Editorial

Imago Hominis (2007); 14(2): 107-109

„Embryonale Stammzellen sind Tumorzellen.“ Alle mit der Materie befassten Wissenschaftler wissen es, obwohl nur wenige wagen, es auszusprechen oder die Konsequenzen, die sich aus dieser Feststellung ergeben, auf den Tisch zu legen. Der Wiener Molekularpathologe Lukas Kenner nahm sich Ende Mai 2007 anlässlich eines Symposiums des Deutschen Bundesverbandes Lebensrecht (BVL) zur Stammzellenforschung in Berlin kein Blatt vor den Mund (Die Tagespost, 26. Mai 2007). Auch nicht, als er kurz davor die Abgeordneten bei einem Hearing im Biotechnologischen Ausschuss im Bundestag an dieses Faktum nüchtern erinnerte. Tatsache ist, dass sich embryonale Zellen nur im Embryo selbst wie normale Zellen verhalten, im fremden Gewebe aber weitgehend unkontrolliert wuchern und wachsen, also gefährlich sind wie Krebs. Und trotzdem wollen viele Forscher unbedingt mit menschlichen embryonalen Stammzellen (ES) arbeiten.

Die Forscher sind in der Öffentlichkeit aktiv. Sie sind ein politischer Machtfaktor geworden. Sie haben gelernt, in der Öffentlichkeit selbstbewusst und zielstrebig aufzutreten. In Deutschland wurde das in den vergangenen Wochen gut vorexerziert.

Wissenschaftler forderten eine Änderung des Stammzellgesetzes. 2002 hatte das deutsche Parlament beschlossen, dass Forscher bei hoher Strafandrohung nur an solchen embryonalen Stammzellen arbeiten dürfen, die vor dem 01. 01. 2002 im Ausland hergestellt wurden („Stichtagsregelung"). Die geltende Regelung ist Frucht einer langen Debatte gewesen, ein Kompromiss, der sicher nicht optimal ist, denn die Gewinnung von ES erfordert immer noch die Tötung von Embryonen. Es wäre daher besser oder sogar geboten gewesen, auf die Forschung mit ES zu verzichten. Das war allerdings politisch vorerst nicht durchsetzbar. Insofern ist die Regelung ein moralisches Minimum, an dem niemand mehr rütteln sollte.

Doch es kam anders. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) forderte nun vehement, die Stichtagsregelung aufzuheben, die Strafandrohung für Wissenschaftler zu streichen und die Einfuhr embryonaler Stammzellen für therapeutische oder diagnostische Anwendungen zu ermöglichen. Sie will, dass die Gesellschaft dem Verantwortungssinn der Forscher vertraut.

Die Gesellschaft tut jedoch gut daran, so einen Blankoscheck nicht zu unterzeichnen. Seit Jahren versprechen hochdotierte Wissenschaftler Heilung von schweren Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson, alles dank der embryonalen Stammzellenforschung. Therapien haben sie bis heute noch keine entwickelt, und es ist auch weit und breit keine in Sicht. Dagegen findet die Behandlung mit adulten Stammzellen bereits jetzt schon zahlreiche klinische Anwendungen.

Nun ist es Anfang Juni zwei Forscherteams, einem in den USA rund um Rudolf Jaenisch und einem in Kyoto rund um Shinya Yamanaka unabhängig voneinander gelungen, ausgereifte Körperzellen von Mäusen in junge, pluripotente Stammzellen (iPS = induzierte Pluripotente Stammzellen) zurückzuverwandeln, die sehr nahe an die ES herankommen. Es also ist kein Verbrauch von Embryonen mehr nötig! Einer der prominentesten Forscher Deutschlands, Hans Schöler, betitelte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 8. Juni 2007 einen Kommentar zu diesen neuen Ergebnissen mit dem für die Gegner der embryonalen Stammzellforschung provokanten Titel „Entspannt Euch!" Doch wer glaubt, dass Schöler nun damit das Ende der embryonalen Stammzellenforschung einläuten wollte, irrt. Diese Forschung solle weitergehen, bis der neue Weg tatsächlich einen „gleichwertigen" Ersatz für die ES liefert.

Nicht viel anderes drückt sich Rudolf Jaenisch aus, der aus Deutschland stammende Forscher, dem diese Umwandlung von adulten Zellen in iPS gelungen ist: „Ich habe große Sorge, dass unsere Ergebnisse politisch missbraucht werden, um die bereits laufende Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen zu diskreditieren. Das wäre fatal. Wir brauchen diese Zellen als goldenen Standard, nur von ihnen können wir lernen, was natürlicherweise passiert. Außerdem müssen wir erst noch zeigen, dass unser Prozedere nicht nur bei Mäusen funktioniert, sondern auch beim Menschen." (FAZ, 6. Juni 2007) Dazu kann man nur sagen: Herr Jaenisch, keine Angst, wir wollen die embryonale Stammzellforschung nicht diskreditieren, wir wollen sie stoppen! Jetzt erst recht, wo neue Erkenntnis und Forschungsfelder vor uns liegen.

Das Argument des „goldenen Standards“ ist äußerst fragwürdig. Lernen allein legitimiert gar nichts, wenn es sich um eine ethisch so umstrittene Angelegenheit handelt. Erstaunlich ist außerdem, dass ES notwendig sind, um dieses Experiment beim Menschen auszuprobieren. Bei diesem Prozedere würden ES doch gar keine Rolle spielen, vorausgesetzt, es wurde richtig dargestellt.

Warum machen trotz ethisch sauberer und attraktiver Alternativen Wissenschaftler wie derzeit in Deutschland Druck, dass die embryonale Stammzellenforschung freigegeben wird? Diese Warum-Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die Übertretung des Verbotenen ist eine ewige Versuchung. Eine Übertretung, die außerdem an ein Heil(ung)sversprechen geknüpft ist. Die Botschaft ist also positiv – wer will nicht geheilt werden und ewig leben? Vielleicht wiederholt sich hier die uralte Versuchung, wie sie im dritten Kapitel der Genesis geschrieben steht. Damals versicherte die Schlange Eva, die sich zu Tode fürchtete: „Nein, ihr werdet nicht sterben, ihr werdet wie Gott." Eine klare Heilsbotschaft. Wer kann da widerstehen? Forscher stecken heute auch in dieser Klemme, ein wenig „wie Gott" zu werden und Menschen und Medien zu verführen mit Versprechungen von Unsterblichkeitsvisionen und der Ausrottungen von Krankheiten. Außerdem wird ein Stellvertreterkrieg geführt: Der Embryo wird hier als eine Galionsfigur im Streit um die Freiheit der Forschung missbraucht, ihren Ruhm und ihre Macht. Die Freiheit der Forschung hat jedoch eine Grenze: die Menschenrechte. Der Mensch, auch als Embryo, muss Vorrang haben vor irgendwelchen sekundären Rechten.

Tatsache ist, dass in den USA derzeit mehr als 1.500 klinische Studien mit adulten Stammzellen angemeldet sind, kein einzige jedoch mit ES. Wer will schon von Parkinson geheilt werden, aber als Folge davon an Krebs erkranken? Die Studien von Yamanaka und Jaenisch geben eigentlich jenen Recht, die von Anfang an die ES-Forschung auf den Tierbereich limitieren und beim Menschen nur mit adulten Stammzellen arbeiten wollten. Ist es wirklich so schwierig anzuerkennen, dass das der richtige Weg ist?

In diesem Heft führen wir die Auseinandersetzung zum Thema Evolution fort. Das positive Echo auf die – durchaus divergierenden – Beiträge im Heft „Evolution I" hat uns gefreut. Die Diskussion geht hiermit in die 2. Runde…!

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