Editorial

Imago Hominis (2005); 12(1): 5-7

Ist die pharmazeutische Industrie in ethischer Hinsicht besser als ihr Ruf? Ist sie wirklich geldgierig? Macht sie „Geschäfte“ mit der Gesundheit? Schaut sie nur auf den Shareholder Value? In der letzten Zeit wird in der Tagespresse aber auch in den international angesehenen medizinischen Fachzeitschriften immer lauter Kritik am ethischen Verhalten der Pharmaindustrie geübt. Der Ruf dieser Branche wird dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen.

Ereignisse wie Lipobay vor ein paar Jahren oder Paxil, Vioxx oder Celebrex in der jüngsten Vergangenheit eignen sich bestens zur Skandalisierung durch die sensationsgierigen Tages- und Wochenzeitungen. Die Kritik dieser Medien darf bestenfalls als ein auf vagen Verdachtsmomenten beruhendes ungeprüftes, meistens auch unüberprüfbares Vorurteil gewertet werden. Das Malheur liegt aber darin, dass, sobald solche Verdachtsmomente in der Medienwelt die Runde machen, nachhaltige Rufschäden verursacht werden. Das ist eine sehr bedauerliche Ungerechtigkeit. Eigentlich müsste man verhindern können, dass der gute Ruf von Institutionen durch die Vorverurteilung in den Medien Schaden erleidet.

Anders muss aber die Kritik in den Fachzeitschriften bewertet werden, denn die Beiträge in diesen Medien kommen in der Regel aus Expertenfedern und werden von weiteren Experten auf ihre wissenschaftliche Sorgfalt streng geprüft. Abgesehen davon spricht die Tatsache, dass diese Medien auf die Zuwendungen und Werbeeinschaltungen der pharmazeutischen Industrie angewiesen sind, sehr für sich. Sie könnten sich eine unbegründete Kritik nicht leisten. Deshalb müssen die kritischen Stimmen dieser Medien ernst genommen werden.

Die pharmazeutische Industrie hat es nicht leicht. Sie ist vielleicht wie kaum eine andere Branche gezwungen, gleichzeitig in zwei an sich inkompatiblen Wirtschaftsorganisationssystemen zu operieren. Effizienz, Innovation, Dynamik, Anpassungsfähigkeit und soziale Verantwortlichkeit sind die fünf Edelsteine, mit denen diese Industrie sich und ihr Image gerne schmückt. Das ist auch ein ethischer Auftrag an die Pharmaindustrie, die ihrerseits für sich in Anspruch nimmt, diese Anforderungen gut zu erfüllen. Wie könnte ein solches Profil erfüllt werden, wenn nicht mit einer klaren marktwirtschaftlichen Orientierung? Der Wettbewerb der vielen Produzenten und der Zwang im Kapitalmarkt zu bestehen, können als überlegene Antriebskräfte der Produktivität, Innovation und Flexibilität nicht wegdiskutiert werden. Die großen Fortschritte der Pharmakologie wären wahrscheinlich in einer nicht-marktwirtschaftlichen Betriebsführung und Organisation undenkbar. Auf der anderen Seite ist die öffentliche und die private Gesundheit eine prioritäre Aufgabe des Staates, der zum Schutze des Gemeinwohls in die Gesundheitsverwaltung und besonders im Arzneimittelmarkt mit zahlreichen Regulierungen und Kontrollen eingreift. Die Pharmaindustrie muss also die liberalen Spielregeln des wettbewerblichen Marktes mit den rigiden Vorschreibungen und Kontrollen einer mehr oder weniger zentral organisierten Gesundheitsverwaltung kompatibel machen. Die Gratwanderung zwischen der Verantwortung gegenüber den Aktionären und der Belegschaft einerseits und den Patienten andrerseits stellt sich nicht unproblematisch dar. Die Interessenskonflikte zwischen Kapitalmarkt, Forschungsprogrammen, Informationspflicht, Sicherheitsstandards und Versorgung bringen die Pharmafirmen in eine Vielfalt von Situationen, in denen Ethik gefragt ist.

Zurück zur Eingangsfrage: Ist die pharmazeutische Industrie in ethischer Hinsicht besser als ihr Ruf? Ja und Nein.

