD stetig erweitert: Bereits 2021 wurde Tötung auf Verlangen mit der Gesetzesänderung (Bill C-7) über den „Track 2“ ausdrücklich für Menschen ausgeweitet, deren Leiden auf Behinderung oder chronischer Krankheit beruht, ohne dass das Lebensende absehbar war.
Die nächste gesetzliche Erweiterung ist schon geplant: Ab 2027 sollen Menschen allein aufgrund einer psychischen Erkrankung für Tötung auf Verlangen zugelassen werden. Die Regierung und auch Fachärzte empfehlen die künftige Zulassung von Minderjährigen und in Quebece diskutiert man, Euthanasie von schwerkranken Säuglingen zu ermöglichen. (The Atlantic, 11.08.2025)
Eine Tragödie wird zum Lifestyle-Event
In Kanada finden heute professionelle „MAiD-Konferenzen“ statt – begleitet von Musik, Networking und Werbegeschenken. Es existieren inzwischen kommerzielle Angebote wie die „Be Ceremonial“-App, mit man sich für 10,99 Dollar eine MAiD-Zeremonie planen lassen kann. Solche Marketingstrategien verwandeln eine Tötung auf Verlangen in eine ästhetische „Lifestlye der Wahl“.
Der US-amerikanische Autor Wesley Smith beobachtet, dass Tötung auf Wunsch in Kanada mittlerweile als legitime Form der Schadensminimierung gesehen wird (National Review, 2023). Eine Umfrage aus 2023 ergab, dass 27 Prozent der Kanadier Euthanasie aufgrund von Armut und 28 Prozent aufgrund von Obdachlosigkeit für akzeptabel halten.
UN bezeichnet Kanadas Gesetze als „ableistisch“
Die Ausweitung von MAiD auf Menschen mit Behinderungen bleibt nicht ohne internationale Kritik. Die UN-Behindertenrechtskonvention (CRPD/C/CAN/CO/2-3, 15.04.2025) hat im April 2025 offiziell die Aufhebung der kanadischen Reform C-7 sowie einen unabhängigen landesweiten Aufsichtsmechanismus gefordert. Sie argumentiert, die Bundesregierung habe die Reform auf Basis „negativer, ableistischer Vorstellungen über die Qualität und den Wert“ von Leben mit Behinderung gegründet. Als „ableistisch“ (von engl. ‚able‘) wird die Tendenz beschrieben, das Leben von Menschen mit Behinderungen oder Einschränkungen als weniger lebenswert, schützenswert oder gar belastend darzustellen.
Die Betonung von „Wahlfreiheit“ verschleiere fehlende sozialer Unterstützung, Armutsbekämpfung und Gesundheitsversorgung und sende das implizite Signal, ein Leben mit Behinderung sei weniger schützenswert. Besonders besorgt zeigt sich die UN darüber, dass Frauen mit Behinderung überproportional unter den Euthanasie-Fällen vertreten sind. Eine Medizin assistierte Tötung genehmigt zu bekommen sei mitunter „leichter als einen passenden Rollstuhl zu erhalten“, sagt Carla Qualtrough, kanadische Ministerin für Inklusion für Behinderte. (The Atlantic, 11.08.2025)
Wer von Armut oder Einsamkeit betroffen ist, wählt häufiger Tötung auf Verlangen
Offizielle Daten belegen: Track-2-Antragsteller sind überproportional arm, isoliert, weiblich und haben Behinderungen. Das kanadische Gesundheitssystem berichtet zudem, dass fast 50 Prozent der Track-2-Tode mit Leiden durch Einsamkeit und Isolation einhergingen und dass fast die Hälfte andeutete, sich wie eine Last für andere zu fühlen. (MLI, 06.08.2025).
Ärzte und Pflegefachkräfte bestätigen dies: Sie beschrieben in privaten Foren, die geleakt wurden, dass sie Leben beendet hatten, bei denen Armut, Einsamkeit oder Fettleibigkeit den Ausschlag für die Tötung auf Wunsch gegeben hatte.
Behandlung verweigert, Tod genehmigt
Die Journalistin Elaina Calabro berichtet in einer ausführlichen Analyse über diese systemischen Mängel in Kanada: Ein querschnittsgelähmter Mann namens Normand Meunier wurde im Januar 2024 mit einer Atemwegsinfektion in ein Krankenhaus in Québec eingeliefert. Nach vier Tagen auf einer Notaufnahmeliege – ohne geeignete Matratze, trotz mehrfacher Bitten – entwickelte er schmerzhafte Wundliegen, die ihn dazu brachten, seine Tötung zu beantragen. „Ich möchte keine Belastung sein“ sagte er Radio-Canada am Tag vor seiner Tötung. (The Atlantic, 2025)
Auch die Journalistin Kelsi Sheren erzählt von einer Frau aus Saskatchewan, Jolene Van Alstine, die an einer seltenen, aber behandelbaren Nebenschilddrüsenerkrankung leidet. Sie benötigt dringend eine lebensnotwendige Operation, die sie allerdings nur mit einer fachärztlichen Überweisung erhalten kann. In ihrem Bundesstaat gibt es keinen Endokrinologen, der Neupatienten aufnimmt. Die Wartezeit ist unabsehbar. Van Alstine hat Tötung auf Verlangen beantragt, weil sie mit diesem Leiden nicht weiterleben möchte. Ihr Tod wurde für den 7. Jänner 2026 festgelegt. (Surgery Denied. Death Approved, 09.12.25)
Der Rechtsstaat versagt
Kanadische Experten schließen sich der UN-Kritik an: Die Familienmedizinerin Ramona Coelho and der Anwalt und Menschenrechtsaktivist David Shannon veröffentlichen im kanadischen „Macdonald-Laurier Institut“ eine tiefgehende Analyse der rechtlichen Schutzmechanismen von „MAiD“ in Kanada (2025). Sie zeigen, dass Kanadas „Euthanasie-Regime“ zwar formal Schutzmechanismen vorsieht, diese in der Praxis de facto ineffektiv sind. Das System besitzt keine unabhängige bundesweiten Aufsichtsinstanz mit Durchsetzungsbefugnissen. Stattdessen existiert ein fragmentiertes Meldesystem, das auf Vertrauen in die korrekte Selbstregulierung der „MAiD“-Anbieter angewiesen ist. (MLI, 06.08.2025)
Von 2018 bis 2024 kam es zu 428 Gesetzesverstößen – zum Teil wurden gesetzliche Sicherheitsvorgaben mehrfach missachtet. Trotz der Zusicherungen, dass bei Missachtung der Gesetze mit strafrechtlichen Folgen zu rechnen ist, kam es in keinem der Fälle zu Anzeigen oder Strafverfolgungen. (Bioethik aktuell, 05.12.2024)
Nach dem Tod zu überprüfen, ist zu spät
Coelho und Shannon kritisieren besonders, dass die Überprüfung der MAiD-Fälle fast ausschließlich post mortem erfolgt. Diese nachträglichen Bewertungen hätten keinen schützenden Effekt für vulnerable Personen, sondern seien rein dokumentarisch. Das Problem liegt auf der Hand: Fehler oder Missstände sind nicht mehr korrigierbar – der Patient ist bereits tot.
Es fehlt ein unabhängiges Echtzeit-Beschwerdesystem, das eine Tötung bei festgestellten Missständen noch verhindern könnte. Das ist besonders problematisch, wenn Familienmitglieder oder medizinisches Personal ernsthafte Zweifel an der Entscheidung des Patienten oder der Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben haben.
Strukturelle Anreize
„Dies ist die Geschichte einer Ideologie in Bewegung – davon, was geschieht, wenn ein Staat ein Recht festschreibt, bevor er sich mit der Tragweite seiner Logik auseinandergesetzt hat“, analysiert Callabro. David Henderson, Palliativmediziner in Nova Scotia, warnt, dass MAiD einer „Lizenz zum Töten“ gleichkomme, statt die eigentlichen Ursachen des Leidens anzugehen und zu lindern. Das kanadische Gesundheits- und Sozialsystem scheint eine problematische Dynamik entwickelt zu haben: Es reagiert nicht mehr auf individuelle Ausnahmefälle, sondern schafft selbst strukturelle Anreize, die die Ausweitung der „aktiven Sterbehilfe“ begünstigen.
Die „Würde der Wahl“ ist eine Illusion
Die kanadische Regierung scheint seinen verletzlichsten Bürgern die „Würde der Wahl“ des Todes zu schenken, während sie eigentlich daran scheitert, adäquate Ressourcen zum Leben zu bereitzustellen, so Calabro. Unter solchen systematischen Umständen wird „Selbstbestimmung“ als ausweglose Fremdbestimmung demaskiert. Eine Entscheidung kann nicht als frei gelten, wenn reale Alternativen fehlen. Sheren ruft auf, diese Zustände nicht als mitfühlend zu bezeichnen: „Wahres Mitgefühl heißt Dasein, Unterstützung und ein System, das jemanden auffängt.“
Ökonomische Anreize werden nicht offen thematisiert
Der parlamentarische Budgetdienst Kanadas kalkulierte bereits früh jährliche Einsparungen von rund 150 Millionen CAD durch MAiD. Den Tod von älteren Menschen und Patienten herbeizuführen ist billiger als Pflege, Therapie oder langfristige Begleitung. (Bioethik aktuell, 01.12.2025) In Zeiten knapper Budgets und überlasteter Gesundheitssysteme entsteht damit ein gefährlicher Sog, in dem Euthanasie zur effizienten Lösung wird. Die Entwicklungen in Kanada zeigen, wie schnell sich unter solchen Bedingungen Schutzmechanismen auflösen.