Manche – und das muss man auch ernst nehmen – leiden moralisch unter dem Konsum, weil er nicht ihren Werten entspricht. Ich finde zudem kritisch, dass Pornos eine eher fragliche Rolle der Frau vermitteln. Es ist häufig stereotyp. Die Frau ist eine Art passive Wunsch-Erfüllerin und wird nicht selten auf Verfügbarkeit reduziert und als Objekt männlicher Bedürfnisse dargestellt. Das kann Auswirkungen haben auf Vorstellungen von Intimität, Rollen und Erwartungen in Beziehungen.
Woran erkennen Betroffene, dass sie süchtig sind und sich Hilfe suchen sollten?
Hilfe braucht jemand dann, wenn er oder sie merkt: Ich bin nicht mehr frei. Ich will es gar nicht und tue es trotzdem immer wieder. Ich habe schon öfter versucht aufzuhören und es klappt nicht. Ich verliere immer mehr Zeit damit. Mein Tages- und Nacht-Rhythmus geraten aus dem Gleichgewicht. Andere wichtige Dinge wie der Job oder das Studium bleiben auf der Strecke. Meine Beziehung leidet darunter, mein Sexleben ist beeinträchtigt, auch meine Partnerin oder mein Partner leidet unter der Situation. Ich fange an zu lügen, um den Konsum zu verheimlichen. Eine Sucht ist es dann, wenn eine Person die Kontrolle verliert, immer weiter konsumiert trotz negativer Folgen und wichtige Lebensbereiche vernachlässigt. Ein weiteres Merkmal kann die Toleranzentwicklung sein: Inhalte müssen intensiver, neuartiger oder stärker stimulierend werden, um denselben Effekt zu erzielen. In meiner Erfahrung zeigt sich häufig, dass Betroffene im Suchtverlauf Schwellen überschreiten und Inhalte aufsuchen, die sie früher nicht konsumiert hätten. Das geht häufig mit Scham, Selbstabwertung und in manchen Fällen auch mit starkem Selbsthass einher.
Worunter leiden Menschen, die zu Ihnen in die Praxis kommen, konkret?
Sehr oft kommen die Menschen zu mir, weil ihr Konsum so viel Zeit einnimmt, dass andere Dinge auf der Strecke bleiben. Viele leiden außerdem darunter, dass ihr Verhalten im Widerspruch zu ihren eigenen Überzeugungen und Werten steht.
Zur Pornosucht kann eine gewisse Inszenierung gehören. Bei manchen Betroffenen ist der Konsum mit einem aufwendigen Suchen und Auswählen von Inhalten verbunden, das viel Zeit in Anspruch nimmt. Man zieht sich zurück und sucht gezielt nach passenden Inhalten – es ist dann nichts, was man schnell nebenbei tut. Ich vergleiche es oft mit der Kaufsucht, wo auch stundenlang nach Schnäppchen gesucht und Preise verglichen werden. Dieser Zeitverlust ist häufig der Grund, warum sich Menschen entscheiden, Hilfe zu suchen.
Bei der Porno-Sucht fällt es Betroffenen außerdem doppelt schwer, sich Hilfe zu suchen. Es kommen nämlich zwei Dinge zusammen: Das Schamgefühl der Sucht, die Kontrolle über das eigene Handeln zu verlieren. Und das Schamgefühl der Sexualität. Das Thema ist unglaublich intim und persönlich.
Als Therapeut muss man sich dann auf eine Suche begeben. Es geht oft gar nicht unbedingt um Sex. Das Porno-Schauen erfüllt eher eine gewisse Funktion. Es geht darum, einen Persönlichkeitsanteil auszuleben, der im Alltag zu kurz kommt. Ich hatte zum Beispiel einen Patienten mit einer sehr dominanten Frau. Er durfte fast nichts selbst entscheiden. Er hat immer wieder heimlich neue Telefone und SIM-Karten gekauft und auf Kontaktseiten im Internet Frauen angerufen. Es war sein Versuch, selbst ein wenig Dominanz zu leben. Andere kontrollieren sich im Alltag so stark, dass sie einen Weg suchen, sich auch einmal fallen lassen zu können. Wieder andere haben im realen Leben Bindungsängste, Schwierigkeiten mit Nähe oder trauen sich nicht, aktiv auf andere zuzugehen.
