In schwarz-weiß wirken die Seniorenportraits, die noch bis 30. September den Gang des Alten- und Pflegeheims Barmherzige Brüder in Kritzendorf zieren, besonders stark. Für die Ausstellung „Wir sind noch da!“ haben sich 32 Bewohnerinnen des Heims ablichten lassen. Jeweils mit einem ernsten und einem heiteren Foto. Das schüttere Haar, die tiefen Falten und vor allem die Gesichtsausdrücke zeugen davon, dass das Leben Spuren hinterlässt.
Die Psychosozialberaterin Bärbel Klepp, die seit fünf Jahren gezielte „Biografie-Arbeit“ im Haus macht, hat zu jeder der Frauen eine kleine Lebensgeschichte verfasst. Dass sich junge Menschen für die Geschichten alter Menschen begeistern, zeigt sich derzeit auch anderswo: auf TikTok, wo manche Videos davon Millionen Aufrufe sammeln.
Gemeinsam die Geschichte der Menschen entdecken
Biografie-Arbeit ist fixer Bestandteil des Pflegekonzepts: Mitarbeitende sollen die persönliche Geschichte ihrer Bewohner kennen und dokumentieren, um ihre individuellen Bedürfnisse in der Pflege zu berücksichtigen. In der Praxis stellen Personalmangel und Zeitdruck nicht selten eine Herausforderung dar.
Im Pflegeheim in Kritzendorf hat Bärbel Klepp bei einem Praktikum vor einigen Jahren den Auftrag von der Heimleitung bekommen, sich einmal ausschließlich dieser Aufgabe zu widmen. „Es ist mir wichtig zu sagen, dass Biografie-Arbeit, wenn man sie richtig machen möchte, echte und wertvolle Arbeit ist. Man muss sich Zeit nehmen und zuhören. Da darf es unter Kollegen dann nicht heißen, die sitzt nur beim Patienten am Bett, während wir pflegen“, erklärt Klepp im IMABE-Gespräch. Die Heimbewohner fassten im Einzelgespräch mit ihr bald Vertrauen und öffneten sich. „Was? Das hat sie dir erzählt? Das haben wir ja gar nicht gewusst!“, habe sie oft von Kolleginnen gehört, wenn sie seitenlange Lebensgeschichten dokumentierte.
Fotoshooting im Seniorenheim
Die Idee, daraus ein Projekt zu machen, entstand gemeinsam mit der Fotografin Miriam Mehlman. „Alte Frauen verschwinden von unseren Fotos“, sagt sie. „Sie wollen oft nicht mehr fotografiert werden.“ Mit „Wir sind noch da!“ wollten die beiden Frauen stereotype Vorstellungen vom Alter brechen. Im Heim wurde dafür ein Zimmer provisorisch zum Fotostudio umfunktioniert. „Es war so lustig zu sehen, wie die Damen sich schick gemacht haben. Manche sind extra zum Friseur gegangen“, erzählt Klepp. Für die schriftlichen Porträts nahm sich die Psychosozialberaterin für jede Bewohnerin vier Stunden Zeit.
„Wir müssen das Thema Altern und Sterben als Gesellschaft besser integrieren“
Vor fünf Jahren arbeitete die heute 56-jährige Klepp noch in einer Top-Position als Veterinärmedizinerin in der Pharmabranche – „todunglücklich“, wie sie sagt. Die Zeit im Altenheim in Kritzendorf habe sie verändert. Sie hat nun einen Master in Palliativpflege begonnen. In der Begleitung von Menschen in hohem Alter und lebensverändernden Diagnosen hat sie ihre Berufung gefunden: „Wir müssen das Thema Altern und Sterben als Gesellschaft besser integrieren. Den Tod Teil des Lebens sein lassen.“
Zahlen, die zum Nachdenken zwingen
Der Blick auf die demografische Entwicklung macht deutlich, dass es einen kulturellen Wandel im Umgang mit älteren Menschen braucht. Bereits heute gilt jeder fünfte Mensch in Österreich als Senior (Ü65), bis 2080 soll der Anteil auf 30 Prozent ansteigen (Statistik Austria, 2025). Sichtbar wird das im öffentlichen Bild trotzdem selten – vor allem alte Frauen nicht: Laut einer Caritas-Studie fühlen sich 31 Prozent der Über-65-Jährigen in Österreich häufig einsam, deutlich mehr als der Bevölkerungsdurchschnitt von 20 Prozent. Studien zur Biografie-Arbeit in der Pflege zeigen zugleich, was helfen kann: Wo ich das Verständnis des Personals für Bewohnende vertieft, verbessert sich die Beziehungsqualität und die personenzentrierte Planung (Vorlieben, Wünsche, Gewohnheiten) wird konkret unterstützt.
Junge Pflegende auf TikTok mit Oma, „Granfluencer“
Ein neues Phänomen im Umgang mit Älteren erreicht junge Menschen in den sozialen Medien. „Granfluencer“ nennen sich Ü-65-Jährige, die mit ihrem Content – oft in Zusammenarbeit mit ihren Enkeln – mit Millionen von Followern viral gehen. Immer häufiger zeigen sich zudem auch junge Menschen, die ihre Großeltern pflegen, sogenannte „Young Carers“. Auf dem Account des Deutschen Luis Lazar Timm verfolgen über 150.000 Menschen, wie er bei seiner Oma (80) eingezogen ist, und sie mit veganer Küche und Körperübungen wieder fit macht. Der Hashtag #dementiacaregiver hat auf TikTok über 4 Milliarden Views gesammelt. Die Online-Community ist geprägt von Nähe und Humor, gleichzeitig tauschen sich junge Menschen auch über die Herausforderungen aus, die die Pflege daheim mit sich bringt. Sie tragen zur wachsenden Sichtbarkeit alter Menschen auf vorwiegend von jungen Menschen genutzten soziale Medien bei.
Alte Menschen: Schatz oder Kostenfaktor
Die eigentliche Herausforderung ist keine demografische, sondern eine kulturelle. Eine Gesellschaft, die ältere Menschen vor allem als Belastung darstellt, wertet ab, was sie als Schatz begreifen müsste: gelebte Erfahrung, Widerstandskraft, Geschichte, die sonst verloren geht. Welche Folgen Altersdiskriminierung mit sich bringen kann, zeigt sich bis in die „Sterbehilfe-Debatte“ in den Niederlanden und in Belgien. Dort wird in Teilen der Politik ein allgemeines Recht auf „Sterbehilfe ab 75 Jahren“ gefordert – vorwiegend aus ökonomischen Gründen. (Bioethik aktuell, 24.4.2024) Mit Blick auf die alterende Gesellschaft ist es wichtig, alte Menschen nicht auf einen Kostenfaktor zu reduzieren, sondern ihnen menschliche Zuwendung zu schenken und ein trotz Schwäche und Abhängigkeit würdiges Lebensende zu ermöglichen.
In Kritzendorf erleben das gerade 32 Frauen ganz konkret. „Das ist das Schönste, was mir je passiert ist“, rief eine der Bewohnerinnen aus, als sie ihre eigene Lebensgeschichte vorgelesen bekam. Der Weg dahin war einfach: Es braucht nur jemanden, der sich die Zeit nahm, hinzuhören.