Editorial

Imago Hominis (2023); 30(2): 071-073
E. H. Prat

Der Transhumanismus ist heute eine globale, wenn auch uneinheitliche Bewegung, die den Menschen mithilfe von Wissenschaft, Medizin und Technik ‚optimieren‘ will. Die Versuchung „wie Gott zu werden“ (Genesis 3,6) ist so alt wie die Menschheit selbst. Diese Bestrebung läßt sich von der antiken Alchemie, die auf der Suche nach dem „Stein der Weisen“ war, bis heute zurückverfolgen. Bei Dante Alighieris (1265-1321) „Göttlicher Komödie“ wird der Begriff „transhuman“ geprägt (die menschliche Natur übersteigend). Bei René Descartes (1596-1650) taucht der Gedanke in seinem Diskurs über die Methode (1637) auf, in dem er eine neue Art von Medizin vorstellt, die sowohl körperliche Unsterblichkeit als auch einen stärkeren Geist gewährleisten könnte. Als weitere Vorläufer des Transhumanismus werden von den aktuellen Vetretern des Transhumanismus unter anderen Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Julian Huxley (1887-1975) angesehen.

Transhumanismusforschung wird derzeit stark vom Silicon Valley betrieben und gefördert. Es werden unglaublich große finanzielle Ressourcen in die Realisierung von Techno-Utopien investiert. Durch Technik soll das Mangelwesen Mensch repariert und gleichsam leiblich wie geistig (‘Mind-Uploading’) durch die Verschmelzung von Mensch und Maschine optimiert werden. Techno-Utopisten sehen im Entstehen von Cyborgs (cybernetic organisms) die nächste Stufe der Evolution. Derzeit spricht man bereits von der Epoche des Posthumanismus (‚nach dem Menschen‘), die eintritt, sobald dank der zukünftige Technik ein neues, qualitativ höheres Wesen entsteht, das den Menschen ersetzt. Philosophen, aber auch Neurologen und Psychiater verweisen nachdrücklich auf die Widersprüchlickeit und Unhaltbarkeit dieser Gedankenrichtungen.

Im Oktober 2022 fanden an der Universität Salzburg die 3. Salzburger Bioethik-Dialoge statt, diesmal zum Thema „Wunschmedizin“. IMABE durfte die Tagung wissenschaftlich beraten und begleiten. Wir freuen uns, in der vorliegenden Ausgabe von Imago Hominis einige der Vorträge zur vertiefenden Lektüre zu veröffentlichen.

Die Argumentation dieser Beiträge begründet aus verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln die Botschaft: Transhumanismus und Posthumanismus bewegen sich im Bereich des Utopischen und werden, wie die Autoren dieser Ausgabe zeigen, auch Utopien bleiben. Allerdings fordern sie eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlagen unseres Verständnisses von Mensch, Welt, Technik und Medizin.

Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs (Karl Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg) zeigt, dass jede vermeintliche Verbesserung die evolutionär herausgebildeten Proportionen der menschlichen Vermögen aus dem Gleichgewicht bringt, wie sich an verschiedenen Beispielen des ‘Enhancement’ zeigt. Die Idee einer Neugestaltung der biologischen Natur des Menschen sei daher auch grundsätzlich in sich widersprüchlich. Denn die Vorstellungen vom Guten oder ‚Optimalen‘, dem diese Umgestaltung letztlich dienen soll, sind ohne die verkörperte Naturbasis nicht mehr sinnvoll formulierbar.

Der Philosoph Thomas Sören Hoffmann (Institut für Philosophie der Fernuniversität Hagen) führt aus, dass das Ziel, den Menschen zu ‚verbessern‘, über viele Jahrhunderte als Aufgabe von Religion, Kunst, Philosophie, Pädagogik und Aufklärung angesehen worden ist. Erst in neuerer Zeit sollen rein technische Mittel eine ‚Perfektionierung‘, wenn nicht eine ‚Überwindung‘ des bisherigen Menschen ermöglichen. Es sei jedoch leicht zu zeigen, dass entsprechende Zielsetzungen auf eine tief sitzende Störung im Selbst- und Weltverhältnis verweisen, die als Ausdruck einer akuten Dehumanisierung des Denkens und Handelns verstanden werden muss. Die Therapie und Alternative dazu kann nur in der Erinnerung an das gefunden werden, worin die eigentliche Lebensfülle für den Menschen als Vernunft- und Freiheitswesen besteht.

Technik ist Lebensform: Sie ist Medium unseres Umgangs mit der Wirklichkeit und führt zu einer veränderten Selbst- und Weltwahrnehmung, anaylsiert der Zürcher Philosoph Oliver Dürr (Zentrum Glaube & Gesellschaft der Universität Fribourg und Habilitand am Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie an der Universität Zürich). Heute werde der Mensch auf eine Art Körpermaschine oder defizitäre Rechenmaschine reduziert. Doch weder könnten Geistvollzüge durch Algorithmen ersetzt werden, noch sei es Aufgabe der Medizin, ein grundsätzlich als ‚pathologisch‘ definiertes Leben zu optimieren. Eine Verquickung von Digitalisierung mit einem reduktiven Welt- und Menschenbild sieht Dürr problematisch.

Der Facharzt für plastische und rekonstruktive Chirurgie, Oskar C. Aszmann (Klinisches Labor für Bionische Extremitätenrekonstruktion, Medizinische Universität Wien) beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit bionischen Rekonstruktionen. Der Verlust einer Hand oder eines Fußes soll mit technologischen Hilfsmitteln bestmöglich wiederhergestellt werden, bis hin zur Steuerung der Prothese durch das Gehirn und der Entwicklung von Sensorik. In der Praxis werden jedoch die Schwierigkeiten offensichtlich, die die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine mit sich bringt. Zwar sind die physikalischen oder chemischen Größen biologischer Systeme prinzipiell auch im technologischen Umfeld nutzbar, aber eben nur sehr limitiert. Aszmann zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der biotechnologischen Schnittstellen auf und warum die Vorstellung, dass wir in naher Zukunft Cyborgs hervorbringen werden, utopisch ist.

Paul Cullen (Facharzt für Laboratormedizin im Bereich Innere Medizin, Westfälische Wilhelms-Universität [WWU], Münster) schreibt in seinem Beitrag über die Fortschritte der gentechnischen Modifikation am Menschen der letzten 20 Jahre, aber er spricht auch die Risiken an. Als das menschliche Erbgut 2000 entschlüsselt wurde, stellte man sich vor, nicht nur seltene Erbkrankheiten wie die Sichelzellanämie, sondern auch komplexe Erkrankungen mit einer Erbkomponente, wie Diabetes mittels Gentherapie bald heilen zu können. Zwanzig Jahre später ist Ernüchterung eingetreten: Derzeit gibt es nur eine Handvoll solcher Therapien, die alle für seltene Erkrankungen gedacht und sehr teuer sind. Cullen behauptet, dass der Versuch, Menschen nach Erbkriterien auszuwählen oder zu ‚verbessern‘ nicht nur ethisch fragwürdig, sondern technisch zweifelhaft ist.

Mit der Frage nach dem moralischen Status der sog. synthetischen Embryonen beschäftigt sich die Wiener Biologin Margit Spatzenegger. Aus philosophischer Perspektive gäbe es gute Gründe dafür, einem menschlichen Embryo, der künstlich aus reprogrammierten Stammzellen entstanden ist, denselben Schutz zukommen zu lassen wie jedem anderen menschlichen Embryo. Eine Verzweckung menschlicher synthetischer Embryonen für die Forschung sollte durch ethische Regularien verhindert werden.

Enrique H. Prat

Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
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