Wie stehen denn die Heilungschancen und was hilft Menschen konkret aus der Sucht heraus?
Bei Präventions-Workshops mit Schülern habe ich früher gerne das Bild einer Klaviertastatur benutzt: Wer süchtig ist, spielt immer nur auf einer einzigen Taste. Gesund wäre es aber, mit möglichst vielen Tasten zu spielen – also Zugang zu vielen unterschiedlichen Erfahrungen, Aktivitäten und Beziehungen zu haben, die das Leben bereichern und lebendig machen. Bei Suchterkrankungen verlernen Menschen flexibel auf Herausforderungen wie Stress, Frust, Einsamkeit oder innere Leere zu reagieren – und drücken immer wieder diese eine Taste, das Suchtmittel. Gesunde Menschen haben dagegen eine Reihe von Strategien: Mit Freunden sprechen, Musik hören, ein Bad nehmen, einem Hobby nachgehen… Je verschiedener die Wege, desto besser. Es geht allerdings auch darum die Gefühle zu spüren, Spannungen auszuhalten und trotzdem handlungsfähig zu bleiben und nach einer Lösung zu suchen.
Die Fähigkeit zur Selbstregulation entwickelt sich in der Kindheit und Jugend. Umso wichtiger ist es, dass wir öffentlich stärker über Kinder und Social Media sprechen. Digitale Medien werden im Alltag oft auch zur Beruhigung und Ruhigstellung eingesetzt – das kann langfristig die Entwicklung dieser Fähigkeit beeinträchtigen. Kinder lernen dann weniger, mit eigenen Gefühlen, die von innen kommen und mit unvorhergesehenen Situationen, die von außen kommen, umzugehen.
In der Therapie geht es darum, kritische Momente und Auslöser zu erkennen und entsprechende Strategien zu entwickeln. Die Patienten lernen, sich selbst besser zu verstehen. Wenn jemand ein gutes Umfeld hat und keine anderen psychischen Erkrankungen, dann hat er oder sie gute Heilungschancen. Wenn eine Sucht einmal voll ausgeprägt war, bleibt in diesem Bereich allerdings oft eine erhöhte Verletzlichkeit bestehen. Viele Betroffene berichten von einer erhöhten Rückfallanfälligkeit, weshalb langfristige Strategien im Umgang mit innerem Druck und Auslösern wichtig sind. Zu einem kontrollierten, gemäßigten Konsum zurückzukehren, halte ich in diesem Fall für sehr schwierig – für viele erweist sich daher Abstinenz als langfristig besserer Weg.
Seit der Erfindung von KI sind pornografische Bilder nicht mehr nur an „echte“ Aufnahmen geknüpft, sondern können per Prompt generiert werden. Werden Ihrer Meinung nach viele Menschen auf KI-Pornos umsteigen? Was birgt das für Gefahren?
Letztens kam einmal jemand mit einem besonderen Fetisch, für den er sich per KI eine entsprechende Optik erstellt hat. Aber mir ist das insgesamt noch nicht so oft untergekommen. Das ist ja alles noch relativ neu. Vieles spricht dafür, dass KI-Anwendungen in diesem Bereich suchtfördernd wirken können. Aber es besteht hier noch erheblicher Forschungsbedarf. Plausibel ist es einerseits, weil solche Inhalte – ähnlich wie bei Social Media – stark personalisiert sind. Und andererseits wegen der interaktiven Komponente. Nutzer erleben, wie ihre eigenen Fantasien unmittelbar umgesetzt und materialisiert werden.
Online gibt es Bewegungen wie NoFap oder Pornfree, die einen vollständigen Verzicht propagieren. „Porn kills love“ lautet der Slogan von „Fight the new drug“. Was halten Sie von solchen Ansätzen?
Ich könnte mir vorstellen, dass das Menschen motiviert und hilft, sich fernzuhalten. Das ist positiv. Ich frage mich allerdings auch, ob nicht die Gefahr einer gewissen Fokussierung besteht. Wenn ich zum Beispiel sage: Denke nicht an einen rosa Elefanten – dann denkt man erst recht an einen rosa Elefanten. Für manche könnten solche Trends einen ähnlichen Effekt haben, indem sie sich nur auf den Verzicht konzentrieren und bei Rückfällen in Frust, Scham oder sogar Selbsthass verfallen. Das ist nicht gesund und auch nicht hilfreich. Was mir hier wichtig wäre, ist eine positive Perspektive: also nicht nur, wovon man wegwill, sondern wofür man eigentlich leben möchte. Dieser Blick auf alternative, erfüllendere Wege ist aus meiner Sicht oft hilfreicher.
Schätzungen zu Folge kommen ein Drittel der Unter-12-Jährigen bereits oft ungewollt mit Pornografie in Kontakt. Was raten Sie Eltern, damit Kinder und Jugendliche sich trauen, darüber zu sprechen? Gibt es da ausreichenden Jugendschutz?
Das stimmt. Und das ist eine Entwicklung, die man sehr ernst nehmen muss. Nein, unser Jugendschutz ist derzeit nicht ausreichend. Die technologischen Altersbegrenzungen sind durchlässig. Es ist zu leicht, an Inhalte zu kommen. Aber das schlimme ist ja, dass viele Kinder ungewollt damit in Berührung kommen. Sie sind dann häufig verwirrt, fasziniert, geekelt, erregt und oft einfach überfordert, weil sie etwas sehen, das sie nicht in ihr bisheriges Erleben einordnen können. Für Eltern ist es wichtig, zu vermitteln „Ich bin da für dich“ und auf die Gefühle des Kindes einzugehen. Schimpfen ist die falsche Reaktion. Man kann dem Kind vermitteln, dass solche Bilder und Videos nicht der Realität entsprechen. Es ist wichtig, offen über Sex zu reden und nicht erst, wenn so etwas passiert. Kinder müssen wissen, dass sie mit allem kommen können. Das klingt nach banalen Schlagworten, aber das ist ganz wichtig.
Bei der Diagnose von psychischen Krankheiten stützen sich Psychologen auf Standardwerke, die psychische Krankheiten versuchen zu klassifizieren. In der jüngsten Auflage des ICD-11 wurde nun erstmals 2022 ‚Zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung‘ (Compulsive Sexual Behaviour Disorder) aufgenommen. Darunter könnte problematischer Pornokonsum fallen. Ein Fortschritt?
Tatsächlich ist das Krankheitsbild dadurch gut abgebildet – und auch anerkannt. Ich würde mir allerdings wünschen, dass das Suchtpotenzial von Pornografie noch mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein dringt. Wir müssen mehr darüber sprechen. Nicht nur über die Sucht, sondern auch über mögliche problematische Aspekte von Pornografie - etwa unrealistische Erwartungen, Belastung für Beziehungen oder einseitige Rollenbilder. Aber ich nehme da immer noch eine Zurückhaltung war – vermutlich auch deshalb, weil es als Privatsache eingestuft wird, das Thema als moralisch aufgeladen gilt und man vermeiden möchte moralisierend zu sein. Den letzten Punkt sehe ich aber durchaus kritisch. Denn die Sorge davor zu moralisieren, sollte nicht dazu führen, dass wichtige Fragen gar nicht mehr diskutiert werden.
Das Gespräch führte IMABE-Redakteurin Marie Kinsky.