Bioethik Aktuell

Das Geschäft mit dem Kinderwunsch: Experten kritisieren mangelnde klinische Standards

Frauen sollen über Gesundheitsrisiken durch künstliche Befruchtung besser aufgeklärt werden

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US-Reproduktionsmediziner und Ethiker zeigen sich besorgt, dass der Bereich der sog. Reproduktionsmedizin zunehmend durch „externe Finanzinteressen industrialisiert und kommerzialisiert“ wird. In einem aktuellen im Journal of Assisted Reproduction and Genetics (https://doi.org/10.1007/s10815-022-02439-7, online 22 February 2022) publizierten Beitrag weisen die Autoren – u.a. der US-Reproduktionsmediziner Norbert Gleicher und der Bioethiker Arthur Caplan – auf die ethischen Probleme hin, die sich in der klinischen IVF-Praxis seit 2010 beobachten lassen und fordern eine offene Debatte.  

So würden den Frauen bzw. Paaren bei einer künstlichen Befruchtung eine wachsende Zahl von Zusatzangeboten („Add-Ons“) gemacht, obwohl diese keinen Nutzen bringen. Die Autoren nennen beispielsweise die Selektion von Embryonen nach deren genetischer Untersuchung (Präimplantationsdiagnostik, PID). Diese bringt nachweislich keine Verbesserung der Baby-Take-Home-Rate, ebenso wenig wie der sog. elektive Single-Embryo-Transfer (eSET). Mit umstrittenen Verfahren wie dem Social Egg Freezing würden bei Frauen falsche Hoffnungen auf ein Kind im hohen Alter geweckt. Der aggressive IVF-Markt habe dazu geführt, dass es weltweit zu einem Rückgang der Lebendgeburtenraten nach IVF gekommen ist, wie Gleicher, Direktor des Center of Human Reproduction in New York, bereits in früheren Studien zeigte (vgl. Bioethik aktuell, 7.10.2019). Die Baby-Take-Home-Rate sei heute auf den Stand der 1990er Jahre zurückgefallen.

Die Autoren stecken mehrere ethische Felder ab, die ihrer Ansicht nach eingehend diskutiert werden sollten, u.a. auch die Frage der im Zuge des IVF-Verfahrens „nahezu in industriellem Maßstab“ produzierten menschlichen Embryonen. In Israel sind beispielweise derzeit eine Million Embryonen tiefgefroren gelagert, manche von ihnen stammen noch aus den 1980er Jahren (vgl. Haaretz online, 7.4.2022). Angesichts dieser Größenmengen stelle sich die Frage, wie Embryonen selektiert oder behalten, kryokonserviert oder frisch transferiert "und/oder entsorgt werden können“. 

Der Trend zur immer späteren Familienplanung ist ein anhaltendes Phänomen: Europäische Frauen bekommen ihr erstes Kind im Schnitt mit 29 Jahren, in Österreich mit 29,7. Zugleich nehmen Fruchtbarkeitsprobleme im Alter zu - und damit auch die Zahl der IVF-Versuche bei Frauen ab 35 Jahren.

Frauen, die eine assistierte Reproduktionstechnologie in Betracht ziehen, sollten umfassend über die damit verbundenen Schwangerschafts- und Gefäßkomplikationen beraten werden. Sie sind einem höheren Risiko für derartige Komplikationen ausgesetzt als jene, die durch natürliche Empfängnis schwanger geworden sind, wie eine aktuelle Studie im Journal of the American Heart Association (2022; DOI: 10.1161/JAHA.121.022658) zeigt. 

Das Forscherteam um Pensée Wu, Dozentin an der britischen School of Medicine der Keele University, analysierte die Daten von über 34 Millionen Krankenhausgeburten, die es der US National Inpatient Sample Database entnahm, um Patientenmerkmale, Schwangerschaftsergebnisse und vaskuläre Komplikationen zu bewerten.

Die Analyse ergab, dass Frauen, die nach einer In-Vitro-Fertilisierung schwanger wurden, mehr als doppelt so häufig an Nierenversagen litten und ein um 65 Prozent höheres Risiko für einen unregelmäßigen Herzschlag hatten. Dieses Risiko bestand auch bei Frauen, die keinerlei Vorerkrankungen aufwiesen. Die Ergebnisse zeigten darüber hinaus, dass IVF-Schwangerschaften eher mit einer Plazentablösung (einer schwerwiegenden Erkrankung, bei der sich die Plazenta von der Innenseite der Gebärmutterwand zu lösen beginnt) sowie Kaiserschnitt- und Frühgeburten in Verbindung gebracht werden als nach einer natürlichen Empfängnis. Die Autoren empfehlen dringend, dass die Frauen rechtzeitig über die Risiken aufgeklärt werden sollten, die mit einer künstlichen Befruchtung einhergehen.

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