Laudatio zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Gottfried Roth gehalten am 8. Jänner 2003 im Katholischen Akademikerverband

Imago Hominis (2003); 10(1): 11-13
Johannes Bonelli

Lieber Professor Roth, sehr geehrte Festgäste!

Vor einigen Wochen habe ich die verehrte Frau Gemahlin unseres Jubilars mit der Bitte um ein paar Daten über Ihren Mann angerufen, denn ich sei derjenige, der die Ehre hat, die Laudatio zu seinem 75. Geburtstag zu halten. „Na da haben sie aber meinem Mann jetzt ein Kompliment gemacht“, hat Frau Roth geantwortet. „Es ist natürlich der 80. Geburtstag.“

Und da ist mir sogleich bewusst geworden, dass wir es hier mit einem 80-iger zu tun haben, der sich noch ganz und gar nicht in den wohlverdienten Ruhestand abgemeldet hat, sondern der nach wie vor auf seine bescheidene Art inmitten der medizinisch-ethischen Auseinandersetzung unserer Tage präsent ist und aktiv an ihr teilnimmt. Erst vor kurzem hat Professor Roth in unserer Zeitschrift Imago Hominis seine Analyse über das Thema der künstlichen Ernährung am Ende des Lebens publiziert, ein Problem zu dem Kardinal Ratzinger erst kürzlich die Ärzteschaft aufgerufen hat, sich damit eingehend zu beschäftigen.

Professor Roth wurde am 7. Jänner 1923 in Retz geboren. Er besuchte dort die Volksschule, dann zogen aber die Eltern nach Hollabrunn, um den vier Söhnen den Besuch des humanistischen Gymnasiums zu ermöglichen bzw. zu erleichtern. Nach der Matura im Jahre 1941 hat Professor Roth zunächst zwei Semester Chemie in Wien studiert, musste dann aber im II. Weltkrieg als Sanitäter einrücken, was ihn letztlich seine Liebe zur Medizin entdecken ließ. Nach Kriegsende begann Professor Roth das Medizinstudium in Innsbruck.

Bereits in diesen ersten Studiensemestern hat sich Professor Roth dem Kreis Medizin und Theologie angeschlossen – dem übrigens auch der jetzige Kardinal König angehört hat – dieses Thema sollte ihn nie wieder loslassen.

In der ersten Nachkriegsnummer von „Arzt und Christ" ist ein Artikel mit dem Titel „Christliche Medizin" von einem gewissen cand.med. Gottfried Roth zu finden, in dem dieser unter anderem schreibt: „Seit Jahrhunderten entwickelt sich die Medizin neben Theologie und Philosophie. Aber Medizin enthält immer Philosophie und Theologie, weil sie notwendig ein Menschenbild braucht, insofern sie ärztliches Handeln anstrebt (…): Vom Menschenbild ist das ärztliche Handeln abhängig wie auch die Art ärztlicher Hilfe, die der Patient verlangt.“

Mir scheint, hier hat der junge Medizinstudent gleichsam das Programm seines Berufslebens bereits festgelegt.

Professor Roth hat das zweite und dritte Rigorosum bereits in Wien abgelegt und 1952 sein Studium beendet. In dieser Zeit hat er neben seiner Mitarbeit bei „Arzt und Christ" als Herausgeber der Blätter der Katholischen Hochschuljugend auch erste redaktionelle Erfahrungen gesammelt.

Nach seiner Promotion hat Professor Roth eine umfassende und fundierte Ausbildung in den Fachgebieten Neurologie und Psychiatrie am Rosenhügel bei Professor Dal Bianco und an den Universitäten in Bern (Prof. Klesi), Innsbruck und Wien erhalten.

In diese Anfangszeit fällt auch die erste medizinische Publikation 1954 mit dem Titel „Zum Begriff des Unbewussten“ in der Wiener Zeitschrift für Psychiatrie und Psychotherapie. Es sollten in der Folge über 200 Publikationen aus den Fachgebieten Neurologie und Psychiatrie, der Medizin, der Pastoralmedizin und der ärztlichen Ethik in in- und ausländischen Fachzeitschriften folgen.

Bereits 1955 übernahm Professor Roth die Hauptschriftleitung der Viertel-Jahresschrift für medizinisch-ethische Grundsatzfragen „Arzt und Christ", das offizielle Mitteilungsblatt der Katholischen Ärztegilde Österreichs, deren Mitbegründer und langjähriger Präsident Professor Roth war.

1971 trat Professor Roth die Nachfolge von Professor Niedermeier und Dal Bianco an und wurde Universitätslektor für Pastoralmedizin an der kath.-theologischen Fakultät der Universität Wien. 1977 wurde er Dozent für Pastoralmedizin an der philosophisch-theologischen Hochschule Heiligenkreuz und 1979 an der philosophisch-theologischen Hochschule St. Pölten, wo er überall regelmäßig Vorlesungen hielt.

Professor Roth ist auch ordentliches Mitglied der Wiener Katholischen Akademie.

Außerdem war er jahrelang Sachverständiger beim erzbischöflichen Metropolitan- und Diözesangericht Wien und Eisenstadt. Darüber hinaus war Professor Roth Berater und Vertrauter bei höchsten kirchlichen Stellen in vielen heiklen Fragen im Grenzbereich Psychiatrie. Dabei war er wegen seiner sachlichen, nüchternen und kompetenten Analysen bekannt und hochgeschätzt. Typisch dafür ist die Begebenheit, als Prof. Roth einmal verzweifelt in ein Kloster um Hilfe gerufen wurde, wo eine alte Schwester ihre Mitschwestern in Angst und Schrecken versetzte, weil sie im ganzen Haus regelrechte Weihwasserüberschwemmungen anstellte, um den Teufel auszutreiben. Professor Roth hat diesen „religiösen Wahn“ souverän und nüchtern mit einem Medikament zur Förderung der Gehirndurchblutung ausgetrieben.

Schon sehr früh hat Professor Roth Kontakte zur internationalen Vereinigung Katholischer Ärzte geknüpft und wurde bald weit über unser Land bekannt und geschätzt. Es folgten Einladungen zu Vorträgen und Gastvorlesungen in aller Herren Länder. Er wurde Professor für Pastoralmedizin am internationalen kirchlichen akademischen Institut Rolduc in den Niederlanden, Konsultor der Päpstlichen Kommission für das Krankenapostolat, Mitglied der Redaktion der Vatikanischen Zeitschrift „Dolentium Hominum", und Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben seit der Gründung 1994.

Und nun komme ich vielleicht zu dem markantesten Spezifikum des Wirkens und der Wirksamkeit von Professor Roth überhaupt; nämlich zur Tatsache, dass Professor Roth in all den Jahren und Jahrzehnten des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs die Pastoralmedizin als Vehikel genützt hat, um von Wien aus den Kontakt zu den katholischen Ärzten und den Katholiken überhaupt im Ostblock aufrecht zu erhalten. Er hatte in dieser Zeit unzählige Vortragsreisen in fast alle Länder des Ostens unternommen und unter dem Deckmantel der Pastoralmedizin dort christliches Gedankengut verbreitet. Die Kommunisten haben seine Vorträge und Reisen in den Osten geduldet, weil sich dort unter Pastoralmedizin niemand etwas Rechtes vorstellen konnte; keinesfalls kamen sie auf die Idee, dass hier eine christliche Botschaft verkündet wurde. Jedenfalls bekam Professor Roth unter diesem Titel relativ leicht eine Einreisegenehmigung. Umgekehrt ist es ihm auch gelungen, durch die Organisation von pastoralmedizinischen Tagungen in Heiligenkreuz über viele Jahre Kollegen aus dem Ostblock einen Besuch im Westen zu ermöglichen. In diesem Sinne hat Professor Roth sozusagen die Rolle eines Osteuropaapostels ausgefüllt, indem er die christlichen Brücken zwischen Ost und West auch in den schwierigsten Jahrzehnten vor der Wende aufrechterhalten hat.

Eine besondere Begebenheit möchte ich in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen, nämlich als Professor Roth 1977 zu einem Gastvortrag nach Krakau eingeladen wurde. Er hatte den zweiten Vortrag bei dieser Tagung zu halten. Sein Vorredner war niemand geringerer als der damalige Kardinal Karol Wojtyla, und die beiden Männer haben sich bei dieser Tagung näher kennen gelernt. Der Kardinal fasste ein so großes Vertrauen zu Professor Roth, dass er ihm anbot, mit seinem Chauffeur eine „Kunstreise“ – wie er es nannte – durch seine Diözese zu machen. In Wirklichkeit fuhr der Chauffeur eine ganz bestimmte Route ab, um heikle Privatpost des Kardinals unauffällig an den Mann zu bringen. Noch bis heute hat der Papst Professor Roth nicht aus den Augen verloren.

Man fragt sich natürlich schon, wie ein einziger Mensch so viele Aufgaben auf einmal bewältigen kann und wo unser Jubilar Zeit dafür hergezaubert hat. Und das denke ich, wäre unmöglich gewesen, wenn Professor Roth nicht das Glück gehabt hätte, eine Frau zur Seite zu haben, die ihn in all diesen Aktivitäten rückhaltlos unterstützt und ihm viel Arbeit abgenommen hätte.

Gottfried und Ingeborg Roth haben 1952 geheiratet und fünf Kinder aufgezogen und sind jetzt schon Großeltern von zehn Enkelkindern.

Zum Schluss meiner kleinen Laudatio möchte ich nicht nur die Gelegenheit wahrnehmen, Professor Roth zum 80. Geburtstag zu gratulieren und alles Gute für seine weitere Zukunft zu wünschen, sondern ich möchte ihm vor allem auch danken:

Er hat keinen spektakulären medienwirksamen Lebensweg inszeniert, wie das sonst so üblich ist, aber er hat uns jungen Ärzten in großer Bescheidenheit ein Vorbild echten Arzttums vorgelebt. Er hat uns aufgezeigt, dass Arztsein mehr verlangt als nur naturwissenschaftliches Können und Wissen, sondern dass es dazu einer umfassenden menschlichen Bildung bedarf. Wenn man bei Professor Roth auf Besuch kommt, so geht man zunächst durch einen Korridor von Büchern in seine Privatbibliothek. Dort steht in einer Ecke eine einmanualige mechanische Orgel und hier finden regelmäßig Hauskonzerte im Freundeskreis statt.

Man kann mit Fug und Recht unseren Jubilar als einen der wenigen Gelehrten unserer Tage im Sinne des humboldtschen Bildungsideals bezeichnen. Als besonderes Verdienst und Charakteristikum seiner Arbeit und seines Lebens überhaupt möchte ich dabei vor allem dafür danken, dass Professor Roth auch in turbulenten Zeiten als Richtschnur seines Wirkens stets die Treue zur Lehre der Kirche und des Papstes gehalten und uns Jüngeren aufgezeigt hat, dass sich seriöse Wissenschaft und christliche Ethik nicht widersprechen, sondern einander in fruchtbarer Weise ergänzen.

Anschrift des Autors:

Prof. Dr. Johannes Bonelli
Direktor des KH St. Elisabeth
Landstraßer Hauptstraße 4a
A-1030 Wien

Institut für Medizinische
Anthropologie und Bioethik
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