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Spiritual Care: Patienten wollen existentielle Themen besprechen – aber nicht mit jedem

Eine spirituelle Begleitung von Patienten ist wesentlich für eine personenzentrierte Medizin

Lesezeit: 02:43 Minuten

Spiritualität ist eine wichtige Ressource für Menschen, die aufgrund einer schweren Erkrankung mit existenziellen und emotionalen Nöten oder einer Sinnkrise konfrontiert sind. Seelsorger, Ärzte und Pflegende müssen bereit sein, diese Themen anzusprechen. Patienten wollen auch darüber reden – aber mit wem?

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Patienten sind prinzipiell aufgeschlossen, bei einem Krankenhausaufenthalt auf das Thema Spiritualität angesprochen zu werden. Sie erwarten vom Gesundheitspersonal, dass sie spirituelle Bedürfnisse erkennen und entsprechende Hilfen anbieten. Seelsorger (32,9 Prozent) waren die bevorzugten Gesprächspartner für spirituelle Fragen, gefolgt von Ärzten (22,4 Prozent). Qualitative Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Persönlichkeit ebenfalls eine große Rolle spielt, um von Patienten als kompetenter Gesprächspartner über tiefe Lebensfragen wahrgenommen zu werden. Das geht aus einer australischen Studie hervor, die im Journal of Religion and Health (2023 https://doi.org/10.1007/s10943-023-01767-x) # publiziert wurde.

26 Prozent der Befragten waren ohne religiöses Bekenntnis

In einer Querschnittsumfrage befragte das Team um die Palliativmedizinerin und Ethikerin Megan Best (University of Notre Dame/Sydney) 897 stationären Patienten in sechs Krankenhäusern in Sydney/Australien, wovon fünf unter katholischer Trägerschaft waren. 30 Prozent der befragten Patienten bezeichnete sich als „weder spirituell noch religiös“, 16,4 Prozent als „spirituell, aber nicht religiös“ und 35,9 Prozent als „spirituell und religiös“. Die Mehrheit der Patienten gehörte nominell einer christlichen Konfession an, 26 Prozent waren ohne religiöses Bekenntnis.

Seelsorger gelten als kompetent, Vertrauen spielt eine große Rolle

Mit Seelsorgern wollen Patienten wegen deren Fachkompetenz in Sachen Spiritualität gerne sprechen. Darüber hinaus war aber auch die Persönlichkeit der Krankenhausmitarbeiter ein entscheidendes Kriterium, um existenzielle Fragen anzusprechen. Als die am besten geeignete Gesprächspartner beschrieben Patienten einfühlsame Mitarbeiter, die gute Zuhörer waren, sich authentisch um die Patienten kümmerten und dafür sorgten, dass diese sich wohl fühlten. In dieser Atmosphäre ergaben sich zwanglos tiefere Gespräche. 

Auch Familie und Freunde gelten als wichtige Ansprechpartner für existentielle Fragen

Einige Patienten waren angenehm überrascht darüber, eine spirituelle Betreuung zu erhalten. Sie schätzten das Angebot, selbst wenn sie nicht explizit danach gefragt hatten. Nur eine kleine Minderheit der Patienten gab an, im Spital nicht zu spirituellen Themen befragt werden zu wollen – meist deshalb, weil sie anderweitig eine spirituelle Unterstützung bekamen und daher und nicht vom Gesundheitspersonal nach ihrer Spiritualität gefragt werden wollten. Auch Familie und Freunde oder andere Gemeindemitglieder wurden als wichtige Ansprechpartner für existenzielle Themen genannt.

Gesundheitspersonal muss in spiritueller Betreuung geschult werden 

Bei Krebskranken besteht eine hohe Erwartung, dass der Arzt ein Gespräch über die spirituellen Ressourcen sowie Werte- und Lebenshaltungen des Patienten initiiert. Erst der Vertrauensaufbau und eine engere Beziehung ermöglichen eine personalisierte, ganzheitliche Betreuung im Einklang mit den Werten des Patienten anzubieten, so die Studienautoren. Dafür ist es nötig, dass das Gesundheitspersonal im Bereich Spiritualität besser geschult wird. Eine „mangelnde Ausbildung in spiritueller Betreuung“ stelle ein „schwerwiegendes Hindernis für die Bereitstellung von spiritueller Betreuung im Gesundheitswesen“ dar.

Frühere Studien hatten gezeigt, dass die Entwicklung der Sensibilität des Personals für die eigene Spiritualität der wichtigste Schritt bei der Entwicklung von Fähigkeiten zur spirituellen Betreuung anderer ist. Bei der spirituellen Betreuung gehe es nicht nur darum, die „richtigen“ Fragen zu stellen, sondern auch darum, zuzuhören, präsent und verfügbar zu sein – frei von Vorurteilen gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Mit Kommunikationsschulungen können Mitarbeiter darüber hinaus ihre Unsicherheit bei Gesprächen über Spiritualität überwinden, so die Studienautoren.

Institut für Medizinische
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