Was die Erfüllung des ethischen Auftrags, effizient, innovativ, dynamisch, und anpassungsfähig zu operieren, angeht, schneidet sie im Vergleich mit den anderen Branchen überdurchschnittlich gut ab. Hier können die Kritiker kaum ansetzen, und man kann nicht kurzsichtig behaupten, wie dies oft der Fall ist, dass diese Eigenschaften nur den Aktionären, nicht aber den Patienten zu Gute kommen. Da hat die Pharmaindustrie in ethischer Hinsicht Anspruch auf einen guten Ruf.

Was die soziale Verantwortung anbelangt, muss man differenzieren: Auf der einen Seite stimmt die Kritik, dass die Pharmaindustrie um die reichen Länder bemüht ist, während sie für Krankheiten der Dritten Welt nur sehr wenige Mittel aufwendet. Auch wenn sie da und dort in der letzten Zeit bereit war, für Entwicklungsländer besondere Konditionen anzubieten, ist der Einsatz der Pharmaindustrie für die Dritte Welt zu gering. In Zeiten, in denen sich die Wirtschaft ständig mit dem Schlagwort CSR (Corporate Social Responsibility) schmückt, müsste man einen viel stärkeren sozialen Einsatz der Pharmaindustrie erwarten können.

Die Kritik an der Branche bezüglich der Zurückhaltung von wichtigen Informationen, oder in Anbetracht des beinharten Umgangs mit der eigenen und der akademischen Forschung, oder bezüglich der Umgehung der staatlichen Kontrollen durch zweifelhafte Mittel, oder ob des Versuchs, die Ärzteschaft mit getarnten Geschenken zu gewinnen, lässt zumindest ernste Zweifel an der sozialen Kompetenz aufkommen. Auf der anderen Seite muss man der Pharmaindustrie zu Gute halten, dass sie sich in vielen Ländern als einzige Branche öffentlich zu gewissen Regeln bezüglich ihrer Informationspflichten, ihres Umgangs mit der Forschung und mit den Ärzten, die weit über das gesetzlich Geforderte hinausgehen (Verhaltenskodex), freiwillig verpflichtet hat. Warum hat sie es getan? Aus selbstloser Liebe zur Ethik? Sicher nicht. Diese Branche scheint mehr als jede andere überzeugt zu sein, dass es zwar möglich ist, Gewinne auf Kosten der Ethik zu machen, aber diese sind immer nur kurzfristig, weil sie sich mittelfristig in große Belastungen umwandeln und große finanzielle Einbrüche bringen. Sie weiß auch, dass sie so lange marktwirtschaftlich operieren kann, als sie um jene Verantwortung bemüht ist, die der Respekt vor der Gesundheit der Menschen, denen sie dienen soll, erfordert. Sie weiß aber sehr gut, dass durch Verfehlungen einzelner Firmen staatlicher Handlungsbedarf entsteht, was zu Eingriffen im markwirtschaftlichen Freiraum führen würde. Ethikkodices sind also in erster Linie Mahnmale für die Firmen der Branche selbst, um sie an das Damoklesschwert gesetzlicher Regulierungen zu erinnern. Diese Kodices gehören sicher zur Schutzstrategie der Interessen des Kapitals.

Gelingt es aber der Branche, alle Firmen dazu zu verpflichten? Gibt es in der Branche sonst keine ethischen Probleme?

Diese Fragen wurden in den Aufsätzen dieses Heftes behandelt. M. Müller befasst sich mit der Praxis der Drittmittelfinanzierung, die sicherlich eine wichtige Treibkraft der Forschung ist, die aber ethische Schatten über die Freiheit der Forschung wirft. H. Pittner erläutert die Problematik der europäischen und nationalen Verfahren der Arzneimittel-Zulassung, und F. Kummer stellt exemplarisch für andere einen der großen Problemfälle der jüngsten Vergangenheit auch in ethischer Hinsicht dar.

Schließlich hat E. Prat versucht, die seriöse Kritik am ethischen Verhalten in der Pharmaindustrie zu sichten, zu prüfen und zu bewerten. Die Schlussfolgerung dieser Analyse ist, dass es wenig Grund gibt, den allgemeinen guten Ruf der Pharmaindustrie in Frage zu stellen. Aber die Branche wäre gut beraten, ihre bestehenden Bemühungen um Ethik zu stärken und die Firmen vermehrt externen Kontrollinstanzen im Sinne eines ethischen Controllings zu unterwerfen.

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