Lost in information? Patienten, Ärzte und das Internet

Imago Hominis (2010); 17(2): 105-111
Stephan Sahm

Zusammenfassung

Das Internet und Elektronachrichtendienste als bedeutsame Beispiele neuer Informationstechnologien bereichern das Instrumentarium der Medizin. Doch sie fordern gleichzeitig das Selbstverständnis der Medizin heraus. Bislang hatten Ärzte die Hoheit über den Informationsfluss. Jetzt liegt die Verfügungsgewalt nahezu ungehindert in den Händen der Patienten. Die Qualität der Informationen über Gesundheit und Krankheit ist häufig mangelhaft. Die Geschwindigkeit, mit der sie verbreitet werden, untergräbt das Prinzip der Verlangsamung als Voraussetzung wissenschaftlichen Diskurses. Internetbasierte Technologie zur Überwachung der Compliance von Patienten bedroht deren Privatsphäre. Das Aufkommen des Internet-Doktors gefährdet die Beziehung von Patienten zu ihren Ärzten. Angesichts der vielen mit der Einführung neuer Technologien verbundenen Vorteile geht es nicht darum, ihren Gebrauch im Sinne einer bloß traditionsverhafteten Kulturkritik zu beklagen. Doch unzweifelhaft haben sie Auswirkungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis und auf den Umgang mit Krankheit und Gesundheit. Daher bedarf die Einführung der neuen Informationstechnologien in die Praxis der Medizin einer kritischen Begleitung, um Missbrauch vorzubeugen.

Schlüsselwörter: Informationstechnologie, medizinische Praxis, Internet-Doktor, Arzt-Patienten-Verhältnis

Abstract

The use of internet-technology and e-mail-services have enriched the armamentarium of medical practice. Yet, some of the new developments may challenge medicine’s self concept: So far physicians have had the power over flow of information which is now almost completely in the hands of lay people. The information found in the internet is often of low quality. The velocity which the information is spread with endangers the principle of discourse which is a pre-condition of gaining knowledge in science. Internet based surveillance technology may compromise a patient’s privacy. The event of the internet-doctor may erode the highly sensitive patient-physician relationship. The introduction of new technology into medical practice is not to moan about. Yet, it deserves careful scrutiny to prevent abuses.

Keywords: Information Technology, Medical Practice, Internet Doctor, Patient-Physician-Relationship

Anschrift des Autors:

PD Dr. med. habil. Stephan Sahm, Chefarzt Medizinische Klinik I, Ketteler-Krankenhaus, Lichtenplattenweg 85, D-63071 Offenbach/Main
und
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Goethe-Universität, Paul-Ehrlich-Strasse 20-22, D-60596 Frankfurt/Main






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