Bioethik Aktuell

Bewerbung der „Pille danach“: IMABE fordert Transparenz über Wirkmechanismen

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Eine Plakatkampagne in den Wiener U-Bahnen bewirbt ellaOne® als rein verhütend. IMABE weist darauf hin, dass Wirkung und ethische Bewertung vom Einnahmezeitpunkt abhängen und fordert verständliche, vollständige Information.

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Eine aktuelle Plakatkampagne in den Wiener U-Bahnen, mit der das Notfallkontrazeptivum ellaOne® beworben wird, gibt aus Sicht von IMABE Anlass zu ethischer und verbraucherrechtlicher Diskussion. Der verwendete Slogan „Hilft, bevor man (frau?) schwanger wird“ erweckt den Eindruck einer ausschließlich verhütenden Wirkung. Nach Auffassung von IMABE bleibt dabei jedoch unklar, ob die tatsächliche und mögliche Wirkweise des Präparates für Anwenderinnen ausreichend transparent dargestellt wird.

In der offiziellen Gebrauchsinformation von ellaOne® wird als primärer Wirkmechanismus die Verschiebung bzw. Hemmung des Eisprungs genannt. Die Fachinformation weist darüber hinaus darauf hin, dass der enthaltene Wirkstoff Ulipristalacetat hochaffin an den Progesteronrezeptor bindet. Progesteron spielt eine zentrale Rolle sowohl bei der Vorbereitung der Gebärmutterschleimhaut auf eine mögliche Schwangerschaft als auch bei deren Aufrechterhaltung. Substanzen, die in diesen hormonellen Regelkreis eingreifen, können daher nicht nur den Eisprung beeinflussen, sondern auch Veränderungen des Endometriums bewirken. Unter bestimmten Bedingungen ist eine nidationshemmende Wirkung möglich, das heißt: die Einnistung gezeugten menschlichen Lebens in die Gebärmutterschleimhaut wird behindert (Frühabtreibung). 

Entscheidend ist zudem der Zeitpunkt der Einnahme im Menstruationszyklus. Wie IMABE bereits in früheren Publikationen dargelegt hat, hängt die Wirkung der sogenannten „Pille danach“ wesentlich davon ab, ob sie mehrere Tage vor dem Eisprung, unmittelbar davor oder erst danach eingenommen wird. Während in frühen Zyklusphasen eine ovulationshemmende Wirkung im Vordergrund steht, kann der Eisprung kurz davor nicht mehr zuverlässig verhindert werden. Für spätere Einnahmezeitpunkte wird in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert, ob zusätzliche Wirkmechanismen – etwa Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut – zur Wirksamkeit beitragen.

ellaOne® kann bis zu fünf Tage nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Da eine Befruchtung häufig bereits innerhalb der ersten Tage erfolgt, stellt sich aus wissenschaftlicher Sicht die Frage, wie die Wirksamkeit bei späterer Einnahme ausschließlich durch eine Verschiebung des Eisprungs erklärt werden kann. Studien zu selektiven Progesteronrezeptor-Modulatoren zeigen jedenfalls Veränderungen der endometrialen Rezeptivität und progesteronabhängiger Marker. 

Aus ethischer Perspektive ist diese Unterscheidung von zentraler Bedeutung. Es besteht ein moralisch gravierender Unterschied zwischen der Wirkung „Verhütung“ und „Frühabtreibung“. Eine informierte Entscheidung setzt daher voraus, dass auch diese in der Fachliteratur diskutierten Zusammenhänge verständlich kommuniziert werden.

IMABE sieht vor diesem Hintergrund sowohl Informationspflichten gegenüber Patientinnen als auch Anforderungen des Verbraucherschutzes berührt. Eine öffentliche Bewerbung in stark frequentierten Verkehrsmitteln – etwa in den Anlagen der Wiener Linien – sollte nach Ansicht des Instituts keine verkürzten oder missverständlichen Aussagen enthalten.

Die Patienteninformation von ellaOne® sollte in verständlicher Weise über die pharmakologische Wirkweise und deren mögliche frühabtreibenden Konsequenzen aufklären. Transparenz über Wirkmechanismen ist keine ideologische Frage, sondern eine Voraussetzung für medizinische Redlichkeit und selbstbestimmte Entscheidungen.

→ Zur Stellungnahme von IMABE zur Bewerbung von ellaOne® („Pille danach“) in den Wiener U-Bahnen (16.02.2026)

Institut für Medizinische
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