Bioethik aktuell

Berlin: Ethikerin Kummer warnt vor Normalisierung des assistierten Suizids

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Die Direktorin des Wiener IMABE sprach beim Neujahrsempfang des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands in Berlin: Palliatives Mainstreaming und Sorgekultur brauchen Priorität vor der Ausweitung von Suizidassistenz

© DHPV_Ines Grabner

Die Legalisierung von Suizidbeihilfe und Tötung auf Verlangen in immer mehr europäischen Ländern bedroht die Qualität der Palliativversorgung und trifft besonders vulnerable Gruppen. Davor warnte die Wiener Ethikerin Susanne Kummer, Direktorin des Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), bei ihrer Keynote zum Neujahrsempfang des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands (DHPV) in Berlin Ende Januar. Vor zahlreichen Gästen aus Politik, Gesundheitswesen und Hospizarbeit analysierte sie die sozialethischen Folgen der aktuellen „Sterbehilfe"-Debatte.

Diskursverschiebung in Europa

Der Diskurs über das Lebensende habe sich spürbar verschoben, stellte Kummer fest. Rund 300 Millionen der etwa 450 Millionen EU-Bürger lebten inzwischen in Staaten, in denen assistierter Suizid erlaubt sei. Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit würden gesellschaftlich zunehmend verdrängt. Die Angst vor Kontroll-, Autonomie- und Würdeverlust präge den Suizidwunsch stärker als körperliche Schmerzen, zeigten Umfragen aus Österreich.

Hospizmitarbeitende fürchten Verdrängungseffekte

Die IMABE-Direktorin verwies auf zwei aktuelle Studien, die die Befürchtungen der Hospizbewegung empirisch belegen: Eine 2025 publizierte Umfrage unter 558 Hospizmitarbeitenden in Deutschland zeigt, dass viele große Sorge haben, die Beihilfe zum Suizid werde zu schnell als vermeintlich einfacher Ausweg gesehen. 40 Prozent der Befragten fürchten, dass suizidassistierte Angebote palliative Möglichkeiten verdrängen, bevor diese überhaupt ausgeschöpft wurden.

Die schleichende Altersdiskriminierung in der Debatte

Eine bevölkerungsrepräsentative deutsche Erhebung aus 2022 mit über 1.000 Befragten offenbart zudem eine bedenkliche Altersdiskriminierung: Während die Option des assistierten Suizids für gesunde junge Menschen in Lebenskrisen mit großer Mehrheit abgelehnt wird, stimmten immerhin zehn Prozent der Befragten zu, dass alten, gesunden Menschen ein Recht auf assistierten Suizid zustehen sollte. „Die Zustimmung fällt tendenziell höher aus, wenn es um ältere Menschen geht", analysierte Kummer.

Anhand von Daten aus der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Belgien und Kanada zeigte die Ethikerin dramatische Entwicklungen auf: In der Schweiz kommen zu den rund 1.000 „traditionellen" Suiziden pro Jahr mittlerweile 1.729 assistierte Suizide hinzu – hochgerechnet auf Deutschland würden das zusätzlich 17.000 Suizide bedeuten. In den Niederlanden werden täglich 27 Euthanasie-Fälle registriert, wobei sich die Indikationen kontinuierlich ausweiten.

Frauen stellen eine besondere Risikogruppe dar

Die Option der Suizidbeihilfe senke Hemmschwellen und werde besonders Frauen zu einer „Scheinlösung", wenn sich das Gefühl einstelle, anderen zur Last zu fallen, warnte Kummer. Besonders alarmierend: 70 bis 80 Prozent aller „Sterbehilfe"-Fälle in Europa betreffen Rentner und Hochaltrige. Zudem hat sich das Geschlechterverhältnis umgekehrt: Während bei „traditionellen" Suiziden 80 Prozent Männer betroffen sind, sind es beim assistierten Suizid 60 Prozent Frauen – was sie zu einer besonders vulnerablen, meist übersehenen Betroffenengruppe mache.

Ökonomischer Druck und „geriatrisches Syndrom"

Suizidentscheidungen seien zudem nicht rein individuell und das Umfeld nicht neutral, sondern politisch, sozial und ökonomisch mitbedingt, gab Kummer zu bedenken. Die höchste Suizidrate finde sich bei Menschen über 65 Jahren. In Belgien würden bereits 26 Prozent aller Euthanasie-Fälle unter der Indikation eines „geriatrischen Syndroms" erfasst – faktisch dem normalen Alterungsprozess. Dort habe sogar der Vorsitzende der größten Gesundheitskasse gefordert, Menschen, die im Alter „lebenssatt" seien, Zugang zur Sterbehilfe zu gewähren, und dies auch mit steigenden Gesundheitskosten begründet.

In Kanada wurden die Einsparungen durch „Medical Assistance in Dying" auf 150 Millionen kanadische Dollar pro Jahr beziffert. Eine aktuelle österreichische Erhebung aus 2025 zeigt: Bei den Gründen für den Wunsch nach assistiertem Suizid stehen nicht Schmerzen an erster Stelle, sondern psychosoziale Faktoren wie Angst vor Autonomieverlust (76 Prozent), Würdeverlust (63 Prozent) sowie Angst und Unsicherheit (66 Prozent).

Plädoyer für eine präzise Sprache

Kritik übte Kummer an einer leistungsorientierten Medizin, in der der Tod als Scheitern erscheine. Begriffe wie der „Kampf gegen den Krebs" verstärkten diese Sichtweise. „Hat man verloren, wenn man stirbt? Und ist ein würdiger Tod nur noch ein assistierter Suizid?", hinterfragte die Expertin.

Sie kritisierte die „schleichende Manipulation der Begriffe" in der öffentlichen Debatte: „Wenn wir aufhören, präzise zu sprechen, verlieren wir den gemeinsamen Zugang zur Realität." Sie plädierte für klare Begrifflichkeiten: „Den Tod absichtlich herbeizuführen ist keine Therapie. Therapie steht im Dienst des Lebens." Zudem stelle sich die Frage, wie Suizidprävention glaubwürdig bleiben könne, wenn zugleich assistierte Suizide ermöglicht würden, bemerkte die Wiener Ethikerin.

Relationale Autonomie: Wir sind aufeinander angewiesen

Dem setzte Kummer das Leitbild relationaler Autonomie entgegen. Menschen in existenziellen Krisen benötigten Beziehung, Gemeinschaft und verlässliche Begleitung. „Sorgekultur besteht darin, dass wir an den Grenzen des Lebens zueinander stehen. Menschliche Würde hängt nicht davon ab, wie unabhängig wir sind, sondern wie wir miteinander umgehen, wenn wir es nicht mehr sind", sagte die IMABE-Direktorin.

Ehemaliger SPD-Vorsitzender Münterfering definiert Sterbehilfe neu

Sie verwies zudem auf ein Wort des früheren deutschen Vizekanzlers und SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering: „Ich habe mindestens zweimal aktiv Sterbehilfe geleistet: bei meiner Mutter und bei meiner Frau. Hand gehalten, dabei gesessen, getröstet." Müntefering, der beim DHPV-Neujahrsempfang selbst anwesend war, hatte sich 2008 auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn aus allen Ämtern zurückgezogen, um seine an Krebs erkrankte Frau bis zu ihrem Tod 2009 zu pflegen. Er wurde für sein langjähriges Engagement für menschenwürdige Begleitung am Lebensende mit dem DHPV-Ehrenpreis ausgezeichnet.

Plädoyer für „palliatives Mainstreaming"

Als Gegenmittel forderte die Ethikerin ein verstärktes „palliatives Mainstreaming": „Gut ist ein Angebot dann, wenn die Menschen davon wissen." In den Köpfen der Menschen müsse ankommen, was Palliativmedizin und Hospizarbeit leisten können. Die Hospiz- und Palliativversorgung müssten strukturell, finanziell und gesellschaftlich gestärkt werden.

Kultur der Sorge statt Suizidnormalisierung

Die DHPV-Vorsitzende Susanne Kränzle dankte Kummer für ihren „aufrüttelnden und zugleich konstruktiven Impuls" und betonte die Notwendigkeit einer neuen „Kultur der Sorge" in einer alternden Gesellschaft. Sie forderte beim Neujahrsempfang die gesetzliche Verankerung, Stärkung und Strukturierung der Suizidprävention ein sowie die Weiterentwicklung des Hospiz- und Palliativgesetzes. Außerdem wolle man sich dafür einsetzen, „dass Suizidassistenz nicht zur Normalität oder gar zu einer als Pflicht empfundenen Option wird", so Kränzle. Sorge füreinander im Rahmen von „Caring Communities" sei keine Aufgabe weniger Fachkräfte, sondern eine Verantwortung aller.

Institut für Medizinische